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Berlin

BILDHAUER DER EIGENEN STATUE

Filmporträt eines begnadeten Künstlers: Friedemann Vogel



Er sei für das Ballett geboren, urteilen Kollegen, Friedemann selbst sagt eher bescheiden, er liebe einfach die Herausforderung. Und die hat ihm weltweite Erfolge beschert.


  • " Friedemann Vogel - Verkörperung des Tanzes" Foto © SWR
  • " Friedemann Vogel - Verkörperung des Tanzes" Foto © SWR
  • " Friedemann Vogel - Verkörperung des Tanzes": mit Polina Semionova Foto © SWR
  • " Friedemann Vogel - Verkörperung des Tanzes": mit Polina Semionova Foto © SWR
  • " Friedemann Vogel - Verkörperung des Tanzes": mit japanischen Fans Foto © SWR

Zuerst sieht man auf dem Bildschirm nur einen Arm, dann einen Rücken, über den sich Muskeln wellen, zuletzt mit edlem Spann Tänzerfüße. Sie gehören Friedemann Vogel, dem Starsolisten des Stuttgarter Balletts. Er sei für das Ballett geboren, urteilen Kollegen, Friedemann selbst sagt eher bescheiden, er liebe einfach die Herausforderung. Und die hat ihm weltweite Erfolge beschert. Darüber sowie über sein Werden und Wirken erzählt 60 Minuten lang ein TV-Film, der in Koproduktion des SWR mit der Filmakademie Baden-Württemberg entstanden ist. Katja Trautwein hat damit eine so sachkundige wie feinfühlige Abschlussarbeit vorgelegt. Die junge Regisseurin begleitet den Ausnahmetänzer auf aktuellen Stationen seiner Karriere und flicht auch die Anfänge auf dem Weg zur Spitze ein: Aufnahmen des Studenten Friedemann Vogel. Seit 20 Jahren tanzt er nun als Profi über die Bühnen der Welt, hat sich in 40 Theatern von 24 Ländern „sein“ Publikum erobert. Preise bei Wettbewerben, etwa in Lausanne, standen am Beginn, zwei Mal wurde der Erste Solist vom Fachmagazin „tanz“ zum Tänzer des Jahres gewählt, seit 2015 darf er sich „Kammertänzer“ nennen. So weit, so glatt.

Dass auch ein begnadetes Talent wie Friedemann Vogel seinen Platz erkämpfen und über die Zeiten halten muss, macht das Porträt deutlich. Es zeigt, was unbedingt zur Begabung kommen muss: stete Arbeit an sich, künstlerische Neugier, permanenter Lernwille und ökonomischer Umgang mit der „Ressource“ Körper.

Verkrampftes Streben liegt ihm fern, vielmehr mag man an ihm bewundern, wie er im Alltag selbst harten Momenten ein Lächeln abgewinnt. Von Natur scheint er ein Strahlemann, der über der tänzerischen Technik steht und deshalb sein Augenmerk auf die Gestaltung der Rolle richten kann. Das macht ihn, außer einem Körper von idealer Proportion, einzigartig als Künstler. Für ihn scheint es stilistisch keine Grenzen zu geben, flexibel verwandelt er sich moderne Bewegungssprachen an, als seien sie für ihn erfunden. So pendelt er zwischen den großen Rollen des klassischen Repertoires, ob Prinz, Romeo oder Onegin, und den Kreationen, die Choreografen ihm maßschneiderten. Er brilliert im klassischen Kanon und weiß in Stücken von zeitgenössischem Zuschnitt seine Geschmeidigkeit mit unnachahmlicher Intensität einzusetzen. Daher darf er als einer der wenigen Erwählten das Solo in Maurice Béjarts „Bolero“ tanzen, jenes peitschende Duo mit dem sich steigernden Rhythmus auf rotem Rundtisch.

Eigentlich, so assoziiert der Film, tanzt Friedemann Vogel, wo immer er sich aufhält: im Park und auf Plätzen, vor den großen Theatern, in denen er gastiert, dem Moskauer Bolschoi oder dem New National Theater Tokio, vorm Brandenburger Tor in Berlin, in engen Gassen mit Wänden voller Graffiti und natürlich durch seine Heimatstadt Stuttgart. Hier findet er noch Zeit, seinem Kollegen Roman Nowitzky als Fotomodell zu dienen: auf einem unsichtbare Podest inmitten des kleinen Sees vor der Oper. Als eleganter Schwanenmann, in fantasiereichen Posen und Sprüngen. Zu kurz kommen auch Einblicke in Probe und Vorstellung nicht, die vom Schweiß vor dem Applaus und den Schlange stehenden Fans erzählen und den einfühlsamen Partner zeigen, der auf die Bitten seiner Ballerinen selbstlos eingeht. Die sind dann auch des Lobes über ihn voll: ob Alicia Amatriain („seit 20 Jahren sind wir wie Bruder und Schwester, brauchen zum Verständnis kaum Worte“), Polina Semionova („ich fühle mich einfach gut mit ihm“) oder Olga Smirnowa vom Bolschoi. Sie genießen die Sicherheit, die Friedemann Vogel ihnen gibt, und teilen den Augenblick auf der Bühne mit ihm: das Publikum zu vergessen, wie für sich selbst zu tanzen und so einen magischen Moment zu erzeugen, der sich dann auf die Zuschauer überträgt. „Es geht um die künstlerische Aussage, sonst wär ich längst weg“, sagt er fast beiläufig. Mit seinen 40 Jahren fühlt er sich topfit, plant noch nichts für die Zeit nach der Laufbahn. Muss er auch nicht, denn gerade hat er, jenseits des Films, im heimischen Stuttgart einen weiteren Triumph gefeiert: als Kronprinz Rudolf in Kenneth MacMillans „Mayerling“. Und auch die Mode hat ihn als potenten Präsentator entdeckt. Mit Komplimenten aus berufenem Mund endet der ruhig geschnittene und dennoch genregemäß komprimiert ablaufende Film. Für Marcia Haydée ist Friedemann Vogel die Nummer 1 unter den Tänzern unserer Zeit. Volker Schlöndorff erinnert er an einen Bildhauer, der durch Training und Disziplin seine eigene Statue herstellt. Wohl nicht von ungefähr heißt der Film deshalb auch „Friedemann Vogel - Verkörperung des Tanzes“.

Zu sehen für ein Jahr in der ARD Mediathek, gesendet nochmals am 4.7. um 22:55 Uhr auf 3sat

Veröffentlicht am 12.04.2020, von Volkmar Draeger in Homepage, Gallery, Tanzmedien

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Kommentare zu "Bildhauer der eigenen Statue"



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