HOMEPAGE



Radebeul

DIE TANZEN JA EINFACH

Sebastian Webers „Folk Fiction“ erzählt, ohne zu dozieren



Die Performance der Leipziger Sebastian Weber Dance Company widmet sich kollektiven Identitäten und entstand bereits vor Corona. Ohne Verkopftheit gelingt den sieben Tänzer*innen eine entspannte Arbeit zwischen Individuum und Gruppe.


  • Die Leipziger Sebastian Weber Dance Company mit "Folk Fiction" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Foto © Katharina Dielenhein
  • Die Leipziger Sebastian Weber Dance Company mit "Folk Fiction" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Foto © Katharina Dielenhein
  • Die Leipziger Sebastian Weber Dance Company mit "Folk Fiction" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Foto © Katharina Dielenhein

Entstanden ist diese Arbeit, die sich im Kern kollektiven Identitäten widmet, bereits vor Corona und wurde vergangenen März im Lofft uraufgeführt. Jetzt war sie an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul zu sehen und ist noch einmal ganz anders lesbar. Jetzt, da sich angesichts der angespannten Lage unterschiedlichste Meinungslager gereizt gegenüberzustehen scheinen. Bist Du nicht meiner Meinung, bist Du draußen. Solchen ausschließenden Abgrenzungen wird hier aber eher eine lange Nase gedreht.

In „Folk Fiction“, der völlig entspannten Arbeit der Leipziger Sebastian Weber Dance Company, hat Volkskunde keinen Platz. Volkslehre ist da schon eher so ein Ding. Das macht sich daran bemerkbar, dass sofort, vom ersten Moment an, klar wird: Hier sucht man die so oft im Tanz bedeutungsschwanger vor sich hergeschobene Verkopftheit vergebens. Die tanzen einfach. Aber nicht ohne Konzept. Vier Tänzerinnen, drei Tänzer, unter ihnen Sebastian Weber selbst, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Selbst in synchronisierten Szenen fällt die Individualität im Ausdruck eines jeden Einzelnen ins Auge. Die kollektiven Exerzitien, und davon gibt es jede Menge, lassen das Individuum nicht unsichtbar werden. Vielmehr lässt sich ein Schutzraum ablesen, in dessen Innerem die Möglichkeit persönlicher Entfaltung besteht, ein sich selbst austesten. Genau das tun die Tänzer*innen lautstark. Der Stepptanz mit seinem kraftvollen Ausdruck verbindet sich geradezu sinnhaftig wie sinnlich mit dem Behaupten des Kollektivs.

Sebastian Weber beschäftigt sich schon einige Jahre mit dem Stepptanz, und das nicht ganz ohne Erfolg. Letztes Jahr erhielt er für seine Arbeit „Cowboys“ den Sächsischen Tanzpreis. Diese Anerkennung lässt ahnen, dass sein Zugriff auf die Tradition des Stepptanzes tatsächlich ein zeitgemäßer ist, der sich mutig aus dem Fenster lehnt und Einflüsse aus jeder nur erdenklichen Kultur verarbeitet und gestische Tendenzen in Richtung Tanztheater zulässt. Das Ergebnis ist leichtfüßig. Der Stepptanz als solcher dominiert nicht, sondern ist Teil der Arbeit.

Hier wird er beispielsweise durch eine Vielzahl an tableaux vivants ergänzt, die zu Standbildern für die Ermöglichung der Gruppenerfahrung gerinnen. Der Moment wird festgehalten, um ihn zu beweisen. Trotzdem, ganz egal, wie sich jenes Kollektiv selbst definiert, welche Werte verbindende Elemente darstellen, sichtbar bleibt das Individuum, das, einzeln betrachtet, eben nicht die kollektive Einheit darstellt. Am Grund liegen Bewegungsabfolgen, die allen bekannt sind und die die Tänzer*innen immer wieder zusammenbringen. Aber wer wann mit den Fingern schnippst, in die Hände klatscht oder die Sohlen auf den Boden krachen lässt, ist auch eine Frage individueller Freiheit. Kollektive Einheit bietet hier also Sinn, wenn der oder die Einzelne was draus macht.

Veröffentlicht am 17.10.2020, von Rico Stehfest in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 415 mal angesehen.



Kommentare zu "Die tanzen ja einfach"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    AUF SAND GETANZT

    Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT

    In ihrer neuen Produktion „Touch“ umkreist die Sebastian Weber Dance Company die Schönheit, Schwierigkeit und Wirkkraft dessen, was Berührung ist.

    Veröffentlicht am 06.10.2019, von Gastbeitrag


    WESTERNHELDEN UND STEPP-ROMANTIK

    "Cowboys" mit der Sebastian Weber Dance Company am LOFFT in Leipzig

    Wie die Cowgirls und die Cowboys aufdrehen, überdrehen und am Ende steppend einsam abdrehen.

    Veröffentlicht am 17.10.2018, von Boris Michael Gruhl


    DA STEPPT DER WEBER UND DER CHRISTL SINGT

    Die lange „Legende von Syd O’Noo“ am Leipziger LOFFT

    In einer Koproduktion des Leipziger LOFFT mit dem Kölner Festival tanz.tausch geht man der so gut wie vergessenen Kunst des Stepptanzes nach. Ein Grund für den Tanzfonds Erbe diese fiktive Recherche zu fördern.

    Veröffentlicht am 21.11.2015, von Boris Michael Gruhl


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    VIELFALT DES TANZES

    Fotoblog von Ursula Kaufmann
    Veröffentlicht am 22.10.2020, von Gastbeitrag


    EIN BEBENDER KÖRPER RINGT UM FASSUNG

    Musik-Tanz-Video-Projekt in der Herz-Jesu-Kirche Regensburg
    Veröffentlicht am 22.10.2020, von Michael Scheiner


    BALLETTWELT IM UMBRUCH

    Ein pädagogisches Konzept für die Münchner Ballett-Akademie
    Veröffentlicht am 20.10.2020, von Anna Beke



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF

    Im November wagt das Ensemble des Tanztheater Wuppertal die aufwändige Rekonstruktion von Das Stück mit dem Schiff von 1993.

    Die Rekonstruktion von Das Stück mit dem Schiff bildet den Auftakt für die von 21. – 29. November geplante Veranstaltungsreihe Pina Bausch Zentrum under construction im alten Schauspielhaus.

    Veröffentlicht am 24.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    DEUTSCHER TANZPREIS 2020 FÜR RAIMUND HOGHE

    Preisverleihung mit internationalen Gästen und erstmals als Livestream

    Veröffentlicht am 18.10.2020, von Anna Beke


    SO STIRBT EINE PRIMABALLERINA

    Ein Nachruf auf Ludmilla Naranda

    Veröffentlicht am 11.10.2020, von Vesna Mlakar


    TALENTSCHMIEDE GÄRTNERPLATZ

    Bei "Gasteig moves" in München gibt die Uraufführung von „Heimat“ den Auftakt

    Veröffentlicht am 24.09.2020, von Anna Beke



    BEI UNS IM SHOP