GALLERY



Köln

HOUSE-BEATS, GITARRENSOLO UND CELLOSONATEN

Das Ballet BC aus Vancouver an der Oper Köln



Vielseitig präsentiert sich das Ballet BC aus Vancouver unter der Leitung von Emily Molnar mit einem dreiteiligen Ballettabend von Sharon Eyal, Aszure Barton und Crystal Pite und fasziniert mit Präzision und technischem Können.


  • Das Ballet BC aus Vancouver an der Oper Köln: Alexis Fletcher und Andrew Bartee Foto © Sharen Bradford

Von Sonja Majkowski

Zehn Tänzerinnen und Tänzer stehen en bloc. In zackigen, aber geschmeidigen Bewegungen gehen sie auf der Stelle, zu hören sind leise House-Beats. Die Körper nehmen den Rhythmus auf. Das Licht ist reduziert, konzentriert sich auf die Tänzer*innen, die durch ihre Präsenz den gesamten Bühnenraum ausfüllen. Sie tragen schwarze Trikots und Socken. Die Musik nimmt Fahrt auf, entwickelt sich, die Beats werden mitreißender. Die Choreografie wird eins mit den Beats, verschmilzt mit ihr. Die Körper der Tänzer*innen bewegen sich in geschickt wechselnden Formationen, die mal sehr komprimiert sind, mal den kompletten Bühnenraum nutzen. Dabei wird die Spannung gehalten, der Raum ist immer gefüllt mit den stetig rhythmischen Bewegungen der Tänzer*innen, es gibt keinen Stillstand, auch wenn sich ein/e Tänzer*in aus der Gruppe zum Solo löst, um das, was zuvor an Bewegungsrepertoire im Gruppentanz vorbereitet wurde, aufzugreifen und zu vertiefen. Die Körper sind separiert. Sie bewegen sich scheinbar losgelöst von dem Grundrhythmus der Beine aus der Körpermitte heraus mit einer enormen Kraft in den Armbewegungen. Auf die härter werdenden Bässe reagieren die Tänzer*innen mit einer mitreißenden Dynamik aus Sprüngen und Posen. Das Licht greift mit seiner reduzierten, klaren Form die Dynamik des Tanzes auf. Die Musik wird ruhiger. Die Tänzer*innen finden sich mit repetierenden Battements tendus auf der Bühnenmitte zusammen, bewegen sich mit zielstrebigen Schritten wieder en bloc. Das Licht geht aus. Die Musik endet.

Mit „Bedroom Folk“ (Choreografie von Sharon Eyal, Sound Artist und Musik von Ori Lichtik und dem Lichtdesign von Thierry Dreyfus) eröffnet das BC Ballet aus Vancouver seinen dreiteiligen Ballettabend an der Oper Köln und präsentiert seine Vielseitigkeit, seine Präzision und sein technisches Können.

Nicht weniger fesselnd als das eröffnende Ballett zeigt sich „Bask“ von Aszure Barton. In neun Episoden erzählt es vom Menschsein und seinen unterschiedlichen Facetten. Hier beeindruckt vor allem die erste Episode über einen Mann und seine Gefühlswelt. Begleitet von einem Spanischen Gitarrensolo berichtet er über die Emotionen seines Lebens – bis er zum Ende seinen Hut nimmt und geht. Was in diesem Solo entwickelt wird, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Ballett mit all seinen Soli und Gruppentänzen. Schade ist nur, dass die Musik teilweise im Tanz etwas platt gespiegelt wird, was gelegentlich die Spannung nimmt.

So aufregend dieser Ballettabend begann, so friedlich endet er. Crystal Pites Ballett „Solo Echo“ vertanzt Mark Strands Gedicht „Lines for Winter“, welches Liebe und Verlust thematisiert, und bedient sich dabei auf sehr gelungene Weise zweier Cellosonaten Johannes Brahms. Dabei geht die Choreografin derart gefühlvoll und sensibel mit der Musik um, dass nicht nur das stete Schneien auf der Bühne, sondern auch die äußerst spannungsreiche tänzerische Umsetzung der Leidenschaft und des Verlusts ein mitfühlendes, aber zufriedenes Lächeln auf die Lippen zaubert. Und den Zuschauer sagen lässt: „Ja, das war ein schöner Ballettabend.“

Veröffentlicht am 12.01.2020, von Gastbeitrag in Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 1965 mal angesehen.



Kommentare zu "House-Beats, Gitarrensolo und Cellosonaten"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    „ICH FÜHLE MICH AUSGESPROCHEN GUT HIER“

    Richard Wherlock ist seit 20 Spielzeiten Ballettchef in Basel
    Veröffentlicht am 19.10.2020, von Volkmar Draeger


    SO STIRBT EINE PRIMABALLERINA

    Ein Nachruf auf Ludmilla Naranda
    Veröffentlicht am 11.10.2020, von Vesna Mlakar


    SIMONE SANDRONI BLEIBT IN BIELEFELD

    Choreograf Simone Sandroni verlängert seinen Vertrag bis 2022
    Veröffentlicht am 02.10.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ALL FOR ONE AND ONE FOR THE MONEY

    The show must go on...line! Digitale Uraufführung von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln

    Das übergreifende Thema ist die digitalisierte Gesellschaft, aber die Aufführungen finden ausschließlich live statt und werden auch nicht aufgezeichnet. Doch der virtuelle Charakter der Performance erlaubt es Menschen auf der ganzen Welt, die Vorstellungen zur gleichen Zeit zu verfolgen – und vor allem selbst (inter-)aktiv zu werden.

    Veröffentlicht am 17.11.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    TANZEN, BITTE!

    Offener Brief des Deutschen Berufsverbands für Tanzpädagogik e.V.

    Veröffentlicht am 05.11.2020, von tanznetz.de Redaktion


    WILLKOMMEN IN DER VIRTUELLEN WELT

    Digitale Uraufführung von „All For One And One For The Money“ von Richard Siegal und dem Ballet of Difference am Schauspiel Köln

    Veröffentlicht am 21.11.2020, von Gastbeitrag


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Deike Wilhelm


    MIT KONSUMMÜLL VERGIFTET

    Premiere von Georg Reischls Mahnung „Sand“ am Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 02.11.2020, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP