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ÜBER DIE SCHULTER GESCHAUT

"John Neumeier at Work" gibt Einblicke in Kreationsprozesse



Das gut einstündige Video zeigt die Arbeit an "Artus Sage", "Matthäus Passion" und "Magnificat" im Jahr 1987 – ein wichtiges Dokument der Tanzgeschichte.


  • "John Neumeier at Work" Foto © Holger Badekow

John Neumeier hat es leider nur selten zugelassen, ihm bei der Kreation eines neuen Stückes über die Schulter zu schauen – jetzt gibt ein schon 1987 entstandenes Video Gelegenheit dazu. André S. Labarthe begleitete den Hamburger Ballett-Intendanten seinerzeit ein halbes Jahr lang und beobachtete die Proben zu drei wichtigen Werken: „Artus-Sage“, „Matthäus-Passion“ und „Magnificat“, letzteres eine Einstudierung mit dem Ballett der Pariser Oper (u. a. mit der jungen Elisabeth Platel), das dieses Stück in Avignon aufführte.

Dabei gibt es ein Wiedersehen mit den das Hamburger Ballett prägenden Tänzer*innen in dieser Zeit: in der „Artus-Sage“, die damals in der noch ziemlich archaischen Kampnagel-Fabrik geprobt und aufgeführt wurde, mit François Klaus (als König Artus), Colleen Scott (als Königin Ginevra), Jeffrey Kirk und Johannes Kritzinger; in der „Matthäus-Passion“ mit Bettina Beckmann, Rena Robinson, Indrani Delmaine und Anders Hellström (als Judas in der Matthäus-Passion). An der Seite John Neumeiers sehen wir Victor Hughes, Tänzer, Ballettmeister und Assistent Neumeiers in der Kompanie, und Susanne Menck, damals Choreologin des Ensembles, sowie den 1991 verstorbenen Tänzer und Ballettmeister Roy Wierzbicki.

Das Video zeigt in Probenausschnitten und Gesprächen, wie Neumeier die Rollen mit seinen Tänzer*innen erarbeitet, welche Auffassung er von dem jeweiligen Werk hat, wie er die Musik aussucht und vieles mehr. Sehr eindrucksvoll vor allem die Probe des Solo des Judas aus der „Matthäus-Passion“, das Neumeier mit Anders Hellström erarbeitet. Ausschnitte aus den Aufführungen auf der Bühne runden das Ganze ab.

Spürbar ist auch der Unterschied zwischen der Arbeit des damals 48-jährigen Neumeier mit dem eigenen Ensemble und dem der Pariser Oper, das sich anfangs etwas schwertut, dem Choreografen zu folgen. Der Pas de deux aus dem „Magnificat“ im Innenhof des Papstpalastes in Avignon gerät dann aber doch hervorragend, sodass Solist*innen, ebenso wie der Choreograf, zu Recht umjubelt werden.

Schade, dass dieser Film nur 68 Minuten umfasst – das Material hätte sicher sehr viel mehr hergegeben, auch wäre ein Begleitheft schön gewesen. So erfährt man weder im Abspann noch irgendwo sonst etwas über die gezeigten Tänzer*innen – und nur wer die Gesichter kennt, weiß, um wen es sich handelt. Auch sind die deutschen Untertitel teilweise fehlerhaft – so wird z.B. der Pas de deux aus dem „Magnificat“ als „Matthäus-Passion“ untertitelt ... Nichtsdestotrotz: Für Fans des Hamburger Balletts und John Neumeiers ist diese DVD eine erfreuliche Ergänzung zu den wenigen schon vorhandenen Videos über das Ensemble und das große Werk seines Chefchoreografen.

Veröffentlicht am 15.04.2020, von Annette Bopp in Homepage, Tanzmedien

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Kommentare zu "Über die Schulter geschaut"



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