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Ludwigshafen

WENN ROBOTER WEINEN LERNEN

Les Ballets de Monte Carlo mit "COPPÉL-I.A" in Ludwigshafen



Das Stück ist, wie man es von Jean-Christophe Maillot nicht anders erwartet hatte, kein Remake des bekannten romantischen und eher belanglosen Ballettmärchens, sondern eine ganz eigene und hochmoderne Geschichte.


  • "COPPEL-I.A" von Les Ballets de Monte-Carlo, Jean-Christophe Maillot Foto © Alice Blangero
  • "COPPEL-I.A" von Les Ballets de Monte-Carlo, Jean-Christophe Maillot Foto © Alice Blangero

In der Regel bekommt er selbst die Blumen. Aber nach der Deutschlandpremiere von „COPPÉL-I.A“ zur Eröffnung der diesjährigen Tanzfestspiele in Ludwigshafen ließ Marco Goecke, Choreografie-Shooting-Star und frischgebackener Leiter der Tanzsparte am Staatstheater Hannover, es sich nicht nehmen, eigenhändig Blumensträuße an die Künstler*innen zu übergeben. Den begeisterten Applaus nahm auch der Schöpfer dieser Tanzproduktion, Jean-Christophe Maillot, höchstpersönlich entgegen. Die allseitige Erleichterung war förmlich mit den Händen zu greifen: Das Gastspiel von „Les Ballets de Monte Carlo“ brachte eine entschiedene Prise Normalität in den Pfalzbau: mit 30 Mitwirkenden und einem (beinahe) üblichen Rahmen, das heißt mit Pause und Verpflegungsangebot. Hausherr Tilman Gersch und Marco Goecke, der als Kurator für das Festspiel-Tanzprogramm unter erschwerten Pandemie-Bedingungen verantwortlich zeichnet, strahlten denn auch um die Wette.

„Coppél-i.A“ ist, wie man es von Jean-Christophe Maillot nicht anders erwartet hatte, kein Remake des bekannten romantischen und eher belanglosen Ballettmärchens, sondern eine ganz eigene und hochmoderne Geschichte. Was da im Gewand eines neoklassischen Handlungsballetts daherkommt, rührt an aktuelle ethische Diskussionen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Können Roboter lernen, Gefühle zu haben? Können sie ein Bewusstsein entwickeln – und was heißt das für den Umgang mit Ihnen? Der 60jährige Maillot arbeitet seit fast 40 Jahren als Choreograf, seit ein Unfall der Tanzkarriere des aufstrebenden Solisten bei John Neumeier in Hamburg ein jähes Ende bescherte. Aber wie sich Körper mit dem Bewegungsvokabular des (neo)klassischen Balletts ausdrücken können, das hat er selbst intensiv gefühlt. Und so besticht an dieser Choreografie die Klarheit, mit der die Emotionen aller Beteiligten im Tanz zum Ausdruck kommen.

Für die Geschichte um die künstliche Puppe hat sich Maillot ein spannendes künstlerisches Team gesucht. Der Jazzmusiker und Computer-Komponist Bertrand Maillot bürstete die Originalmusik von Leo Délibes mit elektronischen Einschüben gegen den romantischen Strich. Es ist ein magischer Moment der Aufführung, wenn die Musik plötzlich von einem Klagemotiv durchbrochen wird - und die bis dahin scheinbar willenlose Puppe den Mund formt wie im ikonografischen „Schrei“ von Eduard Munk.

Die Darstellung lebendiger Puppen sind stets eine dankbare Herausforderung für Choreograf*innen und Tänzer*innen. Maillot allerdings gelingt in seiner choreografischen Sprache mehr als nur der Spagat zwischen künstlich und lebendig. Er schafft es, hinter der Oberfläche der Bilder aktuelle Fragen anklingen zu lassen: von der allgegenwärtigen Projektion der eigenen Wünsche und Sehnsüchte auf scheinbar perfekte Bilder bis hin zur Schöpfung einer perfekten Partnerin, deren Missbrauch keiner ist, weil sie ja nur einen Spiegel der eigenen Fantasien darstellt. Hier nimmt der Choreograf eindeutig Partei für das künstliche Geschöpf, das sich in einer geradezu rührenden Szene selbst entdeckt und am Ende den Schöpfer/Peiniger ausschaltet. Aimée Moreni hat es geschafft, die ganze Geschichte trotz des Rahmens von Prinz und Prinzessin, Hofstaat und Hochzeitsgästen kompromisslos in einer kühlen, futuristischen Moderne zu verorten. Schwarz, Weiß, Silber und viel Glanz und Glitzer geben den farblichen Rahmen für die Kostüme; beim Design gibt es überraschende Bauhaus-Anklänge. Das Bühnenbild aus gestaffelten Rundbögen mit einer Art Bull(Auge) als Projektionsfläche im Hintergrund erweist sich als Hingucker und überzeugender Rahmen.

Prinzessin Caroline von Monaco leistet sich „Les Ballets de Monte Carlo“ sozusagen als persönliches Hobby – die Berufung von Maillot an die Spitze des Balletts 1993 ist eine Win-Win-Situation für Beide. Er hat genügend Geld und Handlungsspielraum für seine aufwändigen Inszenierungen, die „Les Ballets de Monte Carlo“ international salonfähig gemacht haben – auch in Ludwigshafen. Und die Prinzessin darf sich darüber freuen, dass ihr Ballett in der Liga der neoklassischen Kompanien, die neue große Handlungsballette zeigen, weit oben mitspielen darf.

Veröffentlicht am 13.10.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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