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Mannheim

NIEMAND IST EINE INSEL

Zum Tanzabend „My Island“ von Stephan Thoss in Mannheim



Emotion pur an einem Abend, an dem die Tänzer*innen auf der Bühne, sofern sie nicht in einem Haushalt leben, sechs Meter Abstand halten müssen, selbst Backstage Maskenpflicht herrscht und an eine Premierenfeier nicht zu denken ist.


  • „My Island“ von Stephan Thoss in Mannheim, Tanz: Joseph Caldo Foto © Hans Jörg Michel
  • „My Island“ von Stephan Thoss in Mannheim, Tanz: Silvia Cassata Foto © Hans Jörg Michel
  • „My Island“ von Stephan Thoss in Mannheim, Tanz: Paloma Galiana Moscardó Foto © Hans Jörg Michel

Im Dreiländereck Nordbaden können sich Theaterbesuchende derzeit von den unterschiedlichen und rasch wechselnden gesetzlichen Vorgaben für die Hygienekonzepte verschiedener Bundesländer ein persönliches Bild machen. Besonders streng sind die Vorgaben des Mannheimer Nationaltheaters – mit dem Vorteil, dass bei der aktuellen Verschärfung der Maßnahmen zur Corona-Eindämmung nur wenig nachjustiert werden musste: Maskenpflicht nun auch während der Vorstellungen. Nichtsdestotrotz ging – ziemlich genau siebeneinhalb Monate nach der letzten Vorstellung des Mannheimer Tanzensembles – der Vorhang auf für eine neue Produktion. „My Island“ hat Stephan Thoss die Abfolge von 16 Einzelszenen genannt, entstanden als persönliche Antwort auf den Lockdown und die Zeit danach.

Was die Einschränkung der Bewegungs- und Arbeitsfreiheit für einen Choreografen bedeutet hat, der so radikal mit dem Körper denkt wie Stephan Thoss, konnte man Am Ende des Abends erahnen. Nach einer komplizierten Choreografie für den Schlussapplaus – da schossen die Tänzer förmlich einzeln auf die Bühne, um ihrer Freude am Wieder-Tanzen-Dürfen Luft zu machen – ging der Mannheimer Ballettdirektor für sein Ensemble förmlich in die Knie. Und die Tänzer*innen applaudieren dieses Mal nicht ins begeisterte Publikum, sondern für ihren Chef. Emotion pur an einem Abend, an dem die Tänzer*innen auf der Bühne, sofern sie nicht in einem Haushalt leben, sechs Meter Abstand halten müssen, selbst Backstage Maskenpflicht herrscht und an eine Premierenfeier nicht zu denken ist.

Für Menschen, deren tägliche Berufsroutine normalerweise von Bewegungsfreiheit und gegenseitigen Berührungen geprägt ist, waren die verordneten Verbote und Einschränkungen besonders hart. Noch dazu ist das Ensemble international aufgestellt – so mussten die Tänzer*innen den Lockdown entweder weit weg von ihren Familien verbringen oder extreme Quarantänezeiten in Kauf nehmen – manchmal bei der Einreise ins Heimatlang und nach der Rückkehr ein zweites Mal. „My Island“ erzählt von solchen Erfahrungen, und zum Glück für die Zuschauer lässt Stephan Thoss mit seiner großen choreografischen Routine die bestehenden praktischen Einschränkungen für die Probenarbeit im Laufe des 75minütigen Stücks vergessen.

Einsamkeit und Sehnsucht sind – natürlich – ein thematischer Schwerpunkt. Manchmal hilft nur Flucht in die Fantasie – zum Beispiel in einen virtuellen Urwald, den Silvia Cassata im Animalprint-Kostüm erobert. Stephan Thoss hat in den Szenen für sein neues Stück die Emotionen durchbuchstabiert, die mit der gesellschaftlichen Extremerfahrung einherkamen, und er spiegelt den rigide veränderten Alltag wider. Mit scharfem Blick entlarvt er die Schattenseiten behördlich verordneten physischen Abstands, auch im Beziehungsalltag. Drei Männer im Home-Office lassen sich auch am heimischen Schreibtisch intensiv in die berufliche Tretmühle einspannen. Und was für eine Begeisterung, zum ersten Mal wieder ein Essen für Gäste auszurichten! Emma Tate Tilson spielt diese Szene mit Witz und Tiefgang, wenn sie ihre Gäste mit überquellendem Mitteilungsbedürfnis überschüttet. Keine Worte braucht Andrew Wright, um seine Hoffnungen vor geschlossenen Türen begraben zu müssen, und Mahomi Endoh demonstrierte eindringlich den Unterschied zwischen einer freiwillig oder erzwungenermaßen geschlossenen Tür.

Überhaupt, die Türen – sie stammen ursprünglich aus dem Bühnenbild von „Blaubarts Geheimnis“ und gehören zum Re- und Upcycling-Konzept für die Ausstattung, mit der Stephan Thoss seinen Beitrag zum Sparen in finanziell finsteren Zeiten leistete: Kostüme aus dem Fundus, für die Bühne verschiebbare Wände oder zu Schreibtischen umfunktionierte ehemalige Betten. Über allem thront, ebenfalls ein Fundstück, eine geheimnisvolle Figur, eine Göttin vielleicht – mit einem erhobenen Arm wie Justitia, aber ohne die Waage und damit ohne jedes Maß für Gerechtigkeit.

(Wieder: am 30.10., 2., 3 und 7.11; 7., 18.und 30.12. Wegen des begrenzten Platzangebotes sind bereits einige Vorstellungen ausverkauft).

Veröffentlicht am 24.10.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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