HOMEPAGE



München

LOSLASSEN, ERWACHSENWERDEN UND TRÄUMEN

Rollendebüts in John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett



Osiel Gouneo, Alexey Popov, Virna Toppi und Denis Viera machen den “Nussknacker” im Münchner Nationaltheater zu einer schönen Bescherung.


  • John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl

Schöne Bescherung. Inmitten von Maries Geburtstagsfeier tanzt sich der als Ehrengast geladene Ballettmeister Drosselmeier in einen Vorzeigefuror sondergleichen. Schon dies schrittgewaltig bei Denis Viera. Seit der noch bis 2. Januar laufenden Aufführungsserie erfreut das Publikum neben Alexey Popov nun auch der gebürtige Brasilianer in dieser charmant-spleenigen, technisch hochgradig kniffeligen Partie. Viera scheint vollends darin aufzugehen. Ein bereichernder Neuzugang für die Münchner Kompanie.

Auf einer Jungmädchen-Party, zu der Maries Bruder Fritz (Ariel Merkuri) seine Kadettenfreunde hinzu gebeten hat, kann das mit dem manierierten Drosselmeier nicht gut gehen. Günther, Anführer der Kadetten, bringt den eitlen Sprungkünstler gar zu Fall. Mit zahlreichen Kombinationen von Pirouetten versetzt, macht Osiel Gouneo, der die Tours en l’air gelegentlich sogar dreifach gedreht springt und zudem auf pantherleisen Sohlen unterwegs ist, daraus eine Paraderolle. Für Maria Baranova wird er im Traum zum sympathietragenden Nussknacker-Prinzen. Seit dieser Spielzeit ist die Finnin neue erste Solistin in München und nun erstmals als bewegungsübermütige Marie auf der Bühne des Nationaltheaters zu erleben.

Vieira mischt als toller Tänzer – noch ist er „nur“ Solist – und ab dem zweiten Bild visionärer Hofopern-Choreograf im Stil von Marius Petipa eine leicht verstaubte Gesellschaft lustig auf. Maries Vater Stahlbaum vergräbt sich währenddessen – nicht minder eigenbrötlerisch – im Sessel hinter seinen Büchern. Immerhin wird Drosselmeiers leidenschaftliche Hingabe an den klassischen Tanz von seiner stets überaus anmutigen Meisterelevin Louise unterstützt.

In dieser Partie weiß sich Virna Toppi gleich bei ihrem Debüt ausgezeichnet als älteres Vorbild und bezaubernde Primaballerina – ganz ohne Starallüren – zu präsentieren. Eine solche ist sie ja auch im richtigen Leben. Der neuen Solistenriege des Bayerischen Staatsballetts gehört sie ebenfalls seit Saisonbeginn an.

Wie gut die humorvollen Spielszenen und das durch Neugier angestachelte enge Miteinander zwischen Marie und Drosselmeier funktionieren, erweist sich an den spontanen Reaktionen der vielen Kinder unter den Zuschauern. Auch wenn in John Neumeiers „Nussknacker“-Adaption der übliche Weihnachtsbaum fehlt. Manche menschlichen Tücken und Charakterschwächen, wie man sie angesichts familienseliger Feiertage zurecht fürchtet und kennt, werden in dieser Version aber deutlich sichtbar. Und bekanntlich sind gerade Kinder die besten Beobachter.
Der zweite Akt ist dagegen ein schillerndes und farbenprächtiges Fest. Purer Genuss fürs Auge. Hier führt Drosselmeier seine künftige Schülerin Marie durch eine üppige Folge klassischer Ballettreißer: ein „Lebender Garten“ für vier Paare und Damenensemble, ein temperamentgeladenes spanisches Intermezzo, ein verschachtelter Exotik-Pas de deux (fabelhaft: Jeanette Kakareka und Henri Grey, die zuvor Maries eher steife Eltern mimten), das Flatterhafte eines chinesischen Vogels (Marta Navarrete Villalba) und schließlich ein Ballerinen-Pas de quatre gefolgt von einer Vier-Männer-Variation.

Gekrönt wurde das Ganze von einem Grand Pas de deux, in dem Toppi und Gouneo wahrhaft glänzten. In dieser magischen Welt des Theaters geht es bei Neumeier um Loslassen, Erwachsenwerden und das Ausleben von Träumen. Wirklich eine schöne Bescherung.

Nächste Vorstellungen: 29.12. (15 und 19:30 Uhr), 2.1., Nationaltheater München.

Veröffentlicht am 26.12.2019, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 1327 mal angesehen.



Kommentare zu "Loslassen, Erwachsenwerden und Träumen "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETT IM HOMEOFFICE

    Wenn Tänzer*innen zuhause trainieren müssen
    Veröffentlicht am 02.04.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DIE LETZTE BASTION FÄLLT

    Nun stellt auch das Bayerische Staatsballett den Probenbetrieb ein
    Veröffentlicht am 02.04.2020, von tanznetz.de Redaktion


    ZAHLREICHE THEATER REAGIEREN AUF HILFERUFE

    Statt Kostüme werden nun Gesichtsmasken genäht
    Veröffentlicht am 30.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA-KRISE IN DER TANZPÄDGOGIK

    Tanzpädagog*innen massiv in ihrer Existenz bedroht

    Veröffentlicht am 29.03.2020, von Pressetext


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN

    Eine Stellungnahme von Volkmar Draeger zur Diskussion über Ballettausbildung an der Schule

    Veröffentlicht am 30.03.2020, von Volkmar Draeger


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise

    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    WAGNER MOREIRA ÜBERNIMMT LEITUNG

    Neuer Leiter der Tanzcompagnie der Landesbühnen Sachsen in Radebeul

    Veröffentlicht am 27.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP