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Heidelberg

DER SCHNEE VON MORGEN

Das TEC Art Dance Festival für Tanz & Medien in der Heidelberger Hebelhalle



Noch nie hat in ihrer über zehn Jahre währenden Nutzung als Spielstätte für zeitgenössischen Tanz waren in der Heidelberger Hebelhalle so viele Scheinwerfer auf einmal im Einsatz. Aber bei den Gastspielen des Japaners Hiroaki Umeda, Kopf des Künstlerkollektivs S 20, sind Superlative an der Tagesordnung.


  • "Accumulated Layout" von Hiroaki Umeda Foto © Günter Krämmer
  • "Accumulated Layout" von Hiroaki Umeda Foto © Günter Krämmer
  • "Accumulated Layout" von Hiroaki Umeda Foto © Günter Krämmer
  • „ATLAS 1 - Any Body Sounds“ Foto © Günter Krämmer
  • „ATLAS 1 - Any Body Sounds“ Foto © Günter Krämmer
  • „ATLAS 1 - Any Body Sounds“ Foto © Günter Krämmer

Noch nie hat in ihrer über zehn Jahre währenden Nutzung als Spielstätte für zeitgenössischen Tanz waren in der Heidelberger Hebelhalle so viele Scheinwerfer auf einmal im Einsatz. Aber bei den Gastspielen des Japaners Hiroaki Umeda, Kopf des Künstlerkollektivs S 20, sind Superlative an der Tagesordnung. Der Japaner, dessen Einsatz aktueller Technik eine philosophische Dimension hat, bemerkt mit feiner Ironie: „Wenn man Vertrauen in die Dinge als Fakten hat, nennt man sie real; aber wenn dieses Vertrauen leicht erschüttert ist, nennt man sie lieber virtuell. Am Ende des Tages aber, wenn man jede Sichtweise in Moleküle zerlegt, bestehen die gegenständliche wie auch die virtuelle Realität nur aus Lichtpartikeln.“

Als gemeinsame optische Bezugsgröße nutzt Umeda für sein Stück „Holistic Strata“ die Einheit Pixel, in die alle choreografischen Elemente (Körper, Licht und Sound) übersetzt werden. Es entstehen Rastergrafiken, die – in unaufhaltsame Bewegungsströme geraten – die Zuschauer ihren Augen nicht mehr trauen lassen. Im Zentrum des Bilderwirbels steht Umeda selbst als Tänzer, der dem menschlichen Körper höchsten Respekt für seine archetypische Wirkung zollt. Im Pixelsturm verlieren für den Betrachter alle Bezugspunkte zur physischen Realität – der tanzende Körper und der ihn umgebende Raum scheinen sich gleichermaßen heftig zu bewegen. Erstaunlicherweise haben die tanzenden Pixel große Ähnlichkeiten mit Naturphänomen, mit Schnee und Eis etwa, und Umeda scheint unsichtbare Hänge hinunterzuwedeln oder auf weiter Fläche schwerelos dahinzugleiten –statt sich nur auf der Stelle zu bewegen. Schon im Eingangsstück „Accumulated Layout“ führte der Japaner vor, wie ein hochkomplexes Lichtdesign ein kleines ausgeleuchtetes Rechteck auf dem Tanzboden zum künstlerischen Mitspieler werden lässt. So herausfordernd seine Bilder für die Sinneswahrnehmung der Zuschauer auch sind – am Ende künden sie fast tröstlich von der harmonischen Aufhebung der Grenze zwischen gegenständlich und virtuell in einer Welt, in der alles mit allem harmonisch verbunden ist.

Umeda sei sein erklärtes Vorbild, erklärte sein Landsmann Shumpei Nemoto im Gespräch. Er selbst hat einen beachtlichen künstlerischen Spagat aufzuweisen: Als junger Balletteleve gewann er eine weltweit beachtete Auszeichnung im klassischen Bühnentanz; als angehender Choreograf bot sich ihm die Chance, auf Einladung des UnterwegsTheaters mit einer Uraufführung zum brandneuen TECart Dance Festival für Medien& Tanz beizutragen. Der zierliche Japaner, dessen Bühnenpräsenz von einer betont unaufwändigen, fast beiläufigen Selbstverständlichkeit lebt, hatte den ersten Schritt vom erfolgreichen Tänzer (Karrierestationen: Londoner Royal Ballet, Deutsche Oper am Rhein, Cullberg Ballet) zum international beachteten frei schaffenden Choreografen einer verletzungsbedingten Pause zu verdanken. Bereits als Kind, so erzählt er, habe er gern gebastelt und getüftelt. Genau das tut er heute wieder, allerdings mit computerbasiertem Material und höchstem Anspruch an ein künstlerisches Ein-Mann-Unternehmen.

Shumpei Nemoto ist einer der wenigen Stipendiaten, der die Jury des Choreografischen Centrums in Heidelberg gleich zweimal von seinen Konzepten überzeugen konnte. Hier legte er den Grundstein für seine letzte Arbeit, in der die Bezeichnung „Solo“ eine neue Dimension erreichte: Nemoto hatte sein gesamtes Bühnenkonzept (Live-Kameras, Video-Projektionen, Zeitrahmen, Musik, Licht) im Computer vorprogrammiert – und tanzte live im Dialog mit seinen vielfachen Doppelgängern. Sein neues Projekt „Sono Solo“, das im Rahmen des Festivals uraufgeführt wurde, widmete sich der Interaktion zwischen Tanz und Klang. Als „Soundscape“ bezeichnet er selbst die technische Versuchsanordnung, in der er durch Bewegung Geräusche erzeugt und mit ihnen in einen Bewegungsdialog tritt – eine hoch konzentrierte, faszinierende Versuchsanordnung.

Im Vergleich zu ihm sind Jone San Martin – ehemaliger Star des Forsythe Ensembles – und Emanuele Soavi – der ebenfalls mit Forsythe, aber auch mit Susanne Linke gearbeitet hat – alte Bühnenhasen. In Zusammenarbeit mit dem spanischen Soundkünstler Mikel R. Nieto widmeten sich die beiden in einer choreographischen Spurensuche. Das Projekt„ATLAS“ ist dem Körper in Ausnahmesituationen gewidmet; der erste Teil„ Any Body Sounds“ hat das kommunikative Zusammenspiel von Körper und Klang zum Thema. Jone San Martin gab nicht nur Kostproben von ihrer verblüffenden Fertigkeit, alle Körperteile (beinahe) vollkommen unabhängig voneinander zu bewegen, sondern animierte das Publikum charmant zum Buchstaben-Singen. Zentraler Ausgangspunkt für den Soundtrack des Abends war allerdings ihre eigene Stimme, von Mikel R. Nieto nach allen Regeln der digitalen Kunst live verfremdet und widergespiegelt. Der Auftritt lebte von ganz viel Improvisation, bei dem am Ende eine Art Ganzkörper-Armdrücken für Gender-Augenhöhe sorgte.

Die kreative Einziehung technikbasierter Medien war das Auswahlkriterium für die fünf Aufführungen, mit denen das UnterwegsTheater für das neue TECart Festival einen hoch aktuellen Trend in der internationalen Tanzszene bündelte. Tanzaffines Publikum zeigte sich vor Ort begeistert – technikaffine Zuschauer hätten ruhig noch mehr da sein dürfen.

Veröffentlicht am 23.02.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Gallery, Kritiken 2019/2020

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