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Mainz

WIE SIE ES WAGEN KÖNNEN

Guiseppe Spota choreografiert die Klimakatstrophe "Tambora" für die Mainzer Tanzsparte



Gerade noch vor seiner Berufung als Tanzchef in Gelsenkirchen hat der Mainzer Tanzchef Honne Dohrmann bei Guiseppe Spota ein abendfüllendes Stück bestellt.


  • "Tambora" von Giuseppe Spota; Amber Pansters Foto © Andreas Etter
  • "Tambora" von Giuseppe Spota; Amber Panster Foto © Andreas Etter
  • "Tambora" von Giuseppe Spota Foto © Andreas Etter
  • "Tambora" von Giuseppe Spota Foto © Andreas Etter
  • "Tambora" von Giuseppe Spota; Marija Slavec Foto © Andreas Etter
  • "Tambora" von Giuseppe Spota; Sandor Petrovics & Thomas van Praet Foto © Andreas Etter

Erfolgreiche Choreografen müssen nicht immer zugleich herausragende Tänzer sein – und umgekehrt. Der Italiener Guiseppe Spota beweist allerdings das Gegenteil: 2011 wurde er für die Hauptrolle in "Blaubarts Geheimnis" von Stephan Thoss mit dem Faustpreis als bester Tänzer ausgezeichnet; fünf Jahre später holte Thoss ihn als Assistenten und Hauschoreografen an das Mannheimer Nationaltheater. Dort konnte er seine übersprudelnde Fantasie in Sachen getanzter Bilderwelten mehrfach erfolgreich unter Beweis stellen.

Gerade noch vor seiner Berufung als Tanzchef in Gelsenkirchen hat der Mainzer Tanzchef Honne Dohrmann bei Guiseppe Spota ein abendfüllendes Stück bestellt, und das sogar fürs große Haus, das heißt mit dem Zugriff aufs Mainzer Staatsorchester. Für "Tambora" hat sich der Choreograf vom Ausbruch des gleichnamigen indonesischen Vulkans (1815) inspirieren lassen, der eine genauso dramatische Klimaveränderung verursacht hat, wie sie uns die Klimaaktivisten für die Zukunft vorhersagen. Damals blieb ein ganzes Jahr lang der Himmel dunkel, und in ganz Europa fiel der Sommer aus. In dem Jahr, in dem Greta Thunberg der Weltöffentlichkeit ihre Anklage "How dare you" entgegengeschmettert hat, formuliert Guiseppe Spota sozusagen einen Antwortversuch auf ihre rhetorische Frage.

Wie üblich hat er bei Bühne und Kostümen in die Vollen gegriffen – dieses Mal mit eindrucksvoller Unterstützung von Lichtkünstler Avi Yona Bueno alias "Bambi" und Kostümbildnerin Steffanie Krimmel. Schroffes Lavageröll im Hintergrund markiert den Berg, den die Mainzer Tanztruppe im ersten der drei Teile des Abends zackig erobert. Aus dem Orchestergraben erklingt dazu isländische Musik der Komponistin Anna Porwaldsdóttir, aus der sich gut und gerne Feuer und Eis heraushören lassen. Eingehüllt in silbern glänzende Schutzanzüge und so vermeintlich gewappnet gegen die Launen der Natur, erproben sie solidarische Zusammenarbeit für die sensationelle Aussicht. Die TänzerInnen formieren sich zu beeindruckenden Menschenketten und Körperknäueln, bis sie am Ende ihrer Anführerin – auf den gebeugten Rücken der übrigen stehend - den spektakulären Ausblick ermöglichen.

Für den zweiten Teil des 70minütigen Abends hat Spota bei Bruno Moretti eine dramaturgisch ausgeklügelte Auftragskomposition bestellt, die den 'Tanz auf dem Vulkan' in Filmmusikmanier begleitet. Die Erde oder, genauer gesagt, Löcher im Bühnenboden haben sich schon aufgetan, aber die Akteure – nun in Partyklamotten – lassen sich von solchen Ereignissen nicht beeindrucken. Jede Geste, jeder Schritt scheint zu demonstrieren, dass sie immer noch alles im Griff haben – kleine Kollateralschäden wie gelegentlicher Stürze in den Abgrund inbegriffen.

Mit dieser Einstellung schippert die Truppe in den dritten Teil, in dem die (Umwelt)Katastrophe vollends ihren Lauf nimmt, erst einmal markiert durch Michael Gordons streichergeprägtes Stück "Weather One". Der amerikanische Spezialist für repetitive Strukturen verbunden mit symphonischer Wucht strapaziert die Hörnerven der ZuschauerInnen passend zur Überlebensparty auf der Bühne, die allmählich zum Überlebenskampf wird. Videoprojektionen inszenieren den Anstieg des Meeresspiegels, während die Lavabrocken auf der Bühne sich als wandelbare Schaumstoffteile entpuppen: von der scheinbar sicheren Scholle zum Schutzzelt und zuletzt zum Rettungsboot, auf dem das Häufchen der Übriggebliebenen in eine fragliche Zukunft schaukelt.

Guiseppe Spota ist ein eindrucksvolles, nicht leicht zu konsumierendes Stück gelungen, in dem die fabelhafte Mainzer Truppe sich bis zur Erschöpfung verausgabt. Man darf mit Sicherheit voraussagen, dass es dem Gelsenkirchener Publikum mit dem neuen Tanzchef auf gar keinen Fall langweilig werden wird!

Veröffentlicht am 19.12.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Gallery, Kritiken 2019/2020

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