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Hamburg

MELANCHOLISCHE BESINNLICHKEIT

Mit „Ghost Light“ eröffnet John Neumeier mit dem Hamburg Ballett die Spielzeit



Entstanden und gezeigt unter Corona-Bedingungen, in einer sparsam besetzten Staatsoper, ist dieses Ballett ein Licht im Dunkel, eine Hoffnung für die Zukunft.


  • „Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: Christopher Evans Foto © Kiran West
  • „Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: Christopher Evans, Aleix Martinez Foto © Kiran West
  • Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: Madoka Sugai, Nicolas Gläsmann Foto © Kiran West
  • „Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: Silvia Azzoni, Alexandre Riabko Foto © Kiran West
  • „Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: Anna Laudere, Edvin Revazov, Karen Azatyan Foto © Kiran West
  • „Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: Patricia Friza Foto © Kiran West
  • „Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: David Rodriguez, Matias Oberlin Foto © Kiran West
  • „Ghost Light“ von John Neumeier, Tanz: Hélène Bouchet Foto © Kiran West

Am eindrucksvollsten ist die Stille. Diese Stille, mit der das Publikum seine Plätze einnimmt, weit voneinander entfernt, immer eine leere Reihe zwischen einer höchst spärlich besetzten (nur 500 von den 1.680 Plätzen der Hamburgischen Staatsoper konnten vergeben werden). Eine beklemmende Stille, die das erwartungsvolle Raunen und Tuscheln und freudige Begrüßen ersetzt, das normalerweise die Spielzeiteröffnung begleitet, eine Premiere ohnehin und schon gleich die Uraufführung einer neuen Kreation des Ballettintendanten. Sie hat aber auch ihr Positives, diese Stille. Denn sie wandelt sich, je länger die Vorstellung dauert, in eine hoch konzentrierte Stille. In eine gemeinsame Aufmerksamkeit, die ganz und gar der Bühne gilt. Kein Handy wird gezückt, um illegalerweise Fotos zu machen oder Videos zu drehen. Kein Kaugummi- oder Bonbonpapier raschelt, um den Frosch im Hals zu vertreiben oder einen Hustenreiz zu unterdrücken – in Corona-Zeiten traut sich kaum jemand, sich auch nur zu räuspern. Und diese Stille hält tatsächlich fast zwei Stunden an – so lange dauert „Ghost Light“, das Stück, das John Neumeier schon seit Mai mit seiner Kompanie einstudiert hat. In einer Zeit, als der Shutdown noch anhielt, als die Tänzer*innen vorwiegend zuhause trainierten, auf 1-2 Quadratmeter Ballettteppich, der ihnen dafür zur Verfügung gestellt worden war, angeleitet von den Ballettmeister*innen über Zoom.

„Ghost Light“, das ist diese nackte Glühbirne, die in den USA traditionell auf die Bühne gestellt wird, wenn die Vorstellung vorbei ist, und so lange angeschaltet bleibt, bis die nächste Probe beginnt. Es hat etwas Gespenstisches, dieses Licht, es erhellt einen leeren Raum, der sonst der Kunst in all ihren vielen Schattierungen gehört, belebt von Schauspieler*innen, Sänger*innen, Tänzer*innen. Ein Licht, das all die Geister heraufbeschwört, die Haupt- und Nebenrollen in den aufgeführten Stücken, das Magische des Theaters, die Illusion, das Schwerelose und Gespenstische. Es ist aber auch eine Art „ewiges Licht“, wie es in Kirchen und Kathedralen brennt, als Zeichen der Hoffnung für die Wiederkehr.

Bevor die Vorstellung beginnt, erfolgt über Lautsprecher durch den Ballettintendanten selbst die Aufforderung, während der Vorstellung keinen Fächer zu benutzen, um das Verbreiten von Aerosolen zu vermeiden. Und es wird empfohlen, den Mund-Nasen-Schutz – ohnehin obligatorisch bis zum Beginn der Vorstellung (und wer es wagt, die Maske vorher abzunehmen, wird unverzüglich von den Logenschließerinnen zur Ordnung gerufen ...) – auch während der Vorstellung angelegt zu lassen, was jedoch kaum jemand befolgt. Zum Schlussapplaus soll man die Maske dann gleich wieder anlegen – die Aerosole bei den „Bravo“-Rufen (Buhs sind beim Ballett schon seit vielen Jahren nicht mehr gehört worden). Sie wissen schon...

Und dann betritt John Neumeier persönlich die Bühne – schon allein das markiert das Außergewöhnliche dieser Spielzeiteröffnung. Sieben Monate seien vergangen seit den letzten normalen Aufführungen Ende Januar und Anfang Februar in Hamburg und anlässlich eines Gastspiels mit „Duse“ im Teatro di Fenice in Venedig. Danach kam die Corona-Vollbremsung. Aber früher als andere begann Neumeier schon Ende April mit den ersten Trainings und Proben im Ballettzentrum nach einem ausgeklügelten Plan, in kleinen Gruppen, immer sieben Tänzer*innen mit insgesamt zehn Trainings pro Tag. „Ghost Light“ war nicht geplant, es wurde aus der Not geboren und aus dem unstillbaren Bedürfnis, dem lähmenden Shutdown, dieser aufgezwungenen apathischen Lethargie, die Lebendigkeit der Kreativität entgegenzusetzen. Zu zeigen, dass das Leben siegt, nicht das Virus bzw. die damit verbundenen, von oben verordneten Maßnahmen der Isolation, des Rückzugs, der Vereinzelung. Man merkt dem Hamburger Ballettintendanten an, wie groß sein Wille war, sich nicht unterkriegen zu lassen, wie sehr es ihn bewegt, sich die Bühne wieder zurückerobert zu haben, wenngleich unter eingeschränkten Bedingungen. „Ghost Light“, das ist für ihn sein Geschenk an seine Tänzer*innen, Symbol für seinen eisernen Willen, seine unbändige Kraft, ihnen das zu geben, was sie brauchen wie die Luft zum Atmen: den Tanz, die Bühne, das Publikum.

Und so spiegelt dieser Abend diese ganze schwierige Zeit mit ihren Gemütsschwankungen, ihrer Unsicherheit, der nie versiegenden Hoffnung, aber auch der Resignation, der Sehnsucht nach der verlorengegangenen Normalität. Er spiegelt die vorsichtigen ersten Begegnungen, das zaghafte Annähern, immer darauf bedacht, den Abstand zu wahren, die Distanz. Einander zu berühren war verboten (und ist es immer noch). Die Berührung jedoch gehört fast unverzichtbar zum Tanz. Nur denjenigen innerhalb der Kompanie, die zusammenleben oder verheiratet sind, war es erlaubt, sich zu einem Pas de Deux zusammenfinden. Und zum Glück gibt es da eine ganze Reihe von Paaren in der Kompanie, und genau diese Pas de Deux sind es, die dieses Stück zusammenhalten, ihm eine Struktur geben, Seele einhauchen, diese unverkennbare Bewegungssprache, die den Chefchoreografen und das Ensemble ausmacht. Was Neumeier allein über diese Pas de Deux ausdrückt, dürfte ziemlich einzigartig sein in seiner Vielfalt, seiner Ausdruckskraft, aber auch seiner Zartheit und Verletzlichkeit. Fast scheint es, als habe er gerade durch diesen Zwang zur Zurückhaltung noch mehr Intensität in die Körpersprache hineinlegen können, als man ohnehin schon von ihm gewohnt ist.

„Ghost Light“ ist ein Reigen aus Soli und Pas de Deux, aus Ensembles mit einem fast schmerzlich anmutenden Zwang zum Abstand, die sich mit Zitaten aus bekannten Stücken von Neumeier mischen, mit den Geistern der großen Rollen, angezogen von der Glühbirne, die während des ganzen Stücks stehenbleibt. Da sind Anna Laudere im violetten Kleid von Marguerite und Edvin Revazov im schwarzen Anzug des Armand aus der „Kameliendame“, Madoka Sugai im roten Kleid aus dem „Weihnachtsoratorium“, Alexandre Riabko mit grauer Hose und Jacke als „Nijinsky“, Emilie Mazon im weißen Kleid der Marie und Atte Kilpinen (der für den erkrankten Sasha Trush einsprang) in der Uniform des Fritz aus dem „Nussknacker“. Ansonsten tragen die Tänzer*innen eigene oder Trainingskleidung oder Kostüme, die ohnehin im Fundus vorhanden waren, denn Kostümanproben sind unter Corona-Bedingungen ein Ding der Unmöglichkeit. Auf ein Bühnenbild verzichtet Neumeier komplett, die Gassen sind schwarz abgehängt, in der Mitte des Stückes schiebt sich lediglich eine weiße Wand herein, eine Reminiszenz an Neumeiers „Anna Karenina“ und Projektionsfläche für von der Glühbirne evozierte Schattenrisse. Später wird die Bühne nach hinten noch weiter geöffnet und der nackte Beton der Rückwand unterstreicht einmal mehr die bewusst reduzierte karg-rohe Atmosphäre.

Wen soll man herausheben aus dem mit Inbrunst tanzenden Ensemble? Sie übertreffen sich allesamt selbst: Silvia Azzoni und Alexandre Riabko, die nur die Bühne betreten müssen, um sie zu füllen; Anna Laudere und Edvin Revazov, die einen berührenden Pas de Deux der Unerreichbarkeit zeigen, und unversehens tauchen Erinnerungen auf an das „Fräulein, das nie lacht“ aus Neumeiers „Parzifal“, so verletzlich erscheint Anna Laudere in diesem Part, so einsam und verloren. Madoka Sugai mit ihrer atemberaubenden Bühnenpräsenz und Hingabe. Patricia Friza mit einer Kraft und Entschlossenheit, als müsste sie der ganzen Pandemie die Stirn bieten. David Rodriguez und Matias Oberlin in einem grandiosen Pas de Deux. Hayley Page und Borja Bermudez, Yaiza Coll und Marc Jubete, Georgina Hills und Eliot Worrell, Yun-Su Park und Lizhong Wang in einem fulminanten Ensemble für vier Paare und und und.

Hervorzuheben ist aber vor allem die von Michal Bialk einfühlsam gespielte Klaviermusik Franz Schuberts, Impromptus und Moments Musicaux, ein Allegretto und der erste Satz aus der Sonate Nr. 18 in G-Dur. Diese Musik entspricht kongenial dieser melancholischen Besinnlichkeit, aber auch dem Mut und der Kraft, der Entschlossenheit und visionären Zuversicht, die diesem Abend, dieser Choreografie zu eigen ist.

Für die weitere Spielzeit sind Werke vorgesehen, die nur gezeigt werden können, wenn die Restriktionen, unter denen die Tänzer*innen heute noch arbeiten müssen, fallen, wenn Anfassen wieder erlaubt ist: „Tod in Venedig“, „Matthäus-Passion“, „Orphée et Eurydice“. Schon länger arbeitet Neumeier an einem neuen Stück: „Beethoven 9“, dessen Uraufführung für den 6. Dezember vorgesehen ist. Hoffen wir, dass die Theater und Konzertsäle in Kürze wieder so geöffnet werden, wie es die Künstler*innen verdient haben. Es ist nicht einzusehen, dass man stundenlang eng gedrängt in einem Flugzeug sitzen darf, dass Fußballspiele wieder stattfinden, aber die Künstler*innen zum Nichtstun verdammt sind und die Opernhäuser mit einer Mini-Auslastung betrieben werden. „Ghost Light“ steht in diesem Sinne auch dafür als Symbol der Hoffnung.

Veröffentlicht am 07.09.2020, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Melancholische Besinnlichkeit "



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