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Hamburg

EIN SEELENGEMÄLDE

„Die Glasmenagerie“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett uraufgeführt



Um ein halbes Jahr verschoben hatte jetzt John Neumeiers 161. Kreation Premiere in Hamburg. Es war gleichzeitig sein 50-jähriges Jubiläum als Ballettdirektor. Ein Grund zum Feiern – in jeder Hinsicht.


  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Alina Cojocaru Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Felix Paquet, Edvin Revazov, Patricia Friza, Alina Cojocaru Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Alina Cojocaru, Felix Paquet, Edvin Revazov, Patricia Friza Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Ensemble Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Christopher Evans, Felix Paquet Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, David Rodriguez, Alina Cojocaru Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Leeroy Boone, Marc Jubete, Felix Paquet, Marcelino Libao Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Alina Cojocaru, David Rodriguez Foto © Kiran West
  • John Neumeier „Die Glasmenagerie“, Alina Cojocaru, Edvin Revazov Foto © Kiran West

Wie soll man dieses Werk nach einem Mal Sehen rezensieren? Wie soll man ihm in seiner emotionalen Vielschichtigkeit, seiner choreografischen Vielfalt, seiner inneren Komplexität gerecht werden? Es wird – wie so oft – vermutlich bruchstückhaft bleiben müssen, gerade bei dieser neuen Kreation des Hamburger Ballett-Intendanten, der ein genialer Geschichtenerzähler ist. Seine Stücke haben immer so viel Tiefgang, dass sich die Dimension der Choreografie in ihrer ganzen Tragweite erst nach mehrmaligem Schauen erschließt. Das gilt auch für sein nunmehr 161. Ballett: „Die Glasmenagerie“ nach Tennessee Williams. Die Premiere fiel mit einem besonderen Jubiläum zusammen: Seit Dezember 1969 wirkt Neumeier nach seiner Tänzer-Karriere beim Stuttgarter Ballett als Ballettdirektor, damals noch in Frankfurt, seit 1973 dann in Hamburg.
Mit der „Glasmenagerie“ kehrt der 80-Jährige zurück zu seinen Wurzeln, in seine Jugend in den USA. Als 17-jähriger habe er das Stück erstmals an der Universität gesehen, erzählte er in der Ballett-Werkstatt am 10. November, in der er Auszüge aus dieser jüngsten Kreation zeigte. Inszeniert hat damals Father John Walsh S. J., der später für den noch jungen Tänzer einer der wichtigsten Menschen seines Lebens wurde, sein geistiger Lehrer und Mentor. Und es scheint, als sei gerade diese geistige Verbindung über den Tod hinaus (Father John Walsh starb vor vielen Jahren) eine wichtige Inspirationsquelle für Neumeier geblieben.

„Die Glasmenagerie“ ist kein großes Drama, keine Tragödie epischen Ausmaßes. Es ist eher ein Kammerstück, aber eines, das es in sich hat. Es gibt nur vier ProtagonistInnen: Laura Rose, eine gehbehinderte junge Frau, in ihre eigene Welt versponnen, in die sie sich mithilfe ihrer Glastierchen flüchtet (Alina Cojocaru in sicher einer der wichtigsten Rollen ihrer bisherigen Karriere). Tom, ihr Bruder (der Kanadier Felix Paquet, seit dieser Spielzeit als Solist im Ensemble, in seiner ersten großen Rolle beim Hamburg Ballett), arbeitet in einer Schuhfabrik am Fließband und hasst diesen Job, denn er wäre lieber ein Künstler – bei Tennessee Williams ist er ein verkappter Dichter, bei Neumeier ein Maler, was sich auf der Tanzbühne besser darstellen lässt. Amanda, die Mutter (Patricia Friza), schwelgt – vom Ehemann verlassen – gerne in Erinnerungen an ihre Jugend, wo sie von Verehrern umschwärmt wurde; heute verkauft sie Zeitschriften auf der Straße, um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Sie hat ihre Tochter in der Handelsschule für einen Schreibmaschinenkurs angemeldet, den Laura aber meistens schwänzt, weil das hektische Geklapper sie komplett überfordert. Stattdessen geht sie lieber ins Kino und träumt sich in das Filmgeschehen hinein. Jim, Toms Freund, ist ein draufgängerischer Baseball-Spieler, ein typischer amerikanischer Sunnyboy (Christopher Evans). Tom zeichnet nicht nur voller Hingabe dessen schönen Körper, sondern er schleppt ihn auch zuhause an, und die Mutter macht sich die schönsten Hoffnungen mit dem vorzeigbaren jungen Mann, will sie doch die Tochter unbedingt gut versorgt wissen. Laura ihrerseits schwärmt schon länger für Jim, allerdings nur in ihrer Phantasie. Und es kommt, wie es kommen muss: Das Date gerät zum Desaster, denn Jim ist bereits verlobt. Und so bleibt allen zum Schluss nur die Einsamkeit: Tom verlässt die Familie und wird tatsächlich ein erfolgreicher Künstler. Amanda verkauft weiterhin Zeitschriften und hängt der Vergangenheit nach. Laura träumt weiter mit ihren Glastieren.

