KRITIKEN 2003/2004



Berlin

URWUCHT DES FLAMENCO

Compañia María Pagés in der Komischen Oper Berlin


Vor rund 20 Jahren revolutionierte Antonio Gades den Flamenco, indem er ihm neue Inhalte und Ausdrucksmöglichkeiten eroberte. Auf der Bühne und im Film gestaltete er mit den Mitteln jener filigranen Kunst Andalusiens ungewöhnliche Stoffe wie „Carmen“, „Bluthochzeit“, „Liebeszauber“ und fügte später “Fuenteovejuna“ an. Was sein Genius initiierte und zu bislang unerreichtem Höhepunkt führte, fand manchen Nachfolger. Auch María Pagés, einst Solistin in seiner Kompanie, öffnet dem Flamenco die Tür in fremde Welten hinein, geht gar noch einen Schritt weiter. Ihr Einakter „La Tirana“ erzählt nicht nur eine erfundene Geschichte, sondern setzt dazu auch untypische Musik ein. Ein Bewunderer des Gemäldes mit jener Herzogin von Alba, der Goya liebend verbunden war, lässt sich nachts im Prado einschließen. In seiner Fantasie verlebendigt sich die Dargestellte in der Gestalt La Tiranas, einer von ihr protegierten Flamenca, und tanzt bis zum Morgen mit ihm, wobei noch weitere Goya-Gemälde ihre Personnage beisteuern. Was als Story harmlos wirkt und dramaturgisch schwächelt, gibt dennoch viel Anlass zu furiosem Solotanz und räumlich gut gegliederten Ensembles in quirlend bewegten Bildern, die auch groteske Masken effektvoll einsetzen. Musik von der Bellini-Arie „Casta Diva“ mit La Callas bis zum Piazzolla-Tango, von Schubert über Gipsy-Kings-Ethno-Pop bis zu Gitarre und Bongo live verschafft dem Stück einen ungewohnten Klangrahmen. Im zweiten Teil dieser fröhlich sommerlichen Kreation kann sich spanisches Tanztemperament inhaltsbefreit ausleben. „Flamenco Republic“ huldigt in sieben unterschiedlich komponierten Szenen und in bis zu den Kostümen zwanglos heutigem Zuschnitt dem weltweit gefeierten Tanzstil. Unter einer glimmenden Birne wettstreiten je vier Frauen und Männer, dialogisieren Kastagnetten und Stöcke, trillert Ángel Muñoz brillant seine Zapateados hin. Das Ereignis des Abends bleibt María Pagés, die mit ihren geschmeidigen Soli trotzig, stolz, lässig oder kokett, lockend, werbend und girrend, mit Energie, Humor und Virtuosität etwas von der Urwucht des Flamenco sichtbar macht.

Veröffentlicht am 14.07.2004, von Volkmar Draeger in Kritiken 2003/2004

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Kommentare zu "Urwucht des Flamenco"



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