HOMEPAGE



Braunschweig

REIZÜBERFLUTUNG CONTRA MEERESRAUSCHEN

Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“



Was bedeutet die tägliche Reizüberflutung für unsere sinnliche Wahrnehmung? Mit dieser Frage beschäftigt sich Gregor Zöllig in seinem neuesten Werk. Und der Braunschweiger Tanzchef geht auch gleich in die Vollen.


  • Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“ Foto © Bettina Stöß
  • Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“ Foto © Bettina Stöß
  • Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“ Foto © Bettina Stöß
  • Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“ Foto © Bettina Stöß
  • Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“ Foto © Bettina Stöß
  • Gregor Zöllig erzählt am Staatstheater Braunschweig „Vom Sinn der Sinnlichkeit“ Foto © Bettina Stöß

Flackernde Bildschirme, rotierende Wäschetrockner, zuckende Lichtimpulse und ein Lautgemisch aus Motorengeräuschen, Hämmern, Stimmengewirr und blechernen Musikfetzen strapazieren Augen und Ohren gleichermaßen. Keine Chance, sich dem akustischen und visuellen Wirrwarr zu entziehen. Nicht einmal räumliche Distanz bleibt als Zuflucht erhalten, denn die Bühne geht nahtlos in den Zuschauerraum über, ist wie ein Catwalk langgestreckt und umgeben von den Sitzreihen für das Publikum. Nur wer aus der jeweils zweiten Reihe an den Seiten zuschaut, erhält - vielleicht ungewollt – Sichtschutz, wenn sich das Geschehen im seitlichen Blickfeld oder auf dem Boden abspielt.

Zölligs Botschaft ist eindeutig: Unsere Welt der beständigen Bombardierung mit Eindrücken, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen, führt nicht zur Schärfung der Sinne, sondern zu deren Abstumpfung. Die neun Tänzer*innen bewegen sich zwar synchron und dicht zur Gruppe zusammengedrängt in immer neuen Formationen. Doch es ist eine Pseudo-Gemeinschaft der Getriebenen, die sich fremd bleiben und mit leerem Blick Orientierung suchen. Gekleidet in glänzende, glitzernde oder mit Pailletten besetzte schwarze Kostümen sind sie selbst Teil der allgegenwärtigen Hektik, laufen ziellos umher, gesteuert von den Rhythmen des immer nervenaufreibenderen Getöses.

Dann reduzieren sich die Reize, die Kostüme sind fließender, Blau- und Erdtöne lösen das kalte Gefunkel ab. Das omnipräsente Störfeuer an Alltagslärm weicht melodischeren Klängen. Es ist Zeit, sich mit den eignen Sinnen auseinanderzusetzen. Und das geschieht sehr plakativ. Apfelschnitze und feuchte Frotteetüchlein werden angeboten, was an den Bordservice in einem Flugzeug erinnert. Das freundliche Szenario wechselt mit der demütigenden Gestik eine Tänzerin, die ihren Partner nach Art einer Hundefütterung mit Apfelstückchen versorgt. So offenbart jeder unserer Sinne seine positive und negative Seite: zartes Berühren und aggressives Unterwerfen, sinnlicher Körperduft und der imaginäre Gestank eines toten Tieres, das demonstrativ durch den Raum getragen wird.

Die Choreografie ist kraftraubend. Das neunköpfige Ensemble muss viel rennen, zu Boden stürzen und über denselben robben. Immer wieder verschlingen und verrenken sich Paare in kunstvollen Duos. In Dreiergruppen fangen sich die Akteure gegenseitig auf, wenn einer von ihnen zu fallen droht. Gleichwohl bleibt das Bewegungsspektrum hinter der variantenreichen Tanzsprache anderer Werke Zölligs zurück. Auch ein roter Faden ist nicht zu erkennen.

Doch am Ende wird das Publikum mit einer hoffnungsvollen Aussicht entlassen: Wir können uns wieder auf uns selbst besinnen, wenn wir nur wollen. Und zum Schluss erklimmt ein Tänzer die Kulissenwand an der hinteren Raumseite. Hoch oben sitzt er und hält die Hände wie Muscheln über seine Ohren. Meeresrauschen erklingt, das sanfte Geräusch, das beruhigt und uns auf unseren Ursprung verweist.

Veröffentlicht am 09.02.2020, von Kirsten Poetzke in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 326 mal angesehen.



Kommentare zu "Reizüberflutung contra Meeresrauschen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    UN GRANDE

    Gregor Zöllig choreografiert „Peer Gynt“ am Staatstheater Braunschweig

    Eine atemlose Lebensrevue mit energetisch mitziehender Leitfigur und exzellent zusammenwirkendem Ensemble.

    Veröffentlicht am 22.10.2017, von Andreas Berger


    NACHFOLGE FÜR JAN PUSCH IN BRAUNSCHWEIG

    Gregor Zöllig wird neuer Leiter des Tanztheaters und Chefchoreograf am Staatstheater Braunschweig

    Mit seinem Wechsel wird Zöllig das Theater Bielefeld nach 10 Jahren verlassen.

    Veröffentlicht am 02.12.2014, von Pressetext


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    GANZ NAH DRAN

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 28.02.2020, von Dieter Hartwig


    BEFEUERT

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 28.02.2020, von Dieter Hartwig


    KÖRPERFORSCHUNG

    Archivalie März: Ein Film mit einem Ausschnitt aus Isabelle Schads "Der Bau"
    Veröffentlicht am 28.02.2020, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CINDERELLA

    Tanzabend von Mei Hong Lin feiert am 29. Februar 2020 am Landestheater Linz Premiere.

    Ein unterdrücktes Mädchen emanzipiert sich Kraft ihres eigenen Willens sowie mit Unterstützung überirdischer Mächte und findet Ihr Glück – und heiratet dazu noch den Prinzen. Und wenn sie nicht gestorben sind…

    Veröffentlicht am 27.02.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    VORZEITIGES ENDE AM STAATSBALLETT BERLIN

    Johannes Öhman und Sasha Waltz beenden ihre Intendanz zum Ende des Jahres
    Veröffentlicht am 22.01.2020, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    BETTINA MASUCH BLEIBT AM TANZHAUS NRW

    Der Vertrag von Bettina Masuch wird um 18 Monate verlängert. Sie bleibt somit bis Ende der Spielzeit 2021/22 Intendantin des Tanzhaus NRW in Düsseldorf.

    Veröffentlicht am 06.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt

    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DOCH KEINE RÜCKKEHR AUF DEN ALTEN POSTEN

    Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal und Adolphe Binder haben sich geeinigt

    Veröffentlicht am 29.01.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP