HOMEPAGE



München

HYPE PUR – LIVE UND DIGITAL VERLINKT

Uraufführung „Autoplay“ von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München



Macht Spaß und nachdenklich zugleich: Er ist nicht der Erste, der sich für ein Stück im Netz bedient. Doch Respekt dafür, wie aus lauter kompilierten Fundstücken und vier ganz verschieden famosen TänzerInnen choreografische Kunst entsteht.


  • „Autoplay“ von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München Foto © Franziska Strauss
  • „Autoplay“ von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München Foto © Franziska Strauss
  • „Autoplay“ von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München Foto © Franziska Strauss
  • „Autoplay“ von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München Foto © Franziska Strauss

Wenn schon im World Wide Web klauen, dann mainstreammäßig konsequent. Moritz Ostruschnjak ist bei weitem nicht der Erste, der sich für ein Stück im Netz bedient wie in einem Baukasten voll anregender Ideen. Doch Respekt dafür, wie er – bzw. seine vier ganz verschieden famosen TänzerInnen – diesmal aus lauter kompilierten Fundstücken choreografische Kunst zu machen verstehen.

Mit der Einflussnahme von Digitalisierung und Virtualisierung auf die soziale und körperliche Fähigkeit, Eindrücke zu verarbeiten, hat sich der freie Münchner Choreograf schon wiederholt auseinandergesetzt. Für „Autoplay“ – ein wahrhaft tolles, sehr imitationsgeprägt-bildsynchrones Tanzstück – ist er laut Programmheft noch einen Schritt weiter gegangen. In Zusammenarbeit mit Video-Partner Moritz Stumm und Musik-Sampler Jonas Friedlich wurde Bild für Bild und jeder Ton digital gewildert. Derart schamlos offensichtlich, dass in Projektionen über Landschaftsimpressionen weiterhin schwachweiß das Copyright „gettyimages“ schimmert. Beim Tanz verwischen die Vorlagen stärker oder sorgen für Irritation, wenn choreografisches Zitat und musikalische Begleitung eigentlich gar nicht zusammenpassen. Genau in diesen Momenten aber entfaltet sich der – hier vordergründig negierte – kreative Reiz.

Im akustischen Bereich vermischen sich HipHop und populistische Klänge, Halleluja und bekannte Songrefrains mit einem abenteuerlichen Opernstimmengemetzel. Später rütteln aus dem Off gesprochene Phrasen über Frieden und Anarchie das raffiniert in einen von Paradoxen nur so strotzenden Mix aus intermedial und live dargebotenen Aktionen eingelullte Publikum auf. Bequem geworden, weil die bisweilen lustige Flut und unvorhersehbare Plötzlichkeit sich gegen jedwede Möglichkeit, das Gesehene auf die Schnelle zu analysieren oder zu hinterfragen, sperrt. Dagegen klingt Martin Luther Kings „I have a dream“ nach einer Selfiestrecke von Menschen mit Waffen wie üble Beschwichtigung.

Filme von Robotern und Passagen aus Strawinskys „Sacre“, Bachs „Johannes-Passion“ und „Goldbergvariationen“, Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ oder Wagners „Walkürenritt“ fachen – aus dem eigentlichen Kontext herausgerissen – die Begeisterungswelle für scheinbar sinnfreie Verlinkungen weiter an. Schlicht auf den Punkt gebracht in dem anfangs im Hintergrund blinkenden Wort „Hype“. Ins Feld geführt wird auch der Begriff Hass. Szenisch dann nah dran am Crash, der ab und an auch optisch über die beiden TV-Bildschirme rechts und links der Tanzfläche flackert. Wie ein PC, den die redundante Benutzung der Tastenkombination „Copy & Paste“ überfordert.

Ein Problem der Technik, dem die immer wieder neu mit stylischen Moves und Steps, Querverweisen auf unterschiedliche Stile, pantomimischen Einlagen oder mit – wohl Figuren des Videospiels Fortnite abgekupferten – Grimassen auftrumpfenden TänzerInnen stets elegant aus dem Weg gehen. Dass einem ausgerechnet bei einem Stück, dass die permanente Reorganisation und Loops im Klickprinzip zum Leitmotiv hat, zwei junge Talente ins Auge stechen – was sonst in der freien Szene eher selten ist – verpasst dem Abend zusätzlichen Ausnahmerang. Aber Annamaria Ajmone aus Italien und den Kanadier Daniel Conant muss man neben Cristian Cocco und Antoine Roux-Briffaud einfach gesehen haben.

Veröffentlicht am 18.11.2019, von Vesna Mlakar in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 622 mal angesehen.



Kommentare zu "Hype pur – live und digital verlinkt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    HURRA!

    "Unstern" von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München

    Die Tanzperformance "Unstern" beschäftigt sich mit der gewaltbereiten Gesellschaft kurz vor der Katastrophe.

    Veröffentlicht am 14.09.2018, von Natalie Broschat


    DIE ZUKUNFT KANN KOMMEN

    BOIDS von Moritz Ostruschnjak im Schwere-Reiter

    Die neue Arbeit von Moritz Ostruschnjak ist wieder hypnotisierend und erinnert teilweise an den Stil der israelischen Tanzgrößen Ohad Naharin und Sharon Eyal

    Veröffentlicht am 04.10.2017, von Natalie Broschat


    EINE MAGISCHE STUNDE

    Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München

    Im digitalen (N)Irgendwo: Die Performance "TEXT NECK" hinterfragt zu Musik von 48nord soziale Interaktionen im 21. Jahrhundert und liefert damit das tänzerische Abbild einer digital verwirrten Gesellschaft.

    Veröffentlicht am 10.12.2016, von Natalie Broschat


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    PINA BAUSCH LEBT

    Die Semperoper Dresden zeigt mit einer grandiosen "Iphigenie auf Tauris", dass Qualität nicht altert
    Veröffentlicht am 06.12.2019, von Rico Stehfest


    DES GUTEN NICHT ZUVIEL

    Rudolf Nurejews "Raymonda" zurück an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 05.12.2019, von Julia Bührle


    ZUCKERSÜß

    Theater Chemnitz zeigt das "Nussknacker"-Ballett
    Veröffentlicht am 03.12.2019, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ZUHÖREN #4 - CLIMATE CHANGE & DEMOCRACY

    From complexity to action - Sasha Waltz & Guests

    Mit dabei Amazonas Solidarity Berlin, Das Progressive Zentrum, Deutschland spricht, Extinction Rebellion, Fridays For Future, FutureLeaks, Restlos Glücklich, urgewald, School of Collective Intelligence, World Human Forum, Antje Boetius, Maja Göpel, Josh Fox, Joseph Houston & Sarah Saviet, Sergiu Matis, Diego Noguera Berger, Andreas Weber, Dabke Community Dancing, Kindertanzcompany Sasha Waltz & Guests u.v.m.

    Veröffentlicht am 19.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    PINA BAUSCH LEBT

    Die Semperoper Dresden zeigt mit einer grandiosen "Iphigenie auf Tauris", dass Qualität nicht altert

    Veröffentlicht am 06.12.2019, von Rico Stehfest


    PROGRAMM DER TANZPLATTFORM VERÖFFENTLICHT

    Die Jury stellt das Programm der Tanzplattform München 2020 vor

    Veröffentlicht am 04.12.2019, von Pressetext


    DES GUTEN NICHT ZUVIEL

    Rudolf Nurejews "Raymonda" zurück an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 05.12.2019, von Julia Bührle


    EIN SEELENGEMÄLDE

    „Die Glasmenagerie“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett uraufgeführt

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP