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Basel

„ICH FÜHLE MICH AUSGESPROCHEN GUT HIER“

Richard Wherlock ist seit 20 Spielzeiten Ballettchef in Basel



Im Interview spricht er über dieses eher ungewöhnliche Jubiläum und wirft einen Blick vorwärts und zurück: auf die Anfangsjahre, Besonderheiten der multitalentierten Kompanie, seine Formel "Entertainment & Education" und das Festprogramm 2021.


  • Chefchoreograf und Ballettchef am Theater Basel Richard Wherlock Foto © Andreas Isenegger
  • "Snow White" (2013) in einer Choreografie von Richard Wherlock am Theater Basel Foto © Ismael Lorenzo
  • "Stoned" (2012) in einer Choreografie von Richard Wherlock am Theater Basel Foto © Ismael Lorenzo
  • "Tod in Venedig" (2018) in einer Choreografie von Richard Wherlock am Theater Basel Foto © Ismael Lorenzo
  • “Eugen Onegin” (2013) in einer Choreografie von Richard Wherlock am Theater Basel Foto © Ismael Lorenzo
  • "Bolero" (2003) in einer Choreografie von Richard Wherlock am Theater Basel Foto © Ismael Lorenzo

Dr. Volkmar Draeger: Richard Wherlock, seit 20 Jahren sind Sie Direktor und Chefchoreograf am Ballett Basel - ein eher ungewöhnliches Jubiläum. Beginnen wir mit einem Blick zurück: In welchem Zustand fanden Sie 2001 die Kompanie vor?
Richard Wherlock: Direkt vor mit hat hier Joachim Schlömer für drei Spielzeiten Tanztheater von guter Qualität gemacht, wurde aber von den Zuschauer*innen nicht sehr geliebt. Es galt also, ein Publikum aufzubauen. Noch weiter zurück haben in Basel immerhin Youri Vámos und besonders Heinz Spoerli gearbeitet, der ein großes Publikum hatte. Keine leichte Aufgabe für mich.

Wie lange hat es gedauert, die neue Kompanie zusammenzustellen und zusammenzuschweißen?
Ich kam gewissermaßen mit der Carte blanche für einen Neuanfang. Die vorhandenen Tänzer*innen wussten das und gingen freiwillig, es gab no bad feeling, no bad blood. Anfangs waren wir 20 im Ensemble, jetzt sind wir zum Glück 30. Während der ersten vier Jahre haben wir 112 Vorstellungen pro Spielzeit gegeben, das war einfach zu viel. Der Intendant sagte mir, geh in die Stadt, lerne sie gut kennen, was ich ein Jahr lang tat. In Basel dominieren Fußball, Politik und Fastnacht, da muss das Ballett seinen Platz finden. Wir hatten sozusagen wie Picasso eine rote und eine blaue Periode. Zuerst habe ich alle Choreografien selbst entworfen und ein umfangreiches Repertoire geschaffen. Die Stadt will Handlungsballett sehen. Das war unsere rote Periode. Dann kam die blaue: Experimente. Beide Perioden laufen heute parallel und haben uns offene Arme beim Publikum beschert. Wir haben zudem eine Bank als wichtigen Sponsor und auch eine private Sponsorin, die seit 2001 vier Tänzerverträge unterstützt: fast fünf Millionen Franken hat sie seither zugeschossen!

Was ist Ihre künstlerische Philosophie?
Es mag altmodisch klingen: zuallererst Respekt in jeder Hinsicht - vor der Nationalität, der Religion, der politischen Überzeugung, der sexuellen Orientierung. Wir haben 14 Nationalitäten in unserem Ensemble. Damit es nicht wirkt, als blase ich 'in meine eigene Trompete', will ich Hofesh Shechter zitieren, der uns eine „tolle Atmosphäre“ bescheinigt hat. So wie ich sie aus meiner Ausbildungsstätte, der Schule des Ballet Rambert, kenne. Zu 80 Prozent habe ich das erreicht und bin stolz auf meinen Background.

Mit welchem Stück begann Ihr Weg in Basel?
Ich hatte für den Umzug von Berlin, wo ich vorher engagiert war, nach Basel vier Tage Zeit, dann fing dort schon die Spielzeit an. Da griff ich auf ein Stück zurück, das weltweit lief und auch Preise gewonnen hat: „Stetl“, die Geschichte jüdischen Unbehaustseins. Mein erstes Handlungsballett war dann „Peer Gynt“, zugleich unser Durchbruch beim Publikum. Anderthalb Jahrzehnte später, 2015, habe ich mit „Tewje“ wieder ein jüdisches Thema aufgegriffen, orientiert aber nicht am Musical „Fiddler on the Roof“, sondern am Buch von Scholem Alejchem. Und wieder ist es ein Erfolg geworden, den wir auch bei Gastspielen von Tel Aviv bis Budapest errungen haben. Das Stück kam offenbar irgendwie zur rechten Zeit.

