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Stuttgart

VON DER BÜHNE IN DEN VIDEO-STREAM

„Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski als Online-Version



„Variations Don Giovanni“ hieß 1979 ein Ballett von Maurice Béjart für sechs seiner prominentesten Ballerinen. Katja Erdmann-Rajski nennt ihre Kreation „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“: kein Gegenentwurf, sondern der Versuch, ein ganzes Gefühlspanorama aus der Musik herauszuhören, anstatt eine Geschichte zu erzählen.


  • „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski Foto © Oliver Röckle
  • „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski Foto © Oliver Röckle
  • „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski Foto © Oliver Röckle
  • „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski Foto © Oliver Röckle
  • „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski Foto © Oliver Röckle
  • „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski Foto © Oliver Röckle

„Variations Don Giovanni“ hieß 1979 ein Ballett von Maurice Béjart für sechs seiner prominentesten Ballerinen. Katja Erdmann-Rajski nennt ihre Kreation „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“: kein Gegenentwurf, sondern der Versuch, ein ganzes Gefühlspanorama aus der Musik herauszuhören, anstatt eine Geschichte zu erzählen. Anders als Béjart, den Chopins Klaviervariationen über „Là ci darem la mano“ noch zu einem durchaus männlichen Blick auf „Don Giovanni“ inspirierte, interpretiert sie das Dramma giocosa als BodyOpera, als eine Oper, die der Musik einen Körper gibt – keine Kostümierung, kein Dekor, bloß zwei Stühle, und zunächst nur Martin Angiuli, dem sich später Julia Brendle, Laura Guy und Saskia Hamala zugesellen. Mehr nicht. Die Musik allein erzeugt die Emotionen, und zwar so intensiv, dass sich ihr die vier Interpreten willig ergeben. Sie fährt den vieren gleichsam in die Glieder, und wie von selbst ergeben sich Situationen, die an die Vorlage erinnern. Katja Erdmann-Rajski muss ihre BodyOpera also nicht groß bebildern, um etwas sichtbar zu machen. Und wenn, weiß ohnehin jeder gleich, warum auf dem Boden registerartig Kleidungsstücke ausgebreitet werden - auch wenn es sich nur um 25 Beweismittel handelt und nicht um „mille e tre“.

Eine der schönsten Szenen zeigt Laura Guy, ganz ruhig an einem Tisch sitzend. Sie will sich wegdrücken, doch ihre Gedankenmusik ist so übermächtig, dass sie gar nicht anders kann, als sich auf den Tisch zu schieben. Und Stück um Stück nähert sie sich der süßen Versuchung, wie auch immer die am Ende ausfallen mag. Der Tisch selbst mutiert zur Wand, kaum dass ein Mann auftaucht - und wenn auch das szenische Element Corona-bedingt seine spezielle Anwendung findet, dient es hier nicht nur als Barriere, sondern wird zur Tür, durch die Don Giovanni symbolkräftig einzudringen sucht. Mal abgesehen von den vielfältigen choreografischen Möglichkeiten, die sich durch eine derartige Distanzierung ergeben.

Auch in früheren Arbeiten ist die Stuttgarter Choreografin (und Dozentin im Bereich Kulturpädagogik/Kulturelle Bildung an der EH Darmstadt) immer mal wieder in Grenzbereiche zwischen Tanz, Text und Theater vorgestoßen. In „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ kommt ein partizipatorisches Moment hinzu. Ein Dutzend „Tanzinteressierte“ haben sich an der Entwicklung dieses Mozart-Projekts beteiligt, und Katja Erdmann-Rajski bringt sie am Ende des ersten Aktes nicht bloß zum Improvisieren. Sie zeigt auch ein paar Szenen zuvor, wie unterschiedlich, vor allem wie authentisch sich Erotik gestalten kann, wenn die Hüllen auf individuelle Weise fallen – vorausgesetzt, es finden sich so mutige Darsteller*innen wie hier.

Nach der Pause macht Katja Erdmann-Rajski die Musik auch noch zum Raum. Jetzt agieren die Tänzer und Tänzerinnen im Treffpunkt Rotebühlplatz nicht mehr wie zuvor auf einer Bühne, sondern in einem Treppengehäuse, das einen sofort an eines der berühmtesten Bilder Oskar Schlemmers denken lässt. Der Tanz auf der Bauhaustreppe wäre sicher ein spannendes Thema. Hier indes offenbart sich darin überaus reizvoll eine „Geometrie der Gefühle“, wie Max Frisch seine „Don Juan“-Komödie alternativ getitelt hat. Und selbst in der dokumentarischen Aufzeichnung zum Hausgebrauch, die jetzt als Ersatz für Live-Aufführungen auf dem YouTube-Kanal der VHS Stuttgart gestreamt wird, lässt sich der Perspektivenreichtum dieser BodyOpera noch gut erkennen: als ein grafisches Bewegungsmuster, das ganz unbewusst an die Kinetografie von Rudolf von Laben erinnert, der einst an dieser Volkshochschule gewirkt hat. Vor allem aber als eine ingeniöse Choreografie, die am Schluss sogar Don Giovanni noch einen starken Auf-, bzw. Abtritt gönnt: Auf dem Weg vom Himmel zur Hölle, holt ihn nicht nur die eigene Vergangenheit ein; sein Körper scheint sich inmitten des Ensembles wie der Musik gänzlich aufzulösen. Der Rest ist Schweigen. Und hoffentlich mal wieder eine Aufführung, die einem die BodyOpera auch physisch erlebbar macht.


Als kostenloser Videostream zu sehen am 12. Dezember (20 h) und am 13. Dezember (17 h) unter Volkshochschule Stuttgart oder direkt bei YouTube.

Veröffentlicht am 13.12.2020, von Hartmut Regitz in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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