KRITIKEN 2019/2020



Heidelberg

SCHWAN OHNE GEFIEDER

Zum dreiteiligen Tanzabend in der Hebelhalle Heidelberg



Das kleine choreografische Format ist geprägt von besonderen Herausforderungen: sich zu beschränken, zu abstrahieren, zu verdichten. Der letzte Tanzabend der Saison in Hebelhalle „small pieces – big visions“ zeigte exemplarisch, wie das gehen kann.


  • „small pieces – big visions“ in der Heidelberger Hebelhalle: Amancio Gonzalez mit seinem Solo "Sterbender Schwan" Foto © Guenter Kraemmer
  • „small pieces – big visions“ in der Heidelberger Hebelhalle: Amancio Gonzalez mit seinem Solo "Sterbender Schwan" Foto © Federica M Bianchi
  • „small pieces – big visions“ in der Heidelberger Hebelhalle: Jacqueline Trapps „Café Triping and the Dinosaurier Bird“ Foto © Susanne Reichhardt
  • „small pieces – big visions“ in der Heidelberger Hebelhalle: Lucyna Zwolinska mit dem Duo „reflexio“ Foto © Eiji Yamamoto Photography

Drei Generationen, drei höchst unterschiedliche Blicke auf die Welt: Jacqueline Trapp, die jüngste, schaut zehn Minuten lang noch eher staunend umher. In „Café Triping and the Dinosaurier Bird“ ist sie mit Arno Brys (beide gehören zum Heidelberger Dance Theatre) lässig im Urlaubsmodus unter einer Ersatzpalme drapiert. Nach offensichtlich komplizierten, wohl erst in der Entstehung begriffenen Regeln loten sie im sensiblen Spiel die Spannweite von Wiederholung und Unterschied aus. Angeregt wurde diese Choreografie von einem Stück konkreter Poesie über „difference in repetition“ der Heidelberger Schriftstellerin Miriam Tag. (Das Zusammenspiel von Literatur und Tanz war eine Auftragsarbeit für den Tanzabend FREIRAUM des Dance Theatre Heidelberg in der letzten Spielzeit.)

Ganz viel zu sagen hatte die Vertreterin der mittleren Tänzergeneration, Lucyna Zwolinska, in ihrem Duo „reflexio“, das 2019 während einer Residenz im Heidelberger Choreografischen Centrum entstanden ist. Die polnische Tänzerin und Choreografin spürt (zu Musik von Gabriele Basilico) der Entstehung von reflektiertem, also begründetem Selbstbewusstsein nach – und lotet die damit verbundene emotionale Achterbahnfahrt bildkräftig aus. Ist sie anfangs noch eine willenlose Gliederpuppe in den Händen ihres Partners Robert Przybyl, so übernimmt sie immer mehr Initiative und Verantwortung für ihr eigenes tänzerisches Handeln, ängstlich, hoffend, ungeduldig, einsam und am Ende doch überzeugt. Der Choreografin, die schon mit Marguerite Donlon, Susanne Linke und Urs Dietrich gearbeitet hat, darf man eine starke Stimme bescheinigen.

Ex-Forsythe-Tänzer Amancio Gonzalez hat mit 52 Jahren seinen Platz längst gefunden: im Mut zur Veränderung. Die langjährige Arbeit mit William Forsythe hat ihm unter die Haut geimpft, immer wieder neue Wege zu gehen. Davon plaudert er klug und beiläufig im Eingangsteil seines Solos „Sterbender Schwan“ – auch von Body Shaming und Kritikwut in der Tanzszene, von der Schwierigkeit und der Gnade, mit sich und seinem Körper ins Reine zu kommen, und von der Notwendigkeit beständig wacher Neugier. Die hat ihn vor drei Jahren zum Spitzentanz geführt – aus Respekt vor der Leistung unzähliger Ballerinen, die ihre Füße opfern, um die Schwerkraft für glückliche Sekunden in den Augen des Publikums außer Kraft zu setzen.

Drei Jahre Training (zum Abschluss mit der Heidelberger Choreografin Jai Gonzales) münden für Amancio Gonzalez in drei Minuten Tanz: das Solo „Sterbender Schwan“. Mikail Fokine choreografierte diesen Klassiker 1907 für die Ballerina Anna Pawlowa. Es kombiniert schnelle Wechselschritte auf der Spitze (Pas de bourré) mit einem Ausdruck des ganzen Körpers: ein Novum in der Geschichte des klassischen Balletts, in der bis dahin nur die Gliedmaßen „sprechen“ durften. In klassischen weißen Leggins und mit bloßem Oberkörper, ohne Schwanenkostüm, Tutu und Federkrone ist Gonzalez Lichtjahre entfernt von modischem Gender-Cross. Sein Schwan ist sozusagen nackt ohne Gefieder und zeigt mit jeder Muskelregung, wie schwer das anmutige Sterben fällt. Zurückhaltend begleitet wird er nicht vom ursprünglichen Cello, sondern von der Stimme der Heidelberger Sopranistin Cornelia Winter.

Manchmal sind gerade die kleinen Stücke groß.

Veröffentlicht am 24.11.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2019/2020

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Kommentare zu "Schwan ohne Gefieder"



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