KRITIKEN 2019/2020



Dresden

LABORERGEBNISSE

Die Dresden Frankfurt Dance Company testet mit „Lapdance“ neue Möglichkeiten



Spiel mit Positionen des Publikums und atmosphärischer Langsamkeit: Der zweiteilige Abend im Dresdner Festspielhaus Hellerau vereint „Metamorphers“ aus dem Jahr 2016 und Jacopo Godanis neue Choreografie „Satelliting“.


  • Die Dresden Frankfurt Dance Company testet mit „Lapdance“ neue Möglichkeiten: METAMORPHERS mit dem Ensemble Modern Foto © Dominik Mentzos
  • Die Dresden Frankfurt Dance Company testet mit „Lapdance“ neue Möglichkeiten: METAMORPHERS mit dem Ensemble Modern; David Leonidas Thiel, Tamás Darai Foto © Dominik Mentzos
  • Die Dresden Frankfurt Dance Company testet mit „Lapdance“ neue Möglichkeiten: SATELLITING Foto © Dominik Mentzos
  • Die Dresden Frankfurt Dance Company testet mit „Lapdance“ neue Möglichkeiten: SATELLITING; Amanda Lana, Sam Young Wright Foto © Dominik Mentzos

Der Begriff der Versuchsanordnung ist bei "Lapdance" gar nicht so unzutreffend, ist das Publikum doch stark in die neue Arbeit der Dresden Frankfurt Dance Company integriert. Die Zuschauerreihen sind im Dresdner Festspielhaus Hellerau an drei Seiten um die Tanzfläche arrangiert. Die vierte wird vom Kubus Quartett eingenommen, das im ersten Teil des Abends mit Bartóks Streichquartett Nr. 4 das Ensemble live begleitet. Bereits im Dezember hatte der Abend in Frankfurt seine Uraufführung, dort mit dem Ensemble Modern. Von den ursprünglichen drei Teilen sind nur noch zwei übrig, „Metamorphers“ aus dem Jahr 2016 und die neue Choreografie „Satelliting“.

Die neue Publikumspositionierung hat zur Folge, dass Jacopo Godani, Künstlerischer Leiter der Company, sein „Metamorphers“ überarbeitet und räumlich neu arrangiert hat, hin zu einer Öffnung in die Dreidimensionalität. Godani betont, dass ihm das Stück so noch einmal besser gefällt. Für das Publikum bieten sich damit tatsächlich neue Sichtweisen. Es ist nicht das grandiose Bildertheater in den ausgeklügelten Lichtstimmungen, die Godanis Arbeit sonst prägen. Das Licht ist hier schlicht, macht die Tänzer*innen einfach nur sichtbar. Da das Ensemble auf diese Weise herausgeholt ist aus dem Guckkasten, wird die künstlerische Entrückung aufgehoben, die Tänzer*innen agieren tatsächlich fast auf dem Schoß der Zuschauer*innen. Das Ergebnis ist nicht nur räumliche Nähe. Hier bietet sich wie selten sonst die Gelegenheit, den Tänzer*innen auf die Füße zu schauen. Das hat eine sehr persönliche Note.

Bereits vor Beginn des Stücks dehnen sich die Tänzer*innen auf dem weißen Tanzboden, scherzen miteinander, unaufgeregt, professionell. Im Verlauf der 25 Minuten verschwindet dann die Choreografie irgendwann hinter den Bewegungen der Tänzer*innen. Es wirkt wie ein Vortanzen, ein „Vor-Stellen“ der physischen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Man hört die Kommandos, mit denen sich die Tänzer*innen in den einzelnen Szenen miteinander koordinieren, vertraute Blicke und offenes Lächeln zeigen die Freude an der Bewegung aus unmittelbarer Nähe. Diese Konstellation zeigt das Ensemble zum einen als geschlossene, funktionierende Einheit und ermöglicht gleichzeitig persönliche, individuelle Nähe. Die Bedeutung des künstlerischen Ausdrucks rückt damit hinter das Handwerkliche zurück. Ein bisschen ist es, als säße das Publikum in einer Probe. Ein Eindruck, der durch die Kostüme, die wie einfache Trainingskleidung wirken, noch verstärkt wird.

In „Satelliting“ hingegen verfällt Godani ins Atmosphärische. Die Geschwindigkeit ist komplett herausgenommen, Licht kommt kaum mehr von oben. Stattdessen tragen die Tänzer*innen vereinzelt LED-Lichtleisten, eine kleine Leuchte am Kinn und mit Helium gefüllte dünne Plastikfolien um die Körper, die wie Quallen ein Eigenleben entwickeln. Der Raum mutet an wie ein abgefahrenes Labor, in dem die Möglichkeiten des Lebens in sicherer, abgeschlossener Umgebung ausgetestet werden. Tanz als solcher spielt fast keine Rolle. Stichwort: Performance-Charakter. In diesem Kuriositätenkabinett sind die Tänzer*innen kaum identifizierbar, so wenig beleuchtet ist der Raum. Eine Tänzerin wird nur durch eine leichte Berührung an- und wieder abgeschaltet. Alle Bewegungen verlaufen sorgfältig gesetzt, behutsam, ähnlich einem Ritual. Immer wieder werden innere Verbindungen sichtbar, das eine bedingt das andere. Das ist schön anzusehen und beschwört eine zeitliche Entrückung. Die gewohnte Virtuosität des Ensembles bleibt damit allerdings außen vor. Das kann enttäuschen. Und lässt durchaus Goethes vermeintliche letzte Worte zu: „Mehr Licht!“

Veröffentlicht am 02.02.2020, von Rico Stehfest in Kritiken 2019/2020

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