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Zürich

FORSYTHE IST AUCH EIN ZÜRCHER!

Spitzen-Choreografien mit oder ohne Spitzenschuh am Ballett Zürich



«The Second Detail», «Approximate Sonata» und «One Flat Thing, reproduced» beim Ballett Zürich: Mit drei älteren Stücken feiert man auch in der Schweiz den 70-jährigen William Forsythe.


  • «Approximate Sonata» von William Forsythe beim Ballett Zürich Foto © Gregory Batardon
  • «The Second Detail» von William Forsythe beim Ballett Zürich Foto © Gregory Batardon
  • «One Flat Thing, reproduced» von William Forsythe beim Ballett Zürich Foto © Gregory Batardon

Forsythe ist auch ein Zürcher! Könnte man sagen, denn der kürzlich siebzig Jahre alt gewordene avantgardistische Starchoreograf hat seit 1985 nicht weniger als zwölf Mal ein Stück beim Zürcher Ballett platzieren können. Schon der Vorgänger des heutigen Ballettchefs Christian Spuck, Heinz Spoerli, buchte mehrmals bei Forsythe. Und bereits 1985 brachte die damalige Chefin Patricia Neary, eine Landsmännin des aus den USA stammenden Forsythe, die aufregenden «Love Songs» auf die Bühne.

Ein Zeichen für die Aufgeschlossenheit der jeweiligen Ballett-Leitung. Erst recht aber für die tänzerischen Fähigkeiten des Balletts Zürich.

Ab 2005 arbeitete Forsythe drei Spielzeiten lang auch mit dem Schauspielhaus Zürich zusammen. Ein Engagement, dass weniger mit Tanzkreationen als mit Performance-Installationen und Video-Experimenten zu tun hatte - und weniger Spuren hinterliess.

Mit Intelligenz, Veränderungswut und auch ein bisschen Ironie hat Forsythe das klassisch-akademische Ballett entfesselt, ohne seine Wurzeln ganz zu zerstören. Die drei Stücke, die jetzt am 11. Januar als Schweizer Erstaufführungen auf die Bühne kamen, stammen aus jener Zeit, als Forsythe Chef des Balletts Frankfurt war (1985-2004).

Wenn sich der Vorhang über «The Second Detail» (1991) hebt, glaubt man sich in ein Balanchine-Ballett versetzt: Unifarbener Hintergrund, die Tänzerinnen und Tänzer alle in weißen Trikots, die Frauen mit Spitzenschuhen. Forsythe war als junger Mann ja ein Balanchine-Fan. Doch dann setzt die stark rhythmisierte elektronische Musik von Thom Willems ein, die fast alle Forsythe-Ballette begleitet. Manchmal missachten die Tanzenden wie selbstverständlich die Regeln des klassischen Vokabulars, kippen aus der Achse, schlendern mit den Armen, erproben die Gelenke. Ganz unverkrampft und schön. Gegen Schluss hebt sich eine Tänzerin von den andern ab. Sie trägt ein Kleid aus weißem Laken, hat (beinahe) nackte Füße, entwickelt ein zunehmend ekstatisches Solo: Eine wunderbare Rolle für Anna Khamzina.

In «Approximate Sonata» (1996 entstanden, 2016 fürs Ballett der Pariser Oper überarbeitet), sind die Trikots bunt geworden, die Frauen tragen aber immer noch Spitzenschuhe. Vier Paare sind es diesmal (Katja Wünsche/ Matthew Knight, Rafaelle Queiroz/ Jan Casier, Elena Vostrotina/ Cohen Aitchison-Dugas, Anna Khamzina/ Esteban Berlanga). In ihren Paar- und Einzeltänzen kommt nun spannend zum Vorschein, was es mit dem Etikett «Destruktion» für Forsythes Stil auf sich hat: Bruchteile des klassischen Tanzes werden ausgelotet, ausgeweitet, neu zusammengestellt. Pikant: Als Musik war ursprünglich Beethovens 9. Sinfonie geplant. Dann kam Thom Willems mit einem neuen pulsierenden Klangteppich, den er für Paris nochmals aufgefrischt hat.

Willems elektronische Musik ist oft vage strukturiert. Dann müssen in manchen Forsythe-Choreografien unsichtbare Signale gesetzt werden, damit die Tanzenden ihren Weg finden. In extremem Maß gilt das für «One Flat Thing, reproduced» (2000): Ein Rudel von Tänzerinnen und Tänzern zirkuliert zwischen 20 lautstark herangeschobenen Tischen herum, rennt darüber, kriecht unten durch. Es herrscht eine hektische, kompetitive Atmosphäre, mit Platzkämpfen, aber erstaunlicherweise ohne unfreiwillige Zusammenstösse. Das muss man mal können! Inspirieren ließ sich Forsythe von historischen Expeditionen zum Südpol. Der Weg ist gefährlich und glitschig. Die Tische haben Ecken und Kanten. Verletzungsgefahr! Aus Willems Musik hört man zwar Geräusche von berstendem Eis oder Vogelstimmen, doch wirkt sie im Ganzen großflächig wie eine Schneewüste. Deshalb die vielen verborgenen Signalzeichen.

In «One Flat Thing, reproduced» wird nicht auf Spitze getanzt, sondern in Socken. In einem Interview mit dem Zürcher Dramaturgen Michael Küster erklärt Forsythe seine generelle Abkehr vom Spitzenschuh mit einem lockeren Scherz: Das hänge mit der erzwungenen Auflösung des Balletts Frankfurt 2004 und der Neugründung der viel kleineren Forsythe-Company (2005-15) zusammen: «Wir standen vor der völlig neuen Situation, dass es von nun an keinen Etat für Spitzenschuhe mehr gab. Ich musste mich entscheiden, ob ich entweder Spitzenschuhe und fünf Tänzer oder keine Spitzenschuhe und 16 Tänzer zur Verfügung haben wollte.»

Falls nicht wahr, so doch gut erfunden. Das Zürcher Premieren-Publikum war begeistert. Es bejubelte die coolen Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich, deren physische und mentale Hochleistungen. Und feierte den persönlich anwesenden William Forsythe, der die letzten intensiven Probezeiten geleitet hat.

Veröffentlicht am 12.01.2020, von Marlies Strech in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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