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Paris

DES GUTEN NICHT ZUVIEL

Rudolf Nurejews "Raymonda" zurück an der Pariser Oper



Die Wiederaufnahme von "Raymonda" nach elfjähriger Abwesenheit vom Spielplan wirkte nach den zahlreichen zeitgenössischen Stücken beinahe wie ein Schock: das Ballett ist ein Feuerwerk des klassischen Tanzes.


  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Stéphane Bullion (Abdurachman) Foto © Svetlana Loboff/Opéra National de Paris
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Dorothée Gilbert (Raymonda) Foto © Svetlana Loboff/Opéra National de Paris
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Sae Eun Park (Henriette), Dorothée Gilbert (Raymonda), Hannah O’Neill (Clémence), Paul Marque (Bernard) & François Alu (Béranger) Foto © Svetlana Loboff/Opéra National de Paris
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Dorothée Gilbert (Raymonda) & Hugo Marchand (Jean de Brienne) Foto © Svetlana Loboff/Opéra National de Paris
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Dorothée Gilbert (Raymonda) Foto © Svetlana Loboff/Opéra National de Paris
  • "Raymonda" von Rudolf Nurejew; Dorothée Gilbert (Raymonda) & Hugo Marchand (Jean de Brienne) Foto © Svetlana Loboff/Opéra National de Paris

Die Wiederaufnahme von Rudolf Nurejews "Raymonda" nach elfjähriger Abwesenheit vom Spielplan der Pariser Oper wirkte nach den letzten Monaten, in denen die Kompanie fast nur zeitgenössische Stücke tanzte, beinahe wie ein Schock: das Ballett ist ein Feuerwerk des klassischen Tanzes, das im wahrsten Sinne des Wortes kein Ende nehmen will. Virtuose Variationen, Pas de Deux, Trois, Quatre, Cinq und Six, Gruppen- und exotische Charaktertänze reihen sich hier aneinander wie Perlen, die nur durch einen sehr feinen Handlungsfaden verbunden sind, und verlangen ihren InterpretInnen das Allerhöchste ab.

Die ursprüngliche Fassung von "Raymonda", die 1898 uraufgeführt wurde, entsprang einer Kooperation zwischen Marius Petipa und dem Komponisten Alexander Glasunow. Diese schufen später noch zwei weitere Ballette miteinander, "Les ruses d’amour" und "Die Jahreszeiten" (1900), doch "Raymonda" war Petipas letztes erfolgreiches Großballett. Von der originalen Choreografie kannte man, bis Sergej Wikharew das gesamte Ballett im Jahr 2011 auf der Basis der in Harvard aufbewahrten Stepanov-Notationen an der Mailänder Scala rekonstruierte, nur Raymondas fünf Variationen und den Grand Pas im ungarischen Stil. Letzterer ist zuweilen bei Galas oder in gemischten Ballettabenden zu sehen, während relativ wenige Kompanien eine vollständige "Raymonda" im Repertoire haben. Dies ist nicht zuletzt Lydia Paschkowas dürftigem Libretto zuzuschreiben: in drei langen Akten wird erzählt, wie sich die junge Provenzalin Raymonda der Annäherungsversuche des Sarazenenfürsten Abdurachman erwehrt und schließlich den strahlenden Kreuzritter Jean de Brienne heiratet, der Abdurachman in einem Duell bezwungen hat.

Rudolf Nurejew inszenierte "Raymonda" erstmals 1964 für das Londoner Royal Ballet und anschließend für das Australian Ballet, das Zürcher Ballett und das American Ballet Theatre. Als er im Jahr 1983 Direktor des Balletts der Pariser Oper wurde, setzte er sogleich "Raymonda" auf den Spielplan. Sein Ballett basiert auf Konstantin Sergejews Fassung für das Kirow-Ballett aus dem Jahr 1948, in dem Nurejew vor seiner Flucht in den Westen aufgetreten war. Allerdings verlieh er dem Ballett eine starke persönliche Note, beispielsweise, indem er die männlichen Rollen aufwertete. So wurde Abdurachman, der ursprünglich als Pantomimerolle konzipiert war, zu einer der Hauptfiguren, die in manchen Besetzungen seinem Rivalen Jean de Brienne die Schau zu stehlen droht. Auch dem Kreuzritter sowie Raymondas Freunden Bernard und Béranger stellt der Choreograf zusätzliche tänzerische Aufgaben, und in den Gruppentänzen kommt es wie in Nurejews "Schwanensee" vor, dass Männer miteinander tanzen und einander heben. Bühnenbild und Kostüme stammen von Nicholas Georgiadis und passen – trotz einiger cartoonhafter Elemente, wie beispielsweise dem Bild, auf dem Raymonda ihren noch unbekannten Verlobten Jean erstmals erblickt – gut zu dem opulenten, an manchen Stellen schon etwas angestaubten Spektakel.

Da Petipa in "Raymonda" einige Elemente aus früheren Balletten wieder aufnahm, verwundert es nicht, dass man in Nurejews Fassung vielen Passagen begegnet, die an seine fünf weiteren, häufiger aufgeführten Petipa-Neuinszenierungen im Repertoire der Pariser Oper erinnern. Raymondas erster Auftritt ähnelt dem von Aurora in "Dornröschen", und die weiße Dame, die das Haus ihrer Tante beschützt, hat einiges von der Fliederfee. Die Vision im ersten Akt, in der Raymonda ihrem Verlobten erstmals 'begegnet', scheint eine Umkehrung der Vision des Prinzen im selben Ballett, lässt aber auch an die Dulcinea-Vision in "Don Quichotte" denken. An dieses Ballett erinnert auch das Duell im zweiten Akt, das bei Nurejew auf etwas wackeligen Metallpferden ausgefochten wird. Abdurachman, dessen spanisches und sarazenisches Gefolge verschiedene Divertissements tanzt, hat einiges vom finsteren Zauberer Rothbart in "Schwanensee". Die orientalisch angehauchten Charaktertänze lassen an "La Bayadère" denken, besonders der feurige Sarazenentanz, der sehr engagiert von Marion Barbeau und Axel Magliano interpretiert wurde. Im spanischen Tanz gaben Héloïse Bourdon und Jérémy-Loup Quer ein äußerst charmantes Paar ab. Andere Charaktertänze waren choreografisch weniger gelungen: der Gruppentanz der Sarazenen erinnerte allzu sehr an den etwas überspannten Kosakentanz in Nurejews "Nussknacker", und selbst als Abdurachman als exotisches "Sexsymbol" (in Nurejews Worten) in Raymondas Traum erscheint, wirken er und seine beiden kahl geschorenen Helfer zuweilen wie die possierlichen Chinesen im "Nussknacker". Dadurch verlieren die Sarazenen einiges an Würde und Bedrohlichkeit.

Solch ein Werk kann der Gefahr der erdrückenden Langatmigkeit nur entgehen, wenn es von erstklassigen InterpretInnen getragen wird, was in der Premiere größtenteils der Fall war. Selbst die Nebenrollen waren exzellent besetzt mit einigen der technisch herausragendsten SolistInnen der Truppe: so präsentierten Hannah O’Neill (Clémence), Sae Eun Park (Henriette), Paul Marque (Bernard) und François Alu (Béranger) ihre zahlreichen kniffligen Soli, Duos, Pas de Trois und Pas de Quatre mit größter Bravour. Etwas weniger überzeugend war Stéphane Bullion als Abdurachman. Obgleich er sich räkelte wie der goldene Sklave in Fokines "Scheherazade", gelang es ihm kaum, Raymonda (Dorothée Gilbert) in seinen Bann zu ziehen – hier vermisste man etwas von der Sinnlichkeit und dem Charisma früherer Interpreten wie Nicolas Le Riche. Besonders schwer hatte er es, weil Raymonda bereits in ihrer Visionsszene völlig für Jean de Brienne entflammt war, der von Gilberts Lieblingspartner Hugo Marchand interpretiert wurde. Marchand versuchte durch strahlendes Lächeln und ritterliche Hingabe, die Konturlosigkeit seiner Figur auszugleichen, und auch tänzerisch musste er einiges vorweisen. So begann seine erste Variation gleich mit einer unbarmherzigen Vielzahl an tours en attitude, gefolgt von weiteren Pirouetten, den bei Nurejew unabdingbaren ronds de jambe und abrupten Richtungswechseln, und endete schließlich in einem Crescendo von Sprüngen und Pirouetten en manège, die jede noch so körperlose Traumvision leicht ins Schwitzen bringen. Marchand, dessen überdurchschnittliche Körpergröße ihm das Ringen mit den vor Schritten überbordenden Nurejew-Variationen besonders erschwert, bestand diese und die anderen Prüfungen, die ihm die Choreografie auferlegte, heldenhaft. Besonders seine weiten Sprünge und geschmeidigen Arabesken fangen immer wieder die Blicke der ZuschauerInnen, die sich sonst zuweilen im Schrittgewirr zu verlieren drohen.

Die Königin des Abends war ohne jeden Zweifel Dorothée Gilbert als Raymonda. Sie tanzte die zahllosen hochkomplexen Variationen und Pas de Deux, die jede Interpretin an die Grenzen ihrer Kräfte bringen müssen, als wäre dies für sie die natürlichste Art sich fortzubewegen. Ihr Markenzeichen sind messerscharfe Präzision und eine unerschütterlich solide Technik, doch kann sie auch lyrische Weichheit in die Passagen bringen, in denen ihr dies angemessen erscheint. Obgleich auch ihre Figur nicht von höchstem darstellerischen Interesse ist, skizzierte sie doch eine gewisse Entwicklung Raymondas von dem recht zurückhaltenden Mädchen der ersten Akte zur majestätischen Braut des dritten Aktes, die in der „ungarischen“ Variation im dritten Akt (in Paris variation de la claque genannt, da Nurejew darauf Wert legte, dass die Tänzerin dabei beherzt in die Hände klatscht) in vollem Glanz und Glitzer erstrahlte.

Das Orchester unter der Leitung von Vello Pähn wird vielleicht noch einige Vorstellungen brauchen, um Glasunows Partitur die Ehre zu erweisen, die ihr gebührt – allein aufgrund dieser Musik lohnt sich bereits die aufwändige Wiederaufnahme des Balletts.

Besuchte Vorstellung: 3.12.19

Veröffentlicht am 05.12.2019, von Julia Bührle in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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Kommentare zu "Des Guten nicht zuviel"



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