HOMEPAGE



Osnabrück

TÖDLICH ZERSTÖRTES VERTRAUEN

Mauro de Candia choreografiert "Giselle" am Theater Osnabrück



Candias "Giselle" ist eine eigenständige, im tänzerischen Ausdruck ihrer psychologischen Warheit absolut zeitgemäße Fassung des fantastischen Balletts, das wunderbar neben dessen klassischen Formen bestehen kann.


  • "Giselle" von Mauro de Candia; Hampus Larsson, Marine Sanchez Egasse Foto © Jörg Landsberg
  • "Giselle" von Mauro de Candia; Marine Sanchez Egasse Foto © Jörg Landsberg
  • "Giselle" von Mauro de Candia; Teresa Alcázar Díaz, Marine Sanchez Egasse, Gabriella Lemma, Ayaka Kamei, Laura Martín Rey, Ana Torre Foto © Jörg Landsberg
  • "Giselle" von Mauro de Candia; Yi Yu, Gabriella Lemma, Teresa Alcázar Díaz Foto © Jörg Landsberg
  • "Giselle" von Mauro de Candia; Riccardo Maria Detogni, Teresa Alcázar Díaz, Marine Sanchez Egasse, Petr Buchenkov, Laura Martín Rey, Ana Torre Foto © Jörg Landsberg

Von Hanns Butterhof

„Giselle“ ist eine Ikone des romantischen Balletts. 1841 wurde es am Königlich Akademischen Musiktheater in Paris zu dem Libretto von Vernoy de Saint-Georges und anderer zur Musik von Adolphe Adam uraufgeführt. Im Theater am Domhof hat es jetzt Mauro de Candia entromantisiert und aus der feudalen Gesellschaft mit ihren Standesunterschieden in eine zeitlose Gegenwart versetzt. Mit dem live vom Osnabrücker Symphonieorchester unter Daniel Inbal musikalisch unterstützten und begeisternd tanzenden Ensemble der Dance Company hat de Candia einen wunderbaren Tanzabend geschaffen.

Auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne mit ihrer kargen Kulisse von einigen Birken konzentriert sich de Candia auf die vier Protagonist*innen des Balletts: Albrecht (Hampus Larsson), seine Verlobte Bathilde (Ana Torre), Giselle (Marine Sanchez Egasse) und Hilarion (Neven Del Canto). Zu Beginn sieht man Albrecht, einen schönen Mann, und die herbe Bathilde beim zärtlichen Liebesspiel. Doch bei einem Volkstanz verliebt sich Albrecht in Giselle, ein elfenhaftes Mädchen in schlicht graugrünem Kleid. Sie hatte gerade die Annäherungsversuche von Hilarion zurückgewiesen und gibt sich nun vertrauensvoll Albrecht und seinen Liebesbeteuerungen hin.

Voller Eifersucht entschleiert daraufhin Hilarion die Gebundenheit Albrechts an Bathilde, und Giselle zerbricht an dem zerstörten Vertrauen. Ihre Freundinnen versuchen sie aufzurichten und gegen Albrecht abzuschirmen, der es dann wieder mit Bathilde versucht. Aber Giselle kann sich fast nur noch auf dem Boden winden. Als sie doch aufsteht, geht sie im weißen Unterkleid ins Licht, in den Tod.

Intime Szenen mit werbendem Umtanzen, weiten Sprüngen des sich Produzierens und zärtlichste Nähe mit weicher Hingabe wechseln sich mit dynamischen, kraftvollen und bis zum Artistischen gehenden Volksszenen ab. De Candia erweist sich dabei als einfühlsamer Psychologe, der die inneren Zustände und die äußeren Beziehungen wortlos deutlich in Tanz, Raumaufteilung und Licht zum Ausdruck bringt.

Das Ensemble der Dance Company leistet in der ersten, schon mit großem Beifall bedachten Stunde, sowie in den vierzig folgenden Minuten des zweiten Aktes Schwerstarbeit. Es verdient sich mit der ergreifend tanzenden Marine Sanchez Egasse, Hampus Larsson, Ana Torre und Neven Del Canto den dankbaren, schließlich stehend dargebrachten Beifall des Premierenpublikums. Der galt auch dem Osnabrücker Symphonieorchester, mit dem Daniel Inbal die ganze Breite des von Adolphe Adam aufgebotenen musikalischen Materials von knalligem Offenbach bis ätherischem Wagner passend zum Ballett entfaltete.

Veröffentlicht am 26.02.2020, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 2194 mal angesehen.



Kommentare zu "Tödlich zerstörtes Vertrauen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    WIR LASSEN'S UNS NICHT NEHMEN

    "Kunstraub" von Mauro de Candia am Theater Osnabrück

    Corona schafft es nicht, dem Theater die Kunst zu stehlen: Auf diesen einfachen Nenner lässt sich bringen, was Mauro de Candia sehr viel komplexer mit seinem neuen Stück "Kunstraub" auf die Bühne des Theaters am Domhof bringt.

