HOMEPAGE



München

NICHT ZU ENDE

depARTures 2020 mit Länderfokus auf "Unique dance and performance from Québec/Canada" wurde coronabedingt abgebrochen



Ein Rückblick auf die Performances von Daniel Léveillés "Solitudes Solo", Mélanie Demers‘ "Icône Pop" und Daina Ashbees Solo "Serpentine".


  • "Icône Pop" von und mit Mélanie Demers Foto © Marie-Claire Denis
  • "Icône Pop" von und mit Mélanie Demers Foto © Marie-Claire Denis
  • "Solitudes Solo" von Daniel Léveillés Foto © Denis Farley
  • "Solitudes Solo" von Daniel Léveillés Foto © Denis Farley
  • "Serpentine" von und mit Daina Ashbee Foto © Ian Douglas
  • "Serpentine" von und mit Daina Ashbee Foto © Ian Douglas

Wie sich die meisten Künstler*innen fühlen müssen, machte Mélanie Demers deutlich. Im Nachgespräch zu "Icône Pop" – ihrem 35-minütigen Kaleidoskop über Frauenbilder – sprach sie aus, was die vier Gastspiele der städtisch geförderten Tanzreihe depARTures von den Außenbedingungen her einte: "Es ist extrem außergewöhnlich und zugleich unglaublich schön, die weite Reise von Kanada nach München angetreten zu sein, um hier – zum ersten Mal seit über sechs Monaten – vor so wenigen Zuschauer*innen zu performen."

Ihr Beitrag war das Knallbonbon dieses Minifestivals mit Stücken, mustergültig dazu gemacht, Publikum und Interpret*inn(en) für die jeweilige Aufführungsdauer sensorisch zu verkoppeln. Auf stets absonderliche Art und Weise. Ohne Möglichkeit, den energetischen Entladungen einer immer noch großartigen Louise Lecavalier, Daniel Léveillés unbarmherzig rigidem Konvolut seriell abrupt ausgeführter, sperriger Technik oder dem unerbittlichen Sich-Wiederholen und schonungslosen Insistieren einer sich langsam steigernden Bewegungsschleife von Daina Ashbee auszukommen. Dass sich erst aufgrund von Beharrlichkeit ein rezeptiver Effekt einstellte, kann rückblickend als zweite Klammer benannt werden.

Mit einer blauen Abdeckplane als gloriose Abendrobe um den Körper drapiert, ausstaffiert mit Heiligenschein, Sonnenbrille und megalanger Halskette legte Demers los. Schritt für Schritt wuchtig anzusehen auf ihrem imaginären, von Zuschauer*innen auf Abstand gesäumten Laufsteg im Schwere Reiter. Ein sich Schicht für Schicht häutendes Chamäleon, das sukzessive mit seiner Kostümhülle weibliche Rollenklischees von Unschuld, Scheinheiligkeit, Mütterlichkeit und verklärtem Ruhm ablegt.

Was nach diesem Striptease auf einem Treppchen sitzen bleibt, ist Demers performativer Höhepunkt. Mit heller Kunstbrust ("eine dunkle gab es in Montréal nicht zu kaufen"), die sich die Tochter eines Afrikaners und einer Kanadierin angeklebt hat, bricht sie aus – in einen verbalgespickten Orkan aus Lachen. Das Bild einer selbstgewiss Verlassenen. Ganz herrlich befreit von jedweder sich überstülpender Männlichkeit. Das darf man als feministisches Statement lesen. Muss es aber nicht.

Zuvor hatte man in der Muffathalle Maskulinität satt präsentiert bekommen. Von vier Tänzer*innen, die sich in der gegen Perfektion und Ausführungsschönheit gebürsteten, acht Jahre alten Choreografie "Solitudes Solo" von Léveillé nacheinander an aus dem Stand heraus zu bewältigenden Drehungen, Streckungen, Balancen und Sprüngen abarbeiteten. Da prallte einem sportive Schroffheit entgegen, die sich mit der Zeit zu herbem Charme wandelte – lediglich einmal konterkariert durch den barbusigen Körper einer Frau. Auch für den/die Betrachter*in eine Tour de Force, akustisch umspült von Bachs Musik, die schlussendlich mit "Somewhere over the Rainbow" und unter sich in die Dunkelheit saugendem Rotlicht überraschend sachte ausplätscherte.