Wie viele Baseler Intendanten haben Sie seitdem überlebt?
Vier, alle gaben sie mir Raum, etwas aufzubauen. Unser letzter Intendant ging nach München, da war ich für 18 Monate gemeinsam mit Kolleg*innen Mit-Intendant. Für mich sind die Jahre in Basel eine tolle Zeit, unsere Auslastung ist super, wir bringen dem Haus Geld ein und können auf Sponsoring bauen. Ja, wir sind hier geliebt. Auch Tänzer*innen werden inzwischen zu großen Veranstaltungen eingeladen, ich besitze einen Schweizer Pass und habe neben Roger Federer, unserem Tennisass, einen Stern auf dem Baseler Walk of Fame.

Was ist das Besondere Ihrer Kompanie unter den anderen Schweizer Ensembles?
Wir sind eine multitalentierte Kompanie, proben parallel zu „Giselle“ von Pontus Lidberg Stücke von Hofesh Shechter und Sidi Larbi Cherkaoui. Eine riesige Herausforderung für die Truppe. Sowohl die Tänzer*innen als auch die Zuschauer*innen haben Hunger nach Neuem. So hatten wir drei Vorstellungen mit Johan Ingers „Carmen“ in Winterthur, gaben sechs ausverkaufte Vorstellungen in Lyon, haben in Biarritz und Pamplona gastiert und verfügen über das größte Repertoire an Stücken von Jiří Kylián außerhalb des NDT. Ein Teil meines Traums hat sich in Basel erfüllt – auch wenn wir erneute Einladungen nach Tel Aviv und Südkorea pandemiebedingt absagen mussten.

Die wievielte Tänzergeneration tanzt derzeit bei Ihnen, und nach welchen Kriterien suchen Sie neue Ensemblemitglieder aus?
Die vierte Generation, ihr Alter liegt zwischen 19 und 42. Sie müssen, ausgehend von einer soliden klassischen Technik, alle Stile beherrschen. Das setzt offene Augen, Ohren und Herzen voraus, Intelligenz und Engagement.

Welche Ihrer rund 30 Produktionen in Basel halten Sie für stilprägend und bis heute gültig?
Schwer zu sagen, jedes Stück war wichtig für eine bestimmte Entwicklungsphase. Wir bespielen ja drei Orte: die Kleine Bühne und die Große Bühne sowie das Schauspielhaus, im Schnitt jeweils mit 15 bis 18 Vorstellungen pro Stück. Letzte Saison habe ich für die Kleine Bühne ein Stück mit nur sechs Leuten entwickelt, ansonsten sind alle besetzt. So auch im neuen „Peer Gynt“ von Johan Inger, übrigens seinem ersten abendfüllenden Ballett. Er ist jetzt unser ständiger Gast. Für das Große Haus hat Alexander Ekman „COW“ einstudiert, eine Produktion aus der Semperoper Dresden. Sechs Mal lief das hier schon wie ein Traum, erreicht eine neue Zuschauerschicht. Weshalb ich das Stück wollte? Ich bin so eine Art cash cow fürs Haus, da passt „COW“ irgendwie gut...

Sehen Sie sich hauptsächlich als Erzähler mit den Mitteln eines virtuosen, energiegeladenen zeitgenössischen Tanzes?
Im vollen Umfang: ja. Tanz hat keine Barrieren. Als Direktor hab ich nahezu alle Situationen durchlebt, von Drogenmissbrauch bis zu plötzlichen Schwangerschaften. Da sammeln sich genügend Themen an, freilich auch aus anderen Kunstbereichen.

Dass bisher 25 stilistisch unterschiedliche Gastchoreograf*innen mit Ihrer Kompanie gearbeitet haben, von Hans van Manen über Christopher Bruce und Mauro Bigonzetti bis Sharon Eyal, spricht für eine überlegene Ensemblestrategie – und einen uneitlen Direktor.
Jetzt stehe ich nicht mehr im Wettbewerb, bin älter und erfahrener und gebe meine ganze Energie in die Kompanie. Anfangs ist man immer unsicher, Basel war wie ein neuer Frühling für mich.

