KRITIKEN 2019/2020



Dresden

SICHTACHSEN

Selbstermächtigung in Dresdens freier Szene



Die Wiederbelebung des Gebäudes der ehemaligen Wigman-Schule in Dresden kommt voran - Tag der offenen Tür.


  • Besucherin der Ausstellung zum Leben Mary Wigmans beim Tag der Offenen Tür in der Villa Wigman e.V. Foto © Siegfried Michael Wagner
  • Jule Oeft mit einem Ausschnitt aus "Rapid Cycling - Das bildest du dir nur ein" beim Tag der Offenen Tür in der Villa Wigman e.V. Foto © Siegfried Michael Wagner
  • Johanna Roggan zeigt Recherchematerial beim Tag der Offenen Tür in der Villa Wigman e.V. Foto © Siegfried Michael Wagner

Der Stolz und die Aufregung der Mitglieder des Vereins Villa Wigman in Dresden standen am 13. November allen ins Gesicht geschrieben. Das lag nicht nur daran, dass Mary Wigmans 133. Geburtstag gefeiert wurde. Sondern auch daran, dass dieser Tag erneut mit einem Tag der Offenen Tür in jenem Gebäude begangen werden konnte, dass von 1920-1943 der Ort ihrer Schule war. Die Grand Dame des Ausdruckstanzes hatte die Villa nach dem Kauf für den Schulbetrieb umfangreich mit drei Sälen erweitern lassen. Als sich die Semperoper, die das