Ein paralleles Nebenher von Klang und Bewegung fand man auch in Daina Ashbees Solo "Serpentine" vor. Mit dem Unterschied, dass hier das von Jean-Francois Blouin eigens kreierte Sounddesign abstrahierte Körperlichkeit dramatisch befeuerte – vergleichbar der komponierenden Lyrikerin Mykalle Bielinsky, die ausgehend von Dvořáks "Stabat Mater" Mélanie Demers live begleitet hatte.

Völlig nackt auf einer ölig rutschigen und glänzenden Tanzbodenbahn schaffte die mexikanische Interpretin Areli Moran es, über 70 Minuten lang allein durch ihr Sein zu fesseln. Scheinbar endlos wie Sisyphos dazu verdammt, den maskierten Gesichtern im HochX um ihre schneckenschmierige Spur herum wieder und wieder dieselbe Sequenz vorzuführen. Aggregatszustände werden durchlebt. Erst liegt man flach am Boden zusammengeklappt. Aus der Krötenhaltung entfaltet sich ein Vierfüßler, der schließlich platt auf dem Bauch über den Rest der Strecke robbt. Nur den Weg zurück zum Anfang geht Moran aufrecht. Insgesamt dreimal. Mehr und mehr verklebt mit aufgelöstem Zopf.

Die aufs Neue bemerkenswerte Gastspielreihe sollte vom 5.-8.11. futuristisch mit Isabelle Van Grimdes Company Corps Secrets und der Performance-Installation "Eve 2050" in der Muffathalle weiter- bzw. zu Ende gehen. Alle Künstler*innen waren längst vor Ort. Doch die erneute Schließung aller Kulturinstitutionen vereitelte das geplante Finale. Darin hätte man die Zukunft von Mensch und Körper im Zeitalter digitaler Technologien, biomedizinischem Fortschritt und künstlicher Intelligenz reflektiert bekommen. Das Gastspiel wurde nun "auf unbekannt verlegt". Der Rest vom Fest, der noch zugänglich bleibt: Alle Künstler*innengespräche wurden aufgezeichnet und sind hier kostenfrei abrufbar.

Veröffentlicht am 12.11.2020, von Vesna Mlakar in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 319 mal angesehen.



Kommentare zu "Nicht zu Ende"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    MIKROBEWEGLICHKEIT

    Auftakt einer fünfteiligen Tanzperformancereihe mit Louise Lecavalier in München

    Energie und Diffiziles verbindet die kanadische Tänzerin Louise Lecavalier auf faszinierende Weise. In ihrer neuen Soloperformance "Stations" entfaltet sie ihre ganze Kraft. Eine bessere Eröffnung von depARTures hätte es nicht geben können.

    Veröffentlicht am 15.10.2020, von Vesna Mlakar


     

    AKTUELLE NEWS


    FORSYTHE FÜR LEBENSWERK AUSGEZEICHNET

    Deutscher Theaterpreis per Livestream
    Veröffentlicht am 23.11.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHWARZE BALLERINA ERLEBT DISKRIMINIERUNG

    Rassismus-Vorwürfe am Staatsballett Berlin
    Veröffentlicht am 23.11.2020, von tanznetz.de Redaktion


    EIN TANZHAUS FÜR MÜNCHEN?

    Stadt gibt Studie in Auftrag
    Veröffentlicht am 21.11.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    UNDER CONSTRUCTION

    Veranstaltungsreihe Pina Bausch Zentrum

    Als digitale Veranstaltungsreihe erprobt under construction mit über 30 Aktionen von 21. bis 29.11.2020 eine neue Zeit, vor Ort und gleichzeitig vernetzt mit Freunden und Partnerinstitutionen weltweit und mit Blick auf das zukünftige Pina Bausch Zentrum.

    Veröffentlicht am 17.11.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    BALLETTWELT IM UMBRUCH

    Ein pädagogisches Konzept für die Münchner Ballett-Akademie

    Veröffentlicht am 20.10.2020, von Anna Beke


    TANZEN, BITTE!

    Offener Brief des Deutschen Berufsverbands für Tanzpädagogik e.V.

    Veröffentlicht am 05.11.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Deike Wilhelm



    BEI UNS IM SHOP