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Berlin

SCHWARZE BALLERINA ERLEBT DISKRIMINIERUNG

Rassismus-Vorwürfe am Staatsballett Berlin



Die französische Ballerina Chloé Lopes Gomes wurde vor zwei Jahren in das Staatsballett Berlin aufgenommen. Nun erhebt sie schwere Vorwürfe gegen eine Ballettmeisterin der Kompanie, sie rassistisch beleidigt zu haben.


  • Staatsballett Berlin_Schwanensee Foto © Yan Revazov
  • Staatsballett Berlin: "La Bayadere" von Alexei Ratmansky Foto © Yan Revazov
  • Staatsballett Berlin_Jewels Foto © Carlos Quezada

In letzter Zeit brodelt es immer wieder in der Ballett-Welt. Passen Tradition, Disziplin und Einheitlichkeit noch in unsere heutige Zeit, die doch vor allem durch Heterogenität und Diversität geprägt ist? Diese Frage beschäftigt die Tanzwelt gerade aufs Neue, seit Rassismus-Vorwürfe am Berliner Staatsballett erhoben wurden.

Die schwarze Ballerina Chloé Lopes Gomes habe von einer Ballettmeisterin des Berliner Staatsballetts rassistische Kommentare zu hören bekommen und sei aufgefordert worden, sich für Aufführungen von „Schwanensee“ weiß zu schminken, sagte die 29-jährige Lopes Gomes dem Spiegel. Außerdem habe die Ballettmeisterin ihr gesagt, dass man nur auf sie schaue, weil sie schwarz sei. Die Ballettmeisterin will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Die Vorfälle geschahen in der Zeit der Intendanz von Johannes Öhman und Sasha Waltz. Gegenmaßnahmen seien nach Angaben der Tänzerin nicht ergriffen worden. Interimsintendantin Christiane Theobald zeigt sich schockiert und drängt auf eine gründliche Aufarbeitung der Vorfälle. Sie habe die Senatsverwaltung für Kultur informiert und eine Aufklärungs- und Präventionskampagne gestartet. Mithilfe der Organisation „Diversity Arts Culture“ soll ein Zukunftskonzept verabschiedet werden.

Die Tanzkritikerin Dorion Weickmann ist vom Rassismus am Ballett nicht wirklich überrascht: „Es gibt wahrscheinlich sehr viel mehr, als wir denken.“ Es gebe wohl in vielen Compagnien mehr oder weniger unterschwellige Strömungen, die aber nicht immer an die Oberfläche gelängen. Das verwundert nicht, sind die Tänzer*innen in den festen Ballett-Kompanien doch durch ihre prekären Verträge in einer komplizierten Abhängigkeit von der künstlerischen Leitung. Ihnen kann von Spielzeit zu Spielzeit aus nicht weiter definierten „künstlerischen Gründen“ gekündigt werden. Dies war vermutlich auch der Grund, warum Lopes Gomes erst jetzt – nachdem ihr Vertrag nicht verlängert wurde – vom erlebten Rassismus spricht.

Nach Ansicht der Organisation „Dancersconnect“ hat der Fall weit über Berlin hinaus Bedeutung. Friedrich Pohl, Vorstandsmitglied des Tänzernetzwerks, sieht jetzt die Chance, eine verbindliche Linie für die gesamte Tanzszene zu entwickeln: „Es ist an der Zeit, einen Code of Conduct aufzustellen, der alle Arten von Diskriminierung ächtet und Bestandteil sämtlicher Arbeitsverträge wird.“ Dorion Weickmann fordert darüber hinaus, dass auch das Repertoire zu überdenken sei. An der Oper Paris – laut Weickmann „der Hort der Tradition schlechthin“ – haben fünf Tänzer im September ein Manifest geschrieben, in dem sie antirassistische Maßnahmen gefordert hätten – und zwar nicht nur innerhalb der Compagnie, sondern auch innerhalb des Repertoires. Dies sei – so Weickmann – interessant, weil mit den Klassikern „Schwanensee“ und „La Bayadère“ Themen auf der Ballettbühne vorhanden seien, „die wir heute einfach diskutieren müssen“.

Damit steht das Ballett erneut vor einer Sinnfrage. Geht es einerseits gerade um Einheitlichkeit, Tradition und das Bewahren des klassischen Kanons, stellt die Realtität unserer Gesellschaft und auch der Tänzer*innen heute meist das Gegenteil dar. Wie sollen Homogenität bei gleichzeitiger Forderung nach Diversität in der Kultur vereinbar sein? Das Ballett muss sich dringend grundlegenden Fragen stellen und möglicherweise Veränderungen in Kauf nehmen, um weiterhin gesellschaftsrelevant zu sein.

Veröffentlicht am 23.11.2020, von tanznetz.de Redaktion in Homepage, News 2020/2021

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Kommentare zu "Schwarze Ballerina erlebt Diskriminierung"



    • Kommentar am 25.11.2020 22:41 von Traviata
      Dazu gibt es einen Kommentar von einer Augenzeugin der "Leistung" von Chloe. Hier der Link



    • Kommentar am 25.11.2020 22:42 von Traviata
      Komisch, der Link erscheint gar nicht!

      Ich versuch es noch einmal, ansonsten - wenn es wieder nicht geht - kann ich nur auf das Forum verweisen (unter "Berlin")!

      http://ballett-journal.de/staatsballett-berlin-rassismus-vorwurf-chloe-lopez-gomes/
    • Kommentar am 27.11.2020 08:21 von zirkusprinzessin
      Liebe Frau Weickmann, bis gestern dachte ich in meiner grenzenlosen Naivität noch, Rassismus würde es in der Ballettwelt wegen deren internationaler Struktur nicht geben, dafür umso mehr Neid. Rassisten sind aber leider in allen gesellschaftlichen Bereichen vertreten. Sie müssen immer und überall in Ihre Schranken gewiesen werden, auf der Arbeit durch Abmahnung, wenn das nicht hilft, durch außerordentlicher Kündigung. Da beißt die Maus keinen Faden ab! Den Bühnentanz deshalb jedoch ganz in Frage zu stellen, nur weil es dort Rassisten gibt wie im Rest der Welt, das macht für mich keinen Sinn. Bleiben Sie gesund!
      • Kommentar am 27.11.2020 10:40 von Traviata
        Ach du liebe Güte, wer sagt denn, ob die Anschuldigung von Frau Chloe Lopez Gomez überhaupt berechtigt ist?

        Ist es nicht womöglich nur die "Retourkutsche" für die Nichtverlängerung ihres Vertrages?

        Nur weil jemand ein Farbiger ist, muss nicht alles zutreffen (wahr sein!), was er behauptet. Was natürlich genauso viceversa für alle Hellhäutigen gilt!

        Also bitte: Beweise und Belege müssen her.
    • Kommentar am 28.11.2020 21:04 von Sabine
      Es wird eine interne Aufklärung im Staatsballett dazu geben. Die Massnahmen hat Frau Theobald in der SZ genannt. Rassismus muss benannt und bekämpft werden, wo immer er auftritt. Das Ballett bildet da keine Ausnahme. Zu dem üblichen Geschwafel im Ballett Journal kann ich nur sagen: wenn man nicht dabei war (im Ballettsaal), einfach mal den Ball flach halten. Was in dieser einen Vorstellung war, rechtfertigt nicht diese verallgemeinernde Beleidigung gegenüber Frau Lopes Gomes.

      Sachlicher professioneller Journalismus ist das nicht.
    • Kommentar am 30.11.2020 12:08 von Berlintänzerin
      Und was wäre, wenn Sasha Waltz und Johannes Öhmann in ihrem Bemühen um Diversität über das Ziel hinausgeschossen sind und eine Tänzerin engagiert haben, die den technischen Anforderungen nicht gewachsen war, aber eben der angestrebten Diversität zuträglich?

      Was wäre, wenn die Ballettmeisterin, darum bat, dass sich die Tänzerin dunkel schminkt, weil sonst alle wegen ihrer Hautfarbe auf sie schauen? Dann wären es vielleicht nicht 2 rassistisch verstandene Bemerkungen sondern eine mit Begründung?
    • Kommentar am 30.11.2020 12:10 von Berlintänzerin
      Auch wenn das Ballettjournal manchmal den Nagel auf den Kopf trifft, liest sich das wenig wie zuverlässiger Journalismus. Sooooo lang und furchtbar wichtig.
    • Kommentar am 30.11.2020 13:14 von tanznetz.de Redaktion
      Sandra Luzina dazu im Tagesspiegel
      • Kommentar am 30.11.2020 15:16 von Traviata
        Also es heißt doch, dass alle fünf Ballettmeister und -meisterinnen sich gegen die Vertragsverlängerung dieser Chloe ...sowieso... ausgesprochen haben. Die werden ja wohl nicht alle "Rassisten" sein. Es ist doch auch in keinster Weise "rassistisch", wenn von der Leitung verlangt wird, sich entsprechend dem Design einer Inszenierung zu schminken! Ich erinnere da nur an Patrice Barts Wunsch, dass sich in "Giselle" alle Wilis mit schwarzen Haaren zeigen (müssen), egal ob Perücke oder Eigenhaar!

        Wenn ich als Zuschauer den "Schwanensee" in einer traditionellen Inszenierung sehe - und auch der in Berlin von Patrice Bart ist "traditionell" - , dann will ich, dass die Schwäne einheitlich aussehen!

        Für "Black Lives Matter"-Aktionen ist ein klassisches Ballett der falsche Ort!

        Vielleicht hat Chloe wirklich nicht die technischen Fähigkeiten für eine Truppe wie das SBB. Die braune Haut hilft da nicht weiter, wo sie das Bein nicht hoch genug hält oder sich unmusikalisch zeigt!
    • Kommentar am 09.12.2020 11:04 von Traviata
      Warum erfuhr man nichts von dem Bruder dieser Chloe?

      Er ist Tänzer im Ballett der Opera Paris, und just einen Monat vor seinem Schwesterchen Chloe hat er auch eine Pressekampagne wegen angeblichen Rassismus in der Truppe begonnen, zufälligerweise (???) kurz nachdem seiner Schwester Vertrag nicht verlängert wurde! Welch ein Zufall!

      Hier steht das alles (leider nur in Englisch):



      Now is the time

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