    Veröffentlicht am 15.10.2020, von Gastbeitrag


    TANZLEITUNG VERLÄSST 2021 DAS THEATER OSNABRÜCK

    Mauro de Candia und Patricia Stöckemann haben ihren Abschied angekündigt

    Nach neun Jahren in Osnabrück suchen der Künstlerische Leiter und die Dramaturgin der Dance Company Theater Osnabrück nach neuen Herausforderungen.

    Veröffentlicht am 18.06.2020, von Pressetext


    "GEISTER"

    Uraufführung am Theater Osnabrück

    Der Tanzabend von Ben J. Riepe und Mauro de Candia feiert am 09. November im Theater im Domhof in Osnabrück Premiere.

    Veröffentlicht am 28.10.2019, von Pressetext


    UNTER EINEM HIMMEL

    Die Dance Company des Theater Osnabrück zeigt eine Uraufführung von Mauro de Candia

    Etwas Leichtes sollte es wohl sein zur Karnevalszeit. Aber jeder weiß, wie schwer die Leichtigkeit zu haben ist.

    Veröffentlicht am 04.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    NUR AM RANDE KAFKAESK

    Mauro de Candias „Home, Sweet Home” am Theater Osnabrück

    Der Leiter der Dance Company ließ sich für seine Kammerchoreografie von Kafkas „Brief an den Vater“ inspirieren.

    Veröffentlicht am 20.11.2017, von Marieluise Jeitschko


    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Wayne McGregor, Marco Goecke, dazu Mauro de Candia als aufgehender Stern und Gregor Seyffert als Crossover-Regisseur, sind ein beeindruckendes Choreografen-Quartett für diese Gala.

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    TANZ ALS BEWEGTE MUSIK

    Von Wigman bis Goecke und de Candia: "Danse Macabre" in Osnabrück

    „So geht freier Tanz heute!“ möchte man der selbst ernannten „Priesterin des Tanzes“ Mary Wigman zurufen, die so viel wagte, aber aus heutiger Sicht so wenig ahnte von den Möglichkeiten „der Bewegung aller Dinge“.

    Veröffentlicht am 12.02.2017, von Marieluise Jeitschko


    METAMORPHOSEN EINER SEELE

    Mauro de Candias "Schwanensee"

    In die facettenreiche Reihe von "Schwanensee"-Interpretationen fügt sich de Candias Version eindrucksvoll ein. Der Osnabrücker Tanztheaterchef geht vom Schwan als Sinnbild der Seele aus und fokussiert die zweiaktige Dramaturgie ganz auf Siegfried.

    Veröffentlicht am 24.10.2016, von Marieluise Jeitschko


    CORPI IN MOSTRA UND FORMAZIONE TERSICORE

    Patricia Stöckemann bloggt über Mauro de Candias europäische Ausbildungsplattform in Italien

    Diese einzigartige Plattform hat Patricia Stöckemann wiederholt so beeindruckt, dass sie unsere Leser/innen nun daran teilhaben lassen möchte.

    Veröffentlicht am 23.03.2016, von Gastbeitrag


     

    AKTUELLE NEWS


    BETTINA MASUCH GEHT NACH ST. PÖLTEN

    Ab 2022 übernimmt Masuch die Künstlerischer Leitung des Festspielhaus St. Pölten
    Veröffentlicht am 30.10.2020, von tanznetz.de Redaktion


    WEITERTANZEN

    TANZPAKT RECONNECT fördert 51 Maßnahmen mit 5,5 Millionen Euro
    Veröffentlicht am 29.10.2020, von Pressetext


    MCGREGOR IN VENEDIG

    Wayne McGregor zum Direktor der Biennale Danza ernannt
    Veröffentlicht am 27.10.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STEPHAN HERWIG :: IN FELDERN

    Das neue Tanzstück von Stephan Herwig feiert am Donnerstag, 29. Oktober 2020, in München Premiere.

    Das differenzierte Zusammenspiel von Tanz, Raum und Licht prägt Stephan Herwigs Choreografien - für seine neue Arbeit ergänzt und bereichert durch ein Objekt mitten im Bühnenraum.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    BALLETTWELT IM UMBRUCH

    Ein pädagogisches Konzept für die Münchner Ballett-Akademie

    Veröffentlicht am 20.10.2020, von Anna Beke


    NIEMAND IST EINE INSEL

    Zum Tanzabend „My Island“ von Stephan Thoss in Mannheim

    Veröffentlicht am 24.10.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel


    LIEBE UND ANDERE UNANNEHMLICHKEITEN

    In Cottbus lotet Oliver Preiß die Untiefen unserer Gefühle aus

    Veröffentlicht am 26.10.2020, von Volkmar Draeger


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP