HOMEPAGE



Hildesheim

TANZTHEATER IN HILDESHEIM

„Die Räuber“ von Marguerite Donlon in Zusammenarbeit mit dem DDC



Ursprünglich sollte als Saison-Highlight das Trilogie-Event „1+1+1“ als spartenübergreifendes Projekt stattfinden. Das heißt, drei ganz verschiedene Vorstellungen der „Räuber“ - nun mussten Oper und Schauspiel außen vor bleiben.


  • „Die Räuber“ von Marguerite Donlon in Zusammenarbeit mit dem DDC Foto © Jochen Quast
  • „Die Räuber“ von Marguerite Donlon in Zusammenarbeit mit dem DDC Foto © Jochen Quast
  • „Die Räuber“ von Marguerite Donlon in Zusammenarbeit mit dem DDC Foto © Jochen Quast
  • „Die Räuber“ von Marguerite Donlon in Zusammenarbeit mit dem DDC Foto © Jochen Quast

Kein Vorhang. Den gibt’s in der Halle 39 gar nicht, die auch sonst nicht unbedingt dem 'theater für niedersachsen' (TFN) als Aufführungsort dient. Doch das Stadttheater Hildesheim ist seit September zu. Ein technischer Defekt hat am Ende der Hauptprobe der getanzten „Räuber“ die Sprühflutanlage ausgelöst. 50.000 Liter Wasser ergossen sich auf die Bühne und den frisch renovierten Zuschauerraum. Für längere Zeit ist das Haus unbespielbar.

Als ob es durch die Pandemie nicht schon genügend Probleme gäbe! Ursprünglich sollte ausgerechnet am 1. November als Saison-Highlight das Trilogie-Event „1+1+1“ stattfinden. Das heißt, drei ganz verschiedene Vorstellungen der „Räuber“ – mal als Melodramma serio „I Briganti“ von Saverio Mercadante, mal im Schillerschen Original (aber englisch und türkisch übertitelt), mal als Tanztheater, erarbeitet von Marguerite Donlon in Zusammenarbeit mit dem Donlon Dance Collective. Und dieses spartenübergreifende Projekt, dem in den kommenden Spielzeiten weitere folgen sollen, wäre wirklich etwas Einmaliges gewesen, etwas ganz Spezielles – nicht zuletzt auch durch die Tatsache, dass Intendant Oliver Graf damit dem einst weggesparten Tanz innerhalb seines Theaters wieder zu willkommenen Auftrittsmöglichkeiten verhelfen kann.

Spät kommen sie, aber hier kommen „Die Räuber“ gewaltig, auch wenn Oper und Schauspiel im Ausweichquartier außen vor bleiben. Dabei ist das Donlon Dance Collective, kurz DDC genannt, keine personenreiche Projektkompanie. Doch die vier Tanzenden, denen sich immer wieder Annick Schadeck als Amalia zugesellt, füllen mit ihren Emotionen die bis auf ein paar Holzgerüste leergeräumte Bühne. Marioenrico d’Angelo hebt sich gleich zu Anfang aus der Dunkelheit, im schwarzen Outfit von Belén Montoliú, das das Grafengeschlecht charakterisiert: kein Franz als Ausbund von Hässlichkeit, sondern eine Tänzerpersönlichkeit, die sich in seine Wut hineinzufressen scheint. In kriechenden, konvulsiven, auch lüsternen Bewegungen windet er sich immer wieder hinauf zu der Lichtgestalt, die über dem Geschehen thront. Den Blick suchend in die Ferne gerichtet, lässt sich Amalia in ihrer Liebe zu Karl nicht beirren. Der ist nicht wirklich weit, doch die Briefintrige seines Bruders lässt ihn nicht in ihre Nähe kommen.

Das alles ist überwältigend inszeniert von Marguerite Donlon, der die vieldeutigen Holztürme von Belén Montoliú auf wirkungsvolle Weise entgegenkommen. Verschiebbar, lassen sie an Kerkerräume denken, an Verließe, in den der alte Moor nicht nur dem eigenen Tod entgegenschmachtet, sondern sich delirierend fast shakespearehaft in zwei Persönlichkeiten spaltet. Zugleich erinnern sie an die Bäumhäuser im Hambacher Forst und rücken die „Räuber“ in ihren hellgrauen Kapuzenkleidern damit in die Nähe zeitgenössischer Hausbesetzer, Chaoten, Guerillakämpfern, die zwar in Schillers Sinne der Obrigkeit die Stirn bieten, nicht aber merken, dass sich die Gang ihr eigenes Recht schafft, das dem der Gesellschaft zuwiderläuft. Am Ende wird Amalia fast ein Opfer brutaler Bandengewalt. Ihr Tod erscheint hier eher als logische Folge eines Ehrenkodex’, der den Gruppenerhalt höher einstuft als das Einzelschicksal.

Ohne pantomimisch zu verdeutlichen, macht Marguerite Donlon eine durchaus komplexe Handlung auf tänzerische Weise sichtbar. Alle Bewegungen sind kraftvoll, fast athletisch, dabei unverkrampft zeitgemäß. Sie lassen erprobte Kampftechniken spüren, ohne darüber an Sensibilität zu verlieren. So männlich Péter Copek (der alte Moor), Ruan Martins (Karl), Marionenrico d’Angelo (Franz) und Stefane Meseguer Alves (in wechselnden Rollen) auch immer auftreten: es bleibt ihnen stets ein Rest von Verletzlichkeit, von Verzweiflung, ja von Schweigen, selbst wenn die „mitreißende“, atmosphärisch stimmige Musik von Michio Woirgardt durchaus auch Schillers Worte durchaus hörbar macht. So sorgen Ruan Martins und Annick Schadeck für einen schönen Moment einem Sehnsuchtssolo zu zweit, das den Abstand zu einem emotionellen Ereignis macht.

Wie gesagt: die „Räuber“ kommen gewaltig, und deshalb bleiben sie einem als eine unmissverständliche, dabei vieldeutig virtuose Aufführung in Erinnerung, die gleich auf doppelte Weise Hoffnung weckt. Hoffnung, dass sie nach einem Lockdown mit oder ohne Vorhang auch ein jüngeres Publikum in die Halle lockt. Hoffnung, dass die Hagener Ballettchefin künftig an ihrem neuen Arbeitsort Osnabrück dem Tanztheater dramatische Impulse gibt. Schiller ist schon mal ein guter Anfang.

Veröffentlicht am 02.11.2020, von Hartmut Regitz in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 1577 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanztheater in Hildesheim"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    BEKANNT FÜR TIEFGRÜNDIGKEIT UND HUMOR

    Neue Direktorin für die dance company Theater Osnabrück

    Der designierte Intendant des Theater Osnabrück Ulrich Mokrusch stellt mit Marguerite Donlon die neue Direktorin der Tanzsparte vor.

    Veröffentlicht am 05.10.2020, von Pressetext


    FACETTENREICH

    "Casa Azul" zum Einstand

    Marguerite Donlon stellt sich als neue Ballettdirektorin am Theater Hagen mit ihrer Frida Kahlo-Choreografie "Casa Azul" vor und bietet mit Charme und Verve den Tücken der maroden Technik des Hauses Paroli.

    Veröffentlicht am 06.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    MARGUERITE DONLON WIRD BALLETTDIREKTORIN AM THEATER HAGEN

    Die renommierte Choreografin übernimmt ab der Spielzeit 2019/20 die Posten der Ballettdirektorin und Chefchoreografin

    Donlons künstlerische Konzepte erweitern Horizonte und bestechen durch ihre Verbindung von Witz und Tiefsinnigem.

    Veröffentlicht am 16.02.2019, von Pressetext


    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

    Die erste Premiere dieser Saison ist ein starker Auftakt, der eine neue Ära am Theater Hagen einleitet.

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


    ROCKIGER BALLETTABEND IN HAGEN

    Pick bloggt über die Choreografien von Marguerite Donlon, James Wilton und Ricardo Fernando

    Der letzte Ballettabend in dieser Spielzeit ging in Hagen als Zusatzvorstellung im Juni über die Bühne, wegen der großen Nachfrage.

    Veröffentlicht am 23.06.2015, von Günter Pick


    SCHATTEN ÜBER DEN GEMÜTERN

    Mit einem Doppelabend verabschiedet sich Marguerite Donlon aus Saarbrücken

    Neben Donlons "Shadow" wird ein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes "Tanzfonds Erbe"-Projekt gezeigt: die Rekonstruktion von Kenneth MacMillans „Anastasia“

    Veröffentlicht am 04.02.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SAARLÄNDISCHES STAATSTHEATER UND MARGUERITE DONLON EINIGEN SICH AUF VERTRAGSAUFLÖSUNG ZUM 31. JULI DIESEN JAHRES

    Zwei Gastchoreografien in der Spielzeit 2013/14

    Das Saarländische Staatstheater und Marguerite Donlon haben sich einvernehmlich darauf verständigt, den bestehenden Vertrag der Ballettdirektorin zum Ende der laufenden Saison aufzulösen.

    Veröffentlicht am 19.06.2013, von Pressetext


    HOLLYWOOD-HERZFLIMMERN

    Die Liebe, getanzt in vielen Facetten und Konstellationen, in Marguerite Donlons neuem Stück "Liebe, in schwarz-weiß" am Saarländischen Staatstheater

    "Acht choreografische Themen, 17 Filme, sieben Komponisten - dieses Puzzle will bewältigt sein. In nur 90 Minuten. Nie zuvor hat die Saarbrücker Ballettchefin die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit ihres Publikums...

    Artikel aus Saarbrücker Zeitung vom 14.01.2013


    VIER NEUE TANZEN IN SAARBRÜCKEN AN

    Die Ballett-Neuzugänge des Saarländischen Staatstheaters sind Andres De Blust-Mommaerts, Laura Halm, Katie Lake und Eoin Mac Donncha

    Zu Marguerite Donlons neuem Stück "Liebe in schwarzweiß"

    Artikel aus Saarbrücker Zeitung vom 10.01.2013


     

    AKTUELLE NEWS


    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    30 Jahre Tanzwerkstatt Europa
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Vesna Mlakar


    IVAN ALBORESI BLEIBT

    Der Vertrag des Ballettdirektors wird um 5 Jahre verlängert
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Pressetext


    DANIEL ASCHWANDEN GESTORBEN

    Er starb im Alter von 62 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit
    Veröffentlicht am 14.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    LEAP#4 TANZVERMITTLUNG

    Masterclass und Labor zu aktuellen künstlerischen Positionen in der Tanzvermittlung

    In der LEAP Masterclass können Tanzschaffende und Akteur*innen der Tanzvermittlung und der Kulturellen Bildung ihr Spektrum an künstlerischen Arbeitsweisen für das eigene Arbeitsfeld erweitern. In zwei parallel stattfindenden Masterclasses geben die Choreograf*innen Jenny Beyer und Stephanie Thiersch vom 10. – 14. August 2021 an der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid Einblicke in ihre künstlerische Praxis.

    Veröffentlicht am 07.06.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DANIEL ASCHWANDEN GESTORBEN

    Er starb im Alter von 62 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit

    Veröffentlicht am 14.07.2021, von tanznetz.de Redaktion


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PERSONALNEUIGKEITEN

    Barbara Matacz und Sarah Abendroth gehen in den Ruhestand

    Veröffentlicht am 14.07.2021, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP