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Regensburg

REGENSBURG STEHT KOPF

Klang und Bewegung im Austausch: "Drum Dancing" am Theater Regensburg



Georg Reischl setzt das Element des Verkehrtherum ganz bewußt in "Drum Dancing" ein. Für sein zweites Tanzstück am Regensburger Theater hat sich der neue Tanzchef den indianischen Heyoka als Inspirationsquelle ausgeguckt.


  • "Drum Dancing" von Georg Reischl am Theater Regensburg Foto © Bettina Stöss
  • "Drum Dancing" von Georg Reischl am Theater Regensburg Foto © Bettina Stöss
  • "Drum Dancing" von Georg Reischl am Theater Regensburg Foto © Bettina Stöss
  • "Drum Dancing" von Georg Reischl am Theater Regensburg Foto © Bettina Stöss
  • "Drum Dancing" von Georg Reischl am Theater Regensburg Foto © Bettina Stöss

Schaut man beim Yoga eine Zeit lang im Kopfstand in die Umgebung, beginnt sich das verkehrte Bild irgendwann wieder zu drehen und man glaubt die Welt wieder richtig herum zu sehen. Eine Täuschung, die uns das Gehirn weismacht, weil wir gern alles gerade rücken und an seinem „richtigen“ Platz wissen wollen. Der Mensch, ein Trickser, gaukelt sich gern etwas vor.

Georg Reischl setzt dieses Element des Verkehrtherum ganz bewusst in „Drum Dancing“ ein. Für sein zweites Tanzstück am Regensburger Theater hat sich der neue Tanzchef den indianischen Heyoka als Inspirationsquelle ausgeguckt. Mit diesem Begriff haben nordamerikanische Prärieindianer ihre Clowns, sogenannte Contraries und verkehrte Krieger bezeichnet. Am Schluss der umwerfenden, eineinhalbstündigen Choreografie steht dieser Wandler, der alles ins Gegenteil verdreht, auf dem Kopf. Mit staunendem Grinsen senkt sich die riesige Figur vom Schnürboden herab. Schon zuvor prägten die Finger seiner spitz zulaufenden schwarzweißen Kappe als Schatten wie ein geheimnisvolles Totemzeichen das sonst karge Bühnenbild.

In „Drum Dancing“ stehen Klang und Bewegung, Rhythmus und Tanz permanent in einem höchst lebendigen Austausch, alles entwickelt sich in direkter Interaktion. Mit dem schweizerischen Schlagzeuger Vincent Glanzmann gestaltet ein Nichttänzer das Geschehen auf der Bühne gemeinsam mit dem Tanzensemble maßgeblich mit. In der ersten Hälfte sitzt er hinter einem reduzierten Schlagzeug, spielt bevorzugt auf Becken und elektronischer, dumpf klingender Basstrommel. Diese steuert, gibt den (Im-)Puls vor und maßregelt. Glanzmann gibt den klaren Rhythmus und damit die Bewegung der Duette, Trios und des zehnköpfigen Ensembles vor, das hierfür aus dem klassischen Ballettrepertoire schöpft. Immer wieder sortiert sich das Ensemble zu Posen, herkömmlichen Figuren und vorgegebenen Anordnungen im Raum, holt sich im Pulk den regelmäßigen Impuls vom Schlagzeuger. Diese Ordnung wird dann gleich wieder in nichtkonformer Weise aufgelöst.

Im herrlich verrückten zweiten Teil spielt Glanzmann ein größeres Schlagzeug oder läuft mit einer Landsknechttrommel vor dem Bauch steckenwirbelnd durchs Bild. Obwohl der Tanz teils groteske, schiache, alberne Formen annimmt und ein hohes Energie- und Bewegungslevel herrscht, wirkt alles leicht und spielerisch. „Humor als Lebenselixier“ drängt ein Text auf dem Off gesprochen dazu „die erdrückende Ernsthaftigkeit“ abzustreifen und lädt ein „zum mentalen Tanz der Freiheit!“ Wie viele – im Publikum – sich davon angesprochen fühlen, erkennt man nach dem leidenschaftlichen Schlussapplaus, als etliche Uraufführungsbesucher*innen durch die Gänge tänzeln. Den etwas pathetischen Text hat der Musiker beigesteuert. Der ist mit seinem dynamisch differenzierten Spiel jetzt stärker klanglich orientiert, reagiert auf die Tanzenden mit kratzenden, rauschenden und elektronisch verfremdeten Geräuschen. Hier wird das Modell des Narren mit seiner Freiheit auch Falsches und Widersinniges zu tun, wie ihn der Heyoka verkörpern soll, zum Ansporn, zum Aufruf selbst Zwänge abzustreifen und Begrenzungen – im Fühlen, Denken und Tun – zu erkennen und möglichst zu überwinden.

Dramaturgisch trägt ein toller Einfall viel zur Dynamik und Komik des Abends bei. Mittels eines schrägen Deckels ist der Orchestergraben geschlossen und so für die Tanzenden nutzbar gemacht worden. Aus ihm steigen, kriechen, robben und gleiten die Tänzer*innen wie Geister oder Kobolde hervor, um nach ihrem Einsatz wieder runterzurutschen, zu kollern, abzutauchen. Irgendwann formieren sich die Tanzenden wieder, wenden sich zum Publikum und skandieren laut wie bei einer Demo: „Heyoka“, „Heyoka“, „Heyoka!“ Mit dem rituellen Charakter, den die Choreografie dadurch gerade auch erhält, und der innewohnenden spirituellen Energie wird uns – dem Publikum, der Gesellschaft, den aufgeklärten Menschen – auch ein Spiegel vorgehalten: Schau hin, schau hinein, das bist auch du! Ein großartiger Abend, exzellent getanzt, wunderbar ausgeleuchtet und von den Kostümen bis zum kopfüber hängenden verkehrten Krieger mit viel Detailfreude hervorragend ausgestattet.

Veröffentlicht am 17.02.2020, von Michael Scheiner in Gallery, Kritiken 2019/2020

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