KRITIKEN 2019/2020



Mannheim

PERFEKTE WELT – PERFEKTE MENSCHEN?

Mensch und Technik: "Next Paradise" am Mannheimer Nationaltheater



Für den neuen, ungewöhnlich formatierten Tanzabend hat Stephan Thoss mit Erion Kruja, Taulant Shehu und Frank Fannar Pedersen drei choreografische Mitstreiter eingeladen, die individuelle, manchmal konträre Visionen einer Zukunft zeigen.


  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater: Věra Kvarčáková, Vítek Kořínek Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater: Silvia Cassata, Alberto Terribile Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater: Mahomi Endoh, Joseph Caldo Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater Foto © Hans Jörg Michel

Merce Cunningham, der unermüdliche Pionier des zeitgenössischen Tanzes, hat als erster die Spannweite zwischen computergeneriertem Bewegungsmaterial und den lebendigen menschlichen Körpern ausgelotet. Von einer schweren Arthritis gezeichnet, ließ er sich in hohem Alter noch selbst auf der Bühne sehen: ein fragiles, von Sterblichkeit gezeichnetes Mahnmal für die all das, was Menschen der Technik voraushaben.

Jahrzehnte später geht der Mannheimer Ballettchef Stephan Thoss im neuen Mannheimer Tanzabend „Next Paradise“ der Frage nach, wie ein künftiges Paradies aussehen könnte – nachdem die Kluft zwischen Mensch und Technik grundsätzlich überwunden ist. Weil es auf diese Frage naturgemäß mehr als nur eine Antwort gibt, hat Thoss gleich drei choreografische Mitstreiter eingeladen, sich an einem ungewöhnlich formatierten Tanzabend zu beteiligen. Die Einbindung jüngerer Choreografen in die Mannheimer Tanzabende ist keineswegs neu – aber noch nie war die Zusammenarbeit so eng wie dieses Mal.

Das Programm des zweistündigen Abends besteht aus sechs grundverschiedenen Choreografien, die mit Ausnahme einer Pause bruchlos aneinandergefügt sind, und für die sich alle vier Beteiligten eine gemeinsam konzipierte, variable Bühne teilen. So zeigen die einzelnen Teile dieser Konzept-Abends individuelle, manchmal auch konträre Visionen einer Zukunft, in der Menschen nicht nur einen Apfel vom Baum der Erkenntnis gepflückt, sondern gleich den ganzen Baum leer geräubert haben. (Zum rituellen Apfelverzehr gibt es während der Pause im Foyer eine hübsche Slapstick-Einlage).

Wie die schöne neue Welt mit ihren per Computertechnik optimierten Bewohner*innen aussehen könnte, führte Erion Kruja in seinem Choreografie-Part „Human“ vor. Der Albaner, sichtlich geprägt von seinen Erfahrungen als Tänzer bei Hofesh Shechter, präsentierte eine dreizehnköpfige futuristische Crew in silbern glänzenden Ganzkörpertrikots publikumswirksam als Powerpaket zu Techno-Beat. Das erinnerte an die tranceträchtigen Stücke von Choreografie-Superstar Sharon Eyal, reichte aber in der choreografischen Originalität und Präzision nicht an dieses Vorbild heran.

Eine konträre Vorstellung vom Paradies inszenierte sein Landsmann Taulant Shehu (derzeit noch selbst als Tänzer im Hessischen Staatsballett aktiv). Warme Farben, warme Bewegungen: Seine zehn Protagonist*innen - individuell und gruppentauglich in Shirts und langen Hosen - balancierten feine und sehr menschliche emotionale Zwischentöne auch im unisono der Bewegungen aus. Für dieses Stück „Silence“ hatte Arne Stevens eine stimmige Auftragskomposition geliefert. Ansonsten war der musikalische Spannungsbogen ganz weit gespannt: von Bach über Chopin bis hin zu aktueller finnischer Musik, vom französischen Filmkomponisten Laurent Petitgand bis zu Techno-Beats, von Erion Kruja selbst für seine Arbeit kreiert.

Vom üppigen bildnerischen Einfallsreichtum des Finnen Frank Fannar Pedersen hat sich das Mannheimer Publikum schon bei dessen Beitrag zum Tanzabend „Gesichter der Nacht“ überzeugen können. Für „Next Paradise“ choreografierte er „verđur“: eine kleine Geschichte vom vergeblichen Versuch dreier Wissenschaftler*innen, den perfekten Menschen (platziert in einer durchsichtigen, luftgefüllten Riesenkugel) zu schaffen.

Hausherr Stephan Thoss lieferte Anfang und Ende des Tanzabends und ein kleines originelles Zwischenspiel, das Duo „Skin“. Sein Eingangsstück „Wings“ wirkte allerdings etwas überfrachtet vom theoretischen Thema des Abends. Ganz anders der krönende Abschluss („Us“). Da durfte das gesamte siebzehnköpfige Ensemble auf die Bühne – alle in Blau-Schwarz, aber betont keiner Gender-Kleidungsordnung gehorchend – und feierte: sich selbst. Für sein Plädoyer zugunsten der von keiner Technik zu bändigen oder zu übertreffenden Kraft menschlicher Körper hatte Stephan Thoss alle Register jener energiegeladenen Bewegungssprache gezogen, der er seinen kontinuierlichen Erfolg verdankt. Mehr davon!

Veröffentlicht am 16.02.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2019/2020

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