HOMEPAGE



Mannheim

PERFEKTE WELT – PERFEKTE MENSCHEN?

Mensch und Technik: "Next Paradise" am Mannheimer Nationaltheater



Für den neuen, ungewöhnlich formatierten Tanzabend hat Stephan Thoss mit Erion Kruja, Taulant Shehu und Frank Fannar Pedersen drei choreografische Mitstreiter eingeladen, die individuelle, manchmal konträre Visionen einer Zukunft zeigen.


  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater: Věra Kvarčáková, Vítek Kořínek Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater: Silvia Cassata, Alberto Terribile Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater: Mahomi Endoh, Joseph Caldo Foto © Hans Jörg Michel
  • „Next Paradise“ am Mannheimer Nationaltheater Foto © Hans Jörg Michel

Merce Cunningham, der unermüdliche Pionier des zeitgenössischen Tanzes, hat als erster die Spannweite zwischen computergeneriertem Bewegungsmaterial und den lebendigen menschlichen Körpern ausgelotet. Von einer schweren Arthritis gezeichnet, ließ er sich in hohem Alter noch selbst auf der Bühne sehen: ein fragiles, von Sterblichkeit gezeichnetes Mahnmal für die all das, was Menschen der Technik voraushaben.

Jahrzehnte später geht der Mannheimer Ballettchef Stephan Thoss im neuen Mannheimer Tanzabend „Next Paradise“ der Frage nach, wie ein künftiges Paradies aussehen könnte – nachdem die Kluft zwischen Mensch und Technik grundsätzlich überwunden ist. Weil es auf diese Frage naturgemäß mehr als nur eine Antwort gibt, hat Thoss gleich drei choreografische Mitstreiter eingeladen, sich an einem ungewöhnlich formatierten Tanzabend zu beteiligen. Die Einbindung jüngerer Choreografen in die Mannheimer Tanzabende ist keineswegs neu – aber noch nie war die Zusammenarbeit so eng wie dieses Mal.

Das Programm des zweistündigen Abends besteht aus sechs grundverschiedenen Choreografien, die mit Ausnahme einer Pause bruchlos aneinandergefügt sind, und für die sich alle vier Beteiligten eine gemeinsam konzipierte, variable Bühne teilen. So zeigen die einzelnen Teile dieser Konzept-Abends individuelle, manchmal auch konträre Visionen einer Zukunft, in der Menschen nicht nur einen Apfel vom Baum der Erkenntnis gepflückt, sondern gleich den ganzen Baum leer geräubert haben. (Zum rituellen Apfelverzehr gibt es während der Pause im Foyer eine hübsche Slapstick-Einlage).

Wie die schöne neue Welt mit ihren per Computertechnik optimierten Bewohner*innen aussehen könnte, führte Erion Kruja in seinem Choreografie-Part „Human“ vor. Der Albaner, sichtlich geprägt von seinen Erfahrungen als Tänzer bei Hofesh Shechter, präsentierte eine dreizehnköpfige futuristische Crew in silbern glänzenden Ganzkörpertrikots publikumswirksam als Powerpaket zu Techno-Beat. Das erinnerte an die tranceträchtigen Stücke von Choreografie-Superstar Sharon Eyal, reichte aber in der choreografischen Originalität und Präzision nicht an dieses Vorbild heran.

Eine konträre Vorstellung vom Paradies inszenierte sein Landsmann Taulant Shehu (derzeit noch selbst als Tänzer im Hessischen Staatsballett aktiv). Warme Farben, warme Bewegungen: Seine zehn Protagonist*innen - individuell und gruppentauglich in Shirts und langen Hosen - balancierten feine und sehr menschliche emotionale Zwischentöne auch im unisono der Bewegungen aus. Für dieses Stück „Silence“ hatte Arne Stevens eine stimmige Auftragskomposition geliefert. Ansonsten war der musikalische Spannungsbogen ganz weit gespannt: von Bach über Chopin bis hin zu aktueller finnischer Musik, vom französischen Filmkomponisten Laurent Petitgand bis zu Techno-Beats, von Erion Kruja selbst für seine Arbeit kreiert.

Vom üppigen bildnerischen Einfallsreichtum des Finnen Frank Fannar Pedersen hat sich das Mannheimer Publikum schon bei dessen Beitrag zum Tanzabend „Gesichter der Nacht“ überzeugen können. Für „Next Paradise“ choreografierte er „verđur“: eine kleine Geschichte vom vergeblichen Versuch dreier Wissenschaftler*innen, den perfekten Menschen (platziert in einer durchsichtigen, luftgefüllten Riesenkugel) zu schaffen.

Hausherr Stephan Thoss lieferte Anfang und Ende des Tanzabends und ein kleines originelles Zwischenspiel, das Duo „Skin“. Sein Eingangsstück „Wings“ wirkte allerdings etwas überfrachtet vom theoretischen Thema des Abends. Ganz anders der krönende Abschluss („Us“). Da durfte das gesamte siebzehnköpfige Ensemble auf die Bühne – alle in Blau-Schwarz, aber betont keiner Gender-Kleidungsordnung gehorchend – und feierte: sich selbst. Für sein Plädoyer zugunsten der von keiner Technik zu bändigen oder zu übertreffenden Kraft menschlicher Körper hatte Stephan Thoss alle Register jener energiegeladenen Bewegungssprache gezogen, der er seinen kontinuierlichen Erfolg verdankt. Mehr davon!

Veröffentlicht am 16.02.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 1692 mal angesehen.



