GALLERY



Chemnitz

TANZ ALS WIDERSTAND

Samuel Mathieu bringt mit dem Ballett Chemnitz ein Frauenstück auf die Bühne



"MILI[TANZ!]" hat der französische Choreograf sein Stück benannt, in dem es um Widerstand gegenüber Machtstrukturen geht, und holt dafür das Publikum in die heilige Halle des Probensaals, oben unter dem Dach der Chemnitzer Oper.


  • Samuel Mathieu bringt mit dem Ballett Chemnitz ein Frauenstück auf die Bühne Foto © Dieter Wuschanski
  • Samuel Mathieu bringt mit dem Ballett Chemnitz ein Frauenstück auf die Bühne Foto © Dieter Wuschanski
  • Samuel Mathieu bringt mit dem Ballett Chemnitz ein Frauenstück auf die Bühne Foto © Dieter Wuschanski
  • Samuel Mathieu bringt mit dem Ballett Chemnitz ein Frauenstück auf die Bühne Foto © Dieter Wuschanski
  • Samuel Mathieu bringt mit dem Ballett Chemnitz ein Frauenstück auf die Bühne Foto © Dieter Wuschanski

Von Peggy Fritzsche

Sechs Frauen stehen am Rand der Bühne. Erst flüstern sie. Dann sprechen sie. Irgendwann schreien sie. Aber sie tanzen nicht. Zwei Minuten hält das ein Zuschauer im Chemnitzer Ballettsaal aus. Dann murmelt er zu seinem Sitznachbarn. „Quatschen die eigentlich nur oder machen die auch noch was?“ Klar, Mann! Sie machen auch noch was! Sie tanzen. Sie wirbeln. Sie kämpfen. Sie leiden. Sie zeigen Stärken und Schwächen. Aber in einer von Männern geprägten Welt, wird das Handeln der Frau erstmal aufs Quatschen eingedampft. Es reicht, Mann!

Der Spiegel ist zugezogen, die Lichter sind neonkalt. Die Boxen knacken, aber bleiben stumm. Das Bild ist starr. Sechs Frauen harren mit dem Rücken zur Mitte des Schwingbodens aus. Sie sind bewegungsunfähig, am Rand der Gesellschaft, jede für sich. Es ist ein Mann, der die Szene aufräumt. Choreograf Samuel Mathieu hat schon die Themen Krieg und Diktatur inszeniert. Er ließ Männer tanzen – rau und poetisch, stark und schnell, als Flüchtlinge und Angreifer.

"MILI[TANZ!]" hat Samuel Mathieu sein Tanzstück benannt, in dem es um Widerstand gegenüber Machtstrukturen geht, und holt zusammen mit seinem Dramaturgen Andrej Mircev das Publikum in die heilige Halle, oben unter dem Dach der Chemnitzer Oper. Keine 50 Menschen hocken zur Premiere im Probensaal, mehr passen da gar nicht rein. Die Direktorin Sabrina Sadowska hockt auch, im wahrsten Wortsinn, mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden in einer Ecke. Doch dieser Boden bleibt nicht lange ruhig. Das weibliche Kollektiv, es tanzen Isabel Dohmhardt, Valeria Gambino, Emily Grieshaber (alle Mitglieder des Ballett Chemnitz), Rayanne Giumaraes (Studentin der Staatlichen Ballettschule Berlin), Ayda Frances Guneri (Studentin der Ballettschule Hamburg Ballett John Neumeier) und Elena Zanato (Praktikantin beim Ballett Chemnitz), entwickelt in 45 Minuten mit Wucht seine Kraft. Setzen die Frauen zunächst achtsam und zart Zehenspitze vor Zehenspitze, die Körpersehnen zum Bersten gespannt, springen und kullern und rennen sie dann mutig durcheinander, aufeinander zu, voneinander weg, um schließlich aufzustampfen und Kraftschreie zu brüllen und Ellenbogen zu stoßen und Köpfe in die Luft zu reißen. Inzwischen wummern die Bässe wie im dunklen Berliner Berghain. Es dröhnt und sext und schwitzt und schmutzt. Licht aus. Ton aus. Der Tanz ist vorbei. Der Zuschauer und sein Sitznachbar gucken baff und blaffen nicht mehr über dämliches Geschwätz.

Veröffentlicht am 17.02.2020, von Gastbeitrag in Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 2844 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanz als Widerstand"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    ENDLICH WIEDER LIVE DABEI

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 15.04.2021, von Dieter Hartwig


    BLICKSCHNIPSEL

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 15.04.2021, von Dieter Hartwig


    WETTBEWERBSSTART FÜR DIE EUROPÄISCHEN KULTURMARKEN-AWARDS 2021!

    Bewerbt Euch bis zum 31. August 2021 in den acht trendsetzenden Kategorien!
    Veröffentlicht am 15.04.2021, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DANCE 2021

    Das (vorläufige) Festivalprogramm

    DANCE, das internationale Festival für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München, zeigt vom 6. bis 16. Mai mit Vorstellungen und Beiträgen zu rund 20 internationalen Produktionen die breite Vielfalt und neuesten Entwicklungen des zeitgenössischen Tanzes.

    Veröffentlicht am 08.04.2021, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben

    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    DIE FRAGE, NICHT DIE ANTWORT

    Martin Schläpfer choreografiert „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms

    Veröffentlicht am 03.07.2011, von Angela Reinhardt


    VON DEN STARS LERNEN

    Die digitale „Dance Masterclass“ verrät Tricks und Kniffe

    Veröffentlicht am 20.03.2021, von Annette Bopp


    ZUR SPRACHE GEBRACHT

    Gedichtband „Kinder - Tanzgedichte“ erschienen

    Veröffentlicht am 11.01.2021, von Sabine Kippenberg


    BLONDE PERÜCKEN

    Reut Shemesh präsentiert "Cobra Blonde", ein Projekt mit der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der katholischen Jugend Düsseldorf am Tanzhaus NRW

    Veröffentlicht am 11.04.2021, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP