KRITIKEN 2003/2004



Berlin

KUNST ALS SPAß UND SHOW

Béjarts Schule Rudra in Berlin


Ein Tanztheaterabend der Sonderklasse. Kein anderes Schulprogramm aus letzter Zeit hinterließ einen derartig nachhaltigen Eindruck. Maurice Béjart, inzwischen 77, vor wenigen Wochen anlässlich des 50-jährigen Choreografenjubiläums für sein singuläres Lebenswerk mit dem Movimentos Award geehrt, weiß, wie man Stücke konzipiert, Stile verquickt, Tänzer präsentiert. Sein Zauber bindet nach wie vor das scheinbar Unvereinbare zu unauflöslicher Einheit. Dass er diese Fähigkeit auch in den Dienst seines 1992 gegründeten Rudra Béjart Ecole Atelier stellt, bedeutet für die knapp 40 Studenten dieser kostenlosen Zweijahresausbildung in den Räumen des Béjart Ballet Lausanne einen Glücksfall. Rund 400 Studenten aller Kontinente haben seither jenes begehrte Zusatzstudium genossen und tanzen nun in hochkarätigen Kompanien. Dem aktuellen Schülerstamm darf man eine ähnliche Karriere prophezeien. Alle 39 waren am neuen Schulprogramm „A coeur ouvert, Rudra...“ beteiligt. Rudra ist, dies die Quersumme, nicht nur eine Tanzschule, sondern ein Ort der Auseinandersetzung mit dem Gesamtphänomen Kunst, mit Kulturen und Philosophien. Ihr Geist speist sich aus dem weiten Denkuniversum ihres Direktors sowie seines Stellvertreters und langjährigen Solisten Michel Gascard. Was potente Pädagogen mit den vielseitigen Eleven einstudiert haben, verflocht das Direktoren-Doppel zu einem elfteiligen, pausenfreien 90-Minuten-Abend, der begeisterten Tänzerherzen entsprang und auch den Zuschauern im Haus der Berliner Festspiele zu Herzen ging.
Béjarts Vorliebe für japanische Kampfkunst spiegelte der Prolog, ein Ritual des Kendo. In dunkelblauen Einheitskimonos hockt die Tänzerequipe auf dem Boden, bis weibliche Kommandos sie hochschnellen lassen und einen Schlagtanz mit Stöcken in Gang setzen. Wie eine disziplinierte Kampfwelle fluten die 39 vor und rück. Béjarts Eine-Welt-Sicht hat kein Problem, Martha Grahams „Helios“ zur gleichnamigen Ouvertüre von Carl Nielsen nahtlos folgen zu lassen. So exakt gefühlt, so strahlend ausgekostet werden Zug und Dehnung, Kontraktion, Schwung und die intensiven Bodenpassagen, dass die 13 Interpreten an die wunderbare Vielfalt luzider Formen und kleiner Ensembles ganz verloren scheinen. Exzerpte aus dem 1. und, mit ungarischem Feuer, dem 3. Akt von „Raymonda“ in Juri Grigorowitschs Choreografie schließen sich an. Durch die exakten Aufstellungen der Paare fegt, mit freiem Oberkörper und blitzend weißem Lycra, wie ein Wirbelwind Oscar Chacon. Mit atemberaubenden Sprungtricks, funkelnden Augen und fliegenden Locken durchstürmt er diese „Raymonda“. Wie hingebungsvoll auch die Gruppe wieder tanzt, zeigt, dass Béjarts Konzept einer umfassenden Ausbildung verstanden wird - selbst wenn nicht jedem Körper jeder Stil liegt und mancher sich spezialisieren wird. In leichthändig inszeniertem Übergang ertönt der Ruf „Vögel!“ in den Sprachen dieser multinationalen Mannschaft, ehe alle sich in einer chorischen Komposition zu Manos Hadjidakis’ sinfonischem Gedicht „Les Oiseaux“ sammeln. Schwer zu sagen, was mehr beeindruckt: die kompakte Wirkung der Gruppe, mit viel Persönlichkeit im Detail, oder der makellose A-cappella-Gesang. Sieben Jungen bleiben, drei gesellen sich ihnen bei - zu einem der Bilder aus Béjarts Zyklus „Sept Danses Grecques“ nach Musik von Mikis Theodorakis, zu Bouzouki-Klang frisch und mit vielen Zitaten griechischer Männerreihen getanzt. Drei der Jungen lassen sich im anschließenden Chorus „Tania, Tanioucha“ von Mädchen mit roten Tüchlein verwöhnen.
Carolyn Carlsons Gruppenetüde „A coeur ouvert, Rudra“ zu perkussiven Rhythmen leiht dem Abend nicht nur den Titel, sondern gibt den 17 jungen Tänzern Gelegenheit, sich unverkrampft zeitgemäß und angejazzt auszutoben. Gut gebaut ist die Studie und hat überdies Witz. Blindekuhspiel schafft den Wechsel zu einer modernen Choreografie, die Myra Woodruff nach einem Vivaldi-Konzert entworfen hat, mit flinkem Bewegungsmaterial vom barocken Frage-Antwort-Wettstreit über Commediawitz bis zu HipHop-Elementen. Ein indischer Tanz setzt den Parforce-Ritt durch Stile und Regionen fort. Blitzschnell müssen sich da die aufgeheizten Körper beruhigen und es sich im bis zu Handgestik, Hüftwiegen und Augenstellung fixierten Reich Shivas bequem machen. Wieder wird den Studenten erfahrbar Weltwissen vermittelt. Sekunden genügen, die Hüfttücher abzuwerfen und Trommeln aufzugreifen: Im finalen Doppelhalbrund entfesseln die Studenten mit brillanter Präzision ein perkussives Feuerwerk. Was asiatisch introvertiert begann, endet lustvoll lärmend. Statt trockener Kunstausübung Dienst an der Kunst als Spaß und Show. Eben ganz Béjart.

Veröffentlicht am 07.07.2004, von Volkmar Draeger in Kritiken 2003/2004

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Kommentare zu "Kunst als Spaß und Show"



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