Kommentare zu "Perfekte Welt – perfekte Menschen?"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    NIEMAND IST EINE INSEL

    Zum Tanzabend „My Island“ von Stephan Thoss in Mannheim

    Emotion pur an einem Abend, an dem die Tänzer*innen auf der Bühne, sofern sie nicht in einem Haushalt leben, sechs Meter Abstand halten müssen, selbst Backstage Maskenpflicht herrscht und an eine Premierenfeier nicht zu denken ist.

    Veröffentlicht am 24.10.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel


    HER MIT DER ZUKUNFT!

    Choreografien von Liliana Barros und Stephan Thoss im neuen Mannheimer Tanzabend

    Gemeinschaft als Zukunft, Kritik am etablierten Kunstbetrieb - Mannheims Tanzchef stellt einen abwechslungsreichen Abend zusammen.

    Veröffentlicht am 25.05.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SOUVERÄNER TANZERZÄHLER

    Stephan Thoss kreiert „Sanssouci“ in Mannheim

    Ein performatives Panorama über das Unbehagen in der wiederentdeckten Moderne zum 30jährigen Choreografie-Jubiläum.

    Veröffentlicht am 20.03.2019, von Alexandra Karabelas


    WENN DER KAPITÄN VON DER BRÜCKE GEHT


    Guiseppe Spota und Johan Inger erzählen im neuen Mannheimer Tanzabend von Verlusten

    Mit der Auswahl von "Die vier Jahreszeiten" und "Empty House" gelingt Stephan Thoss ein kontrastreicher Tanzabend.

    Veröffentlicht am 16.01.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    NUR DIE LIEBE KANN ERLÖSEN

    Stephan Thoss zeigt in Mannheim seine Erfolgschoreografie "Blaubarts Geheimnis"

    Im 2011 in Wiesbaden kreierten Erfolgsstück "Blaubarts Geheimnis" erforscht Stephan Thoss, aktuell Ballettchef am Nationaltheater Mannheim, die innersten und tiefsten Geheimnisse, die ein Mensch haben kann.

    Veröffentlicht am 18.11.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    IM BANN DUNKLER MÄCHTE

    Zum neuen zweiteiligen Mannheimer Tanzabend „Verräterisches Herz“

    Stephan Thoss hat ein Faible für Geheimnisse, Rätsel und doppelbödige Überraschungen. In „Verräterisches Herz“ zeichnet er mit Motiven von Edgar Ellen Poe mit Schmackes den Weg eines Mörders in den Wahnsinn nach.

    Veröffentlicht am 04.06.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    LIEBE UNTER CRASHTEST-DUMMYS

    Choreografien von Stephan Thoss, Guiseppe Spota und Marco Goecke in Mannheim

    Eine höchst originelle Uraufführung steuerte Guiseppe Spota mit seiner Petruschka-Version „Let’s Beat“ dem neuen Tanzabend bei. Marco Goeckes „Nichts“ begeisterten ebenso wie Stephan Thoss’ „La Chambre Noire“.

    Veröffentlicht am 08.01.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE DIE ZEIT VERRINNT

    Regensburg-Mannheimer Mix beim neuen Tanzabend „Hello Surprise“ am Nationaltheater Mannheim

    „Sweet Shadow“ von Stephan Thoss und „Loops“ von Yuki Mori gestalten einen abwechslungsreichen wenn auch nicht ganz überzeugenden Tanzabend.

    Veröffentlicht am 19.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    TANZENDE SCHATTEN, TANZENDE SCHUHE

    Zum neuen Tanzabend „Gesicht der Nacht“ im Mannheimer Nationaltheater

    Der Schuhdesigner Christian Louboutin machte mit roten Schuhsohlen weltweit von sich reden. Es könnte sein, dass für den choreografischen Senkrechtstarter Frank Fannar Pedersen ebenfalls Schuhsohlen zur Bekanntheit beitragen werden.

    Veröffentlicht am 04.04.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    ENGEL IM GARTEN UND EIN SPRUNG IN DIE EWIGKEIT

    Soli von Karol Tyminski und Paweł Sakowicz beim Off-Europa-Festival in Leipzig
    Veröffentlicht am 29.10.2020, von steffen georgi


    NEUE STIMMEN

    Fotoblog von Ursula Kaufmann
    Veröffentlicht am 29.10.2020, von Gastbeitrag


    BRAVO!

    Fotoblog von Dieter Wuschanski
    Veröffentlicht am 28.10.2020, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF

    Im November wagt das Ensemble des Tanztheater Wuppertal die aufwändige Rekonstruktion von Das Stück mit dem Schiff von 1993.

    Die Rekonstruktion von Das Stück mit dem Schiff bildet den Auftakt für die von 21. – 29. November geplante Veranstaltungsreihe Pina Bausch Zentrum under construction im alten Schauspielhaus.

    Veröffentlicht am 24.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    DEUTSCHER TANZPREIS 2020 FÜR RAIMUND HOGHE

    Preisverleihung mit internationalen Gästen und erstmals als Livestream

    Veröffentlicht am 18.10.2020, von Anna Beke


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    BALLETTWELT IM UMBRUCH

    Ein pädagogisches Konzept für die Münchner Ballett-Akademie

    Veröffentlicht am 20.10.2020, von Anna Beke


    SO STIRBT EINE PRIMABALLERINA

    Ein Nachruf auf Ludmilla Naranda

    Veröffentlicht am 11.10.2020, von Vesna Mlakar



    BEI UNS IM SHOP