Bei unserem ersten Interview, 1999 in Berlin, nannten Sie Entertainment & Education als Formel Ihres künstlerischen Konzepts.
Entertainment in dem Sinn, den Zuschauer*innen in ihrer Freizeit etwas zu geben, ihnen unsere Begeisterung mitzuteilen, das ist geblieben. So etwa auch 2018 in „Tod in Venedig“ zu Musik von Dmitri Schostakowitsch. Dass der große Heinz Spoerli fünf Mal in diese Vorstellungen kam, hat mich sehr geehrt. Nach Berlin war ich ziemlich kaputt, hatte für die schwierigen Verhältnisse dort wohl zu wenig Erfahrung. Inzwischen sind die Narben im Magen verheilt. Aus meiner Familie, sämtlich Bergarbeiter und Minenwerker, brachte ich keinerlei künstlerischen Hintergrund mit. Insofern bin ich ein Billy Elliot. Education: Derzeit arbeite ich mit Streetdancern, nächstens mit unserer freien Szene, will Ermunterung und eine Plattform geben. Vor diesem Gespräch war ich in einem Jugendgefängnis, hab dort ein Projekt mit zehn Jungen zwischen 15 und 18 Jahren. Auch im Ensemble gibt es eine eigene Education Unit.

Als Künstler braucht man Freiheit, sagten Sie in unserem ersten Gespräch. Welche Freiheit bietet Ihnen Basel?
Ich konnte hier ein eigenes Repertoire aufbauen, wurde akzeptiert, bekam, was ich brauchte. So habe ich durchgesetzt, dass unsere Tänzer*innen nicht mehr in Musical und Operette auftreten, wohl aber mit Schauspiel und Oper kooperieren. Obwohl auch ich früher Musical getanzt habe: „Cabaret“ im Berliner Theater des Westens, „West Side Story“ in Bregenz. Dass ich die Choreografie für eine Revue im Friedrichstadt-Palast Berlin damals abgelehnt habe, bedaure ich heute.

Basel, Wherlock und seine Kompanie – eine ideale Partnerschaft?
Absolut ja!

Was erwartet Ihr Publikum zur Premiere am 14. November?
„Gloria“ war als Premiere für Mai 2010 vorgesehen, nach zweijähriger Planung. Aufstieg und Fall sollte das Thema sein, mit Live-Orchester, Chor und Gesang. Zum Verlust eines persönlichen Angehörigen durch einen Tsunami kam im März das Corona-Desaster. Rund 20 Minuten der Choreografie hatte ich da schon geschafft. Per Zooming halfen mir acht Tänzer*innen bei der Einstudierung, jeder steuerte einen Teil bei, im Mai haben wir die persönlichen Geschichten zu einem Stück über die Erfahrungen mit Corona montiert. Alle sind wir daran wohl gewachsen, haben den Zusammenhalt gestärkt. „Gloria“, bestehend aus dem „Stabat Mater“ von Giovanni Battista Pergolesi und dem „Gloria“ von Antonio Vivaldi, ist nun total anders als geplant, in einem Bühnenbild voller Steine und mit einem ausgereiften Schutzkonzept: Masken für die Zuschauer*innen.

Das offizielle Festprogramm zu Ihrem Jubiläum wird allerdings erst am 12. März stattfinden.
It‘s a logistical nightmare! Wir bespielen alle drei Bühnen. Auf der Kleinen Bühne laufen Soli und Duos von Alexander Ekman, Stijn Celis, Sidi Larbi Cherkaoui, Ed Wubbe und Bryan Arias, zeitgleich zeigt im Schauspielhaus Johan Inger „Bliss“ zum legendären „Köln Concert“ von Keith Jarrett. Danach tauschen die Zuschauer*innen die Spielstätten, um sich am Ende alle im Großen Haus zum „Grand Finale“, Hofesh Shechters kraftvollem Kommentar auf eine Welt im freien Fall, zusammenzufinden. Der Abend ist ein Geschenk an mich, ich bin da nur der Vermittler.

Damit sich der Bogen unseres Gesprächs schließt: Bezieht Ihr Blick vorwärts auch weiterhin und trotz aktuellem Intendantenwechsel Basel ein?
Ja, ich bleibe hier, will der Kompanie eine gute Position für den Übergang geben, wenn ich aufhöre. Danach habe ich Lust auf Education-Projekte, möchte mein Wissen weiterreichen.

Veröffentlicht am 19.10.2020, von Volkmar Draeger in Homepage, Gallery, Leute

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