Tanzende Origami-Skulpturen

Festival „side.kicks“: Luke Murphys „Carnivore” im schwere reiter München

Unter dem Slogan „Drei Tage/ Drei Länder/ Drei ChoreografInnen/ Drei Produktionen” machte der irische Choreograf und Tänzer den Auftakt der Reihe mit einer ebenso intensiven wie sensiblen Arbeit, die Tanz und Skulptur miteinander verband.

München, 16/12/2019

Von Sarah Moessner

Im Rahmen von „side.kicks“, einem Format der Tanztendenz München e.V., welches sich zum Ziel setzt nationale und internationale ChoreografInnen seines Netzwerks eine Plattform zu bieten, waren am vergangenen Wochenende mehrere Stücke in München zu sehen. Das Gastspiel- beziehungsweise Kollaborationsformat besteht seit dem Jahr 2013 und auch dieses Mal wurden wieder KünstlerInnen eingeladen, die bereits in der Vergangenheit Residenzgäste von Tanztendenz München e.V. waren.

Luke Murphy ist einer von ihnen und eröffnete „side.kicks“. Der aus Cork stammende irische Tänzer und Choreograf, unter anderem Mitglied der Company Ultima Vez von Wim Vandekeybus, und auch an diesem Abend als aktiver Tänzer auf der Bühne zu erleben, kollaborierte für „Carnivore” mit dem Bildhauer Alex Pentek. Dieser schuf für das Bühnenbild mehrere unterschiedlich gestaltete Skulpturen aus Papier, die zusammen eine Art Origami-Installation bilden.

Uraufgeführt in einer Galerie in Cork, wurde der museale Charakter, konstitutiver Teil des choreografischen Konzepts, im schwere reiter nachgebildet, das Publikum u-förmig um den hell erleuchteten Tanzteppich gruppiert. Die Nähe zu den vier TänzerInnen wurde so auf ein Minimum reduziert und nicht nur einmal mussten ausgestreckte Beine eingezogen oder am Boden abgestellte Taschen verrückt werden, um den KünstlerInnen nicht in die Quere zu kommen. Auch der Kontakt zu anderen ZuschauerInnen, der sich ganz automatisch durch die spezielle Publikumsanordnung ergab, trug zur Besonderheit der Atmosphäre bei. Man konnte sich nie wirklich sicher fühlen, war kein reiner Voyeur, sondern immer potentiell unter Beobachtung und somit Teil des Ganzen.

Drei TänzerInnen umgeben von mehreren Papierskulpturen waren zu Beginn auf der Bühne. Eine der Origami-Plastiken erwachte zum Leben, während die anderen drei sich in Super-Slow-Motion ihre eigenen Skulpturen erschufen. Ähnlich einer Ziehharmonika begann sich die Halbkugel zu regen, fächerte sich auf und zu. Wie eine Schnecke aus ihrem Haus oder eine Schildkröte aus ihrem Panzer, schälte sich dann erst eine Hand, bald darauf eine zweite, und schließlich der ganze Körper der letzten Tänzerin heraus. Zu viert begannen sie, sich mit den Origami-Skulpturen durch den Raum zu bewegen, sie zu entdecken: mal als Tablett, mal als Kleidungsstück, als Schutzschild oder Dach. Die spielerische und kreative Art im Umgang mit der Origami-Installation zog sich durch das gesamte Stück und kreierte immer wieder spannende Verfremdungseffekte, etwa als sich eine Tänzerin eine Lampenschirm-ähnliche Konstruktion aufsetzte und plötzlich in der Wahrnehmung der ZuschauerInnen zu einem kopflosen Wesen in Bewegung wurde.

Obwohl die TänzerInnen bis zuletzt ganz allein und losgelöst voneinander agierten, sich niemals direkt anschauten - der Blick jedes einzelnen blieb stets nach innen gerichtet - und scheinbar alle in ihrer eigenen Welt waren, schufen sie immer wieder gemeinsame Momente - sei es in kleinen Duos, tolle sensible Partnerarbeit aller vier TänzerInnen! - oder weil sie sich im scheinbaren Chaos ihrer individuellen Bewegungen plötzlich doch in der Gruppe trafen und synchrone Bewegungsabläufe entstanden. Dabei vollzogen sich spannende Wechsel: zwischen poetisch langsamen, Zeit dehnenden, weichen Passagen und sehr hektischen, abgehackten Teilen, fast roboterhaft, mit hoher Energie, beinahe aggressiv - entstand eine dichte und konzentrierte Atmosphäre, in der man als ZuschauerIn ganz gefangen war.

Am Ende erwachten nicht nur das Publikum, sondern auch die vier TänzerInnen gleichermaßen aus diesem Sog. Man konnte deutlich sehen, wie der Blick sich plötzlich weitete, sie die Erschöpfungsanzeichen zuließen - und sie zu lächeln begannen.
 

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