KRITIKEN 2019/2020



München

LOSLASSEN, ERWACHSENWERDEN UND TRÄUMEN

Rollendebüts in John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett



Osiel Gouneo, Alexey Popov, Virna Toppi und Denis Viera machen den “Nussknacker” im Münchner Nationaltheater zu einer schönen Bescherung.


  • John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl

Schöne Bescherung. Inmitten von Maries Geburtstagsfeier tanzt sich der als Ehrengast geladene Ballettmeister Drosselmeier in einen Vorzeigefuror sondergleichen. Schon dies schrittgewaltig bei Denis Viera. Seit der noch bis 2. Januar laufenden Aufführungsserie erfreut das Publikum neben Alexey Popov nun auch der gebürtige Brasilianer in dieser charmant-spleenigen, technisch hochgradig kniffeligen Partie. Viera scheint vollends darin aufzugehen. Ein bereichernder Neuzugang für die Münchner Kompanie.

Auf einer Jungmädchen-Party, zu der Maries Bruder Fritz (Ariel Merkuri) seine Kadettenfreunde hinzu gebeten hat, kann das mit dem manierierten Drosselmeier nicht gut gehen. Günther, Anführer der Kadetten, bringt den eitlen Sprungkünstler gar zu Fall. Mit zahlreichen Kombinationen von Pirouetten versetzt, macht Osiel Gouneo, der die Tours en l’air gelegentlich sogar dreifach gedreht springt und zudem auf pantherleisen Sohlen unterwegs ist, daraus eine Paraderolle. Für Maria Baranova wird er im Traum zum sympathietragenden Nussknacker-Prinzen. Seit dieser Spielzeit ist die Finnin neue erste Solistin in München und nun erstmals als bewegungsübermütige Marie auf der Bühne des Nationaltheaters zu erleben.

Vieira mischt als toller Tänzer – noch ist er „nur“ Solist – und ab dem zweiten Bild visionärer Hofopern-Choreograf im Stil von Marius Petipa eine leicht verstaubte Gesellschaft lustig auf. Maries Vater Stahlbaum vergräbt sich währenddessen – nicht minder eigenbrötlerisch – im Sessel hinter seinen Büchern. Immerhin wird Drosselmeiers leidenschaftliche Hingabe an den klassischen Tanz von seiner stets überaus anmutigen Meisterelevin Louise unterstützt.

In dieser Partie weiß sich Virna Toppi gleich bei ihrem Debüt ausgezeichnet als älteres Vorbild und bezaubernde Primaballerina – ganz ohne Starallüren – zu präsentieren. Eine solche ist sie ja auch im richtigen Leben. Der neuen Solistenriege des Bayerischen Staatsballetts gehört sie ebenfalls seit Saisonbeginn an.

Wie gut die humorvollen Spielszenen und das durch Neugier angestachelte enge Miteinander zwischen Marie und Drosselmeier funktionieren, erweist sich an den spontanen Reaktionen der vielen Kinder unter den Zuschauern. Auch wenn in John Neumeiers „Nussknacker“-Adaption der übliche Weihnachtsbaum fehlt. Manche menschlichen Tücken und Charakterschwächen, wie man sie angesichts familienseliger Feiertage zurecht fürchtet und kennt, werden in dieser Version aber deutlich sichtbar. Und bekanntlich sind gerade Kinder die besten Beobachter.
Der zweite Akt ist dagegen ein schillerndes und farbenprächtiges Fest. Purer Genuss fürs Auge. Hier führt Drosselmeier seine künftige Schülerin Marie durch eine üppige Folge klassischer Ballettreißer: ein „Lebender Garten“ für vier Paare und Damenensemble, ein temperamentgeladenes spanisches Intermezzo, ein verschachtelter Exotik-Pas de deux (fabelhaft: Jeanette Kakareka und Henri Grey, die zuvor Maries eher steife Eltern mimten), das Flatterhafte eines chinesischen Vogels (Marta Navarrete Villalba) und schließlich ein Ballerinen-Pas de quatre gefolgt von einer Vier-Männer-Variation.

Gekrönt wurde das Ganze von einem Grand Pas de deux, in dem Toppi und Gouneo wahrhaft glänzten. In dieser magischen Welt des Theaters geht es bei Neumeier um Loslassen, Erwachsenwerden und das Ausleben von Träumen. Wirklich eine schöne Bescherung.

Nächste Vorstellungen: 29.12. (15 und 19:30 Uhr), 2.1., Nationaltheater München.

Veröffentlicht am 26.12.2019, von Vesna Mlakar in Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 3025 mal angesehen.



Kommentare zu "Loslassen, Erwachsenwerden und Träumen "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    ERFOLG FÜR TANZ.MEDIA

    Die Mitgliederversammlung des Dachverband Tanz wählt mit größtmöglicher Zustimmung Nina Hümpel von Tanz.Media in seinen Vorstand.
    Veröffentlicht am 22.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    NEUER FOKUS FÜR "TANZ IM AUGUST"

    Ricardo Carmona übernimmt ab 2023 die Künstlerische Leitung des Berliner Festivals
    Veröffentlicht am 22.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    FOLKWANG BERUFT HENRIETTA HORN

    Henrietta Horn ist Professorin am Institut für Zeitgenössischen Tanz
    Veröffentlicht am 18.09.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZTHEATER WUPPERTAL PINA BAUSCH

    Zum Start der Spielzeit 2021/2022 (September bis Dezember 2021)

    Neue Gastspielpartner in Clermont-Ferrand und St. Petersburg, Ectopia - Uraufführung von Richard Siegal im Forum Leverkusen, Schlafende Frau von Rainer Behr – Dach Kino (ohne Dach) Nordbahntrasse, inspirierende Kooperation mit der Düsseldorfer Tanzkompanie Ben J.Riepe im Schauspielhaus, Neue Tänzer im Ensemble

    Veröffentlicht am 08.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

    Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


    VORWÜRFE GEGEN TANZDIREKTORIN

    Eine Compliance-Kommission prüft Vorwürfe von Tänzer*innen gegen Mei Hong Lin am Landestheater Linz.

    Veröffentlicht am 17.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden

    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


    ALFONSO PALENCIA WIRD BALLETTDIREKTOR IN BREMERHAVEN

    Ab der Spielzeit 2022/2023 tritt der Spanier Alfonso Palencia die Nachfolge von Sergei Vanaev an.

    Veröffentlicht am 14.09.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP