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Stuttgart

KALEIDOSKOP DER MODERNEN KLASSIKER

„Classy Classics“ mit Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus



Erstmals gezeigt im Rahmen des „Colours“-Festivals im vergangenen Juni, hat Eric Gauthier den Abend in den aktuellen Spielplan übernommen. Zum Glück, weil diese 16 phantastischen TänzerInnen hier ein Feuerwerk zünden, wie es besser kaum geht.


  • „Classy Classics“ mit Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus: "Decadance" Foto © Regina Brocke
  • „Classy Classics“ mit Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus: "Orchestra of Wolves" Foto © Regina Brocke
  • „Classy Classics“ mit Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus: "Herman Schmerman" Foto © Regina Brocke
  • „Classy Classics“ mit Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus: "Äffi" Foto © Regina Brocke
  • „Classy Classics“ mit Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus: "Malasangre" Foto © Regina Brocke

„Classy Classics“ – das sind fünf erstklassige Klassiker des modernen Tanzes: Da ist am Anfang „Decadance“ von Ohad Naharin, im Jahr 2000, also vor fast 20 Jahren, für die Batsheva Dance Company choreografiert. Es ist ein buntes Kaleidoskop aus Naharins Meisterwerken, das immer wieder neu daherkommt, denn Naharin stellt für jede Kompanie eine eigene Version zusammen. Nun also „Decadance“ à la Gauthier Dance. Und die sieben Tänzerinnen und neun Tänzer stürzen sich in Shirts und Jeans mit Haut und Haar in ihre Aufgabe – einschließlich ihres Chefs, der mit dem ihm eigenen trockenen Charme im schwarzen Anzug eine Art Conférencier mimt. Ein Meisterwerk folgt auf das andere, mal ein wildes Ensemble zu stampfenden Rhythmen, mal ein poetischer, mal ein urkomischer Pas de deux. Die Choreografie ist ausgesprochen Po-betont: man wackelt damit, man schwenkt ihn dekorativ, man klopft darauf... aber nie anzüglich, nie ist damit ein billiger Gag verbunden, es ist einfach Körpersprache pur. Einmal bittet Eric Gauthier das Publikum, sich zu erheben – und wieder hinsetzen dürfen sich dann nur einige Auserwählte: diejenigen, die mehr als 250.000 Euro im Jahr verdienen; die nicht Deutsch sprechen; die wissen, wo Mekka liegt und mit dem Arm die Richtung weisen können usw., bis sich schließlich alle diejenigen setzen dürfen, die heute nicht Geburtstag haben. Und klar, irgendjemand bleibt da ja doch immer stehen, und nein, es ist kein gut platziertes Ensemblemitglied, und ja klar, dieser Mensch aus dem Publikum wird natürlich auf die Bühne gebeten und dort für kurze Zeit ins Geschehen einbezogen. Es sind diese spielerischen Elemente und der Humor, aber auch die Tiefgründigkeit und Ernsthaftigkeit der Choreografie, die in Kombination mit der Dynamik und Perfektion der TänzerInnen die Bühne zum Blühen bringen.

Nach der Pause dann ein Klassiker von Eric Gauthier selbst: sein 2009 choreografiertes „Orchestra of Wolves“ zum 1. Satz von Beethovens Fünfter Sinfonie („tatata-taaaaaa!“). Ein Dirigent mit gelbem Entenschnabel und Puschelschwänzchen unter den Frackschößen befehligt mit der ihm eigenen Allüre sechs MusikerInnen mit Wolfsmasken, um am Schluss von ihnen gefressen zu werden, dass die gelben Federn nur so fliegen. Ein Heidenspass!

Das Stück danach, William Forsythes „Herman Schmerman Duet“ von 1992, ist schon lange ein Klassiker und Forsythe – so Gauthier in seiner launigen Anmoderation zu Beginn des Abends - war anfangs skeptisch, ob er Gauthier Dance dieses tänzerisch hoch anspruchsvolle Werk überhaupt anvertrauen konnte: „Eric, dafür brauchst Du eine Ballerina...“ Dass Gauthier Dance über eine solche Koryphäe verfügt (und nicht nur eine), wurde in dem brillant getanzten Pas de deux durch Barbara Melo Freire und Theophilus Vesely mehr als augenfällig.

Und noch ein Glanzstück hatte der Abend zu bieten: „Äffi“, das berühmte Solo von Marco Goecke (der Gauthier Dance seit Januar 2019 als „Artist in Residence“ verbunden ist) von 2005 zu drei späten Songs von Johnny Cash. Für geschlagene 12 Minuten fasziniert Nicholas Losada hier mit einem überaus sprechenden Rücken und perfekter Tanzkunst.

Den Abschluss bildet dann „Malasangre“ („Böses Blut“) von Cayetano Soto, 2013 entstanden und somit der neueste Klassiker in diesem Kaleidoskop. Es ist eine Remineszenz an die kubanische Soul-Sängerin La Lupe, die nicht nur „Fever“ von Elvis Presley auf ihre Weise interpretiert, sondern mit „Guantanamera“ auch die Ballade schlechthin. Bei Gauthier Dance war das Werk schon 2013 als Teil des Ballettabends „Future 6“ im Repertoire, jetzt feiert es in „Classy Classics“ eine Neuauflage.

Standing Ovations für einen von A bis Z gelungenen Abend und eine mehr als begeisternde Kompanie, der man ein langes Leben wünscht. Dazu beitragen kann man seit wenigen Tagen über eine Crowdfunding-Kampagne zum Erhalt des Theaterhauses Stuttgart (Näheres auf der Homepage unter www.theaterhaus.com), in dem Gauthier Dance zuhause ist. Oder auch durch den Kauf des reich bebilderten Kalenders für 2020, der gerade herausgekommen und mit neun Euro sein Geld mehr als wert ist.

Veröffentlicht am 18.11.2019, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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