Tennessee Williams hat hier die Geschichte seiner eigenen Familie mit verarbeitet – seine Schwester Rose litt unter Schizophrenie, er selbst durfte seine Homosexualität nicht offen und sein Künstlertum erst spät leben. Alles, was er eigentlich zu sagen hatte, versteckte er zwischen den Zeilen. All das Unaussprechliche, das sich nur ohne Worte mitteilen lässt, all das Suggestive, Emotionale hat Neumeier jetzt über den Tanz sichtbar und fühlbar gemacht, und so landet es mitten in den Herzen der ZuschauerInnen. Dabei entwickelt er eine bisher kaum gesehene, neue Bewegungssprache, mit expressiven Pas de deux, aber nicht minder großartigen Ensembles, die zu einem einzigen großen Seelengemälde verschmelzen. Das ist ganz große Kunst.

Neumeier arrangiert das Geschehen vor allem um den Küchentisch herum, Kristallisationspunkt aller Träume und Sehnsüchte, aber auch aller Verzweiflung und allen Kummers sowie des Zusammenhalts und Auseinanderfallens der Familie. Immer wieder bricht die Welt von außen in diese triste Wohnung herein: die Schuhfabrik, deren nervtötende, monoton-hektische Fließbandarbeit Neumeier in einer genialen Bewegungsabfolge für 15 Tänzer gestaltet (und ganz entfernt fühlt man sich dabei an Szenen aus „Shakespeare Sonette“ erinnert); der Schreibmaschinenkurs an der Handelsschule, in dem die verträumte Laura scheitern muss, weil sie mit dem Drill und dem Tempo überhaupt nicht zurechtkommt – ein nicht minder geniales Arrangement für zehn Tänzerinnen; das Kino mit revuehaften Tanzeinlagen (damals gängig zwischen zwei Filmen); die „Paradise Dance Hall“ mit ihrem Swing; oder auch „Malvolios Bar“, eine Schwulenkneipe, wo sich Tom in den smarten Barkeeper (umwerfend verkörpert von Marc Jubete) verliebt, was zuhause aber natürlich nicht herauskommen darf, denn Homosexualität ist im Amerika der 1930er Jahre und noch dazu in St. Louis, wo das Stück spielt, ein ganz großes Tabu.

Neumeier vermischt hier in 20 ineinander gewobenen Szenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als „Spiel der Erinnerungen“ (so der Untertitel des Schauspiels). Der Vater (großartig: Edvin Revazov mit schwarzer Locken-Perücke) geistert wie eine Art Doppelgänger seines Sohnes durch das Stück. Laura versinkt immer wieder in ihrer Traumwelt, wenn sie mit ihrer Glasmenagerie spielt, vor allem mit dem von ihr besonders geliebten Einhorn (das Neumeier durch den jungen David Rodriguez verkörpern lässt, der hier mit Alina Cojocaru zu einer fast magisch anmutenden Einheit verschmilzt) oder wenn sie im Kino den Hauptdarsteller als Jim imaginiert und mit ihm jegliche Behinderung hinter sich lässt und zu schweben beginnt.

Neumeier kehrt hier das Innerste nach außen – und seine TänzerInnen folgen ihm dabei bedingungslos und mit größter Hingabe. Da ist allen voran Alina Cojocaru, die mit der ihr eigenen Bescheidenheit und Natürlichkeit ihre Laura zeichnet, aber gleichzeitig auch Kraft und Innigkeit verkörpert wie keine zweite, ganz abgesehen von ihrer blitzsauberen Tanzkunst. Da ist Patricia Friza, die sich mit Haut und Haar der Amanda verschrieben hat und ihr eine leicht schräge Divenallüre verleiht, gleichzeitig aber auch eine liebevoll-besorgte Mütterlichkeit und in ihrer Einsamkeit eine große Würde. Da ist Felix Paquet, der als Tom wirklich alles gibt und mit dieser Rolle in der Mitte des Hamburg Ballett angekommen ist – man darf gespannt sein, wie er sich weiter entwickelt. Da ist Christopher Evans als Jim, der hier seine amerikanische Sozialisation entfalten darf, all das Jungenhafte, Ungestüm-Naive – und das passt ganz großartig zu ihm. Und da ist Edvin Revazov als Tennessee, der sich wie ein unauslöschbarer Schatten durch den Abend bewegt, nie ganz da, aber auch nie weg.

Das Ganze wäre jedoch nichts ohne die kongeniale Auswahl der Musik: die schwebenden, fast sphärischen Klänge von Charles Ives (1874-1954), die den Tanz wunderbar atmen lassen; die Filmmusik für „The Hours“ von Philip Glass, dessen minimal music perfekt zum Bühnengeschehen passt; und dann die Kompositionen von Ned Rorem (geb. 1923), mit dessen „Bright Music“ Neumeier eine der heikelsten Szenen unterlegt: den Moment, wenn Jim als vielversprechender Verehrer zu Besuch kommt. Das Philharmonische Staatsorchester unter Simon Hewett spielt diese so unterschiedliche wie schwierige Musik beseelt und mit großem Einfühlungsvermögen.
Für Bühnenbild (unterstützt durch Heinrich Tröger), Licht und Kostüme zeichnete ebenfalls Neumeier verantwortlich– und auch hier ist ihm alles gelungen. Das Premierenpublikum feierte den Abend zu Recht mit Standing Ovations.

Veröffentlicht am 02.12.2019, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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