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Dresden

ES GIBT KEINEN GEWINNER

the guts company befragen im Dresdner Societaetstheater Formen der Macht



In der neuen Arbeit "AM KÖNIGSWEG nach Elfriede Jelinek - MACHT#1" der guts company in der Choreografie von Johanna Roggan sieht sich das Publikum umringt von Machtpositionen.


  • "AM KÖNIGSWEG nach Elfriede Jelinek - MACHT#1" von the guts company Foto © Adam Dreessen
  • "AM KÖNIGSWEG nach Elfriede Jelinek - MACHT#1" von the guts company Foto © Adam Dreessen
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  • "AM KÖNIGSWEG nach Elfriede Jelinek - MACHT#1" von the guts company Foto © Adam Dreessen
  • "AM KÖNIGSWEG nach Elfriede Jelinek - MACHT#1" von the guts company Foto © Adam Dreessen

Der Papst, der Trainer, der Business-Man, der preußische General – Wer ist ein Träger von Macht? Wann spricht man von Macht? Ob faktische Ausübung oder bloße Geste, Macht findet als Form der Kommunikation zwischen Menschen statt, ganz gleich, ob zwischen Individuen oder unter Einbezug größerer Massen. Macht fasziniert und stößt gleichzeitig ab, abhängig von der jeweiligen Position.

In der neuen Arbeit der guts company (Choreografie: Johanna Roggan) sieht sich das Publikum umringt von Machtpositionen. Auf elf Projektionsflächen blicken unterschiedliche Charaktere die ZuschauerInnen an. Zentral gesetzt: Gott. Zentral ist aber nicht dessen Funktion. Zu größerer Bedeutung gelangt im Lauf des Abends ausgerechnet ein Ziegenbock. In den gezeigten Videos schlüpft Julia Amme unter Zuhilfenahme der wunderbaren Arbeit der Maskenbildnerin Elisa Flehmer an diesem Abend in elf verschiedene Rollen. Auf der Bühne ringen Anna Fingerhuth und Marie Zechiel in hautengen Kostümen miteinander, deren Material man damals, greift man die 1980er-Jahre-Assoziation auf, als Spandex bezeichnet hat. Ein bisschen 'Medizin nach Noten', ein bisschen bad taste. Ironie inklusive. Sie ringen miteinander, aber am Ende mit sich selbst.

Diese Performance ist insofern ein Novum, als dass die guts company hier erstmalig auffällig textlastig arbeitet. Nicht nur die Figuren in den Videos, auch die beiden Performerinnen sprechen Passagen aus Elfriede Jelineks Stück "Am Königsweg". Durch die starke Präsenz der Videos und den großen Anteil an Text rückt der performative Ansatz in den Hintergrund, beabsichtigt oder nicht, und wirkt als zusätzliche Bebilderung, wobei eine Kommentarfunktion weniger sichtbar ist. Dadurch entsteht eine Konzentration auf Jelineks Text, der als bitterböse Abrechnung gilt. Aber womit eigentlich? Gemeinhin ist da die Rede von Trump, dessen Name kein einziges Mal fällt. Nora Otte, die hier für die Dramaturgie verantwortlich zeichnet, betont, dass Trump für die Arbeit keinerlei Rolle gespielt hat. Auch Johanna Roggan merkt an, dass ein Kommentar zu den aktuellen Zuständen in den USA nicht die Absicht sei. Stattdessen steht eine allgemeingültigere Befragung des Konzeptes Macht im Mittelpunkt.

"AM KÖNIGSWEG nach Elfriede Jelinek - MACHT#1" ist der erste Teil eines Zyklus, dessen weitere Teile sich aus immer anderen Positionen heraus dem Konzept Macht annähern werden. Welche Position aber genau ist hier die Ausgangslage? Da heißt es: „Gott ist da. Unterschätzen Sie ihn nicht. Sie werden ihn noch brauchen.“ Aber übt dieser Gott hier überhaupt Macht aus? Anna Fingerhuth und Marie Zechiel fallen irgendwann in einen Bewegungsablauf, der Beyoncés ikonografische Choreografie aus dem Video zu "All the single ladies" zitiert, allerdings rückwärts. Beyoncé als Machtfigur? Macht ist folglich mit keiner bestimmten Ausprägung verbunden. Aber Macht braucht ein Gegenüber, jemanden, der dieses 'Spiel' mitmacht. Unter welchen Bedingungen aber kippt eine solche Situation? Wenn die Abgehängten wieder an die Massen angehängt werden sollen, aber die Eliten auch nicht weiter wissen, breitet sich Populismus aus wie das dreckige Wasser aus einem umgekippten Putzeimer. Das ist bitter. Elfriede Jelineks Texte sind das bekanntlich immer. Sie ist die Vivienne Westwood der Literatur. Zeigt sie, dass der Königsweg irre führt und in Wahrheit ein Holzweg ist? Ist der Ziegenbock also in Wahrheit der Sündenbock, dem wir alles in die Schuhe schieben können? Da ist Vorsicht empfohlen. Denn es ist auffällig, wie häufig in dieser Arbeit der Begriff der Gewalt als Synonym für Macht verwendet wird.

Veröffentlicht am 10.01.2020, von Rico Stehfest in Gallery, Kritiken 2019/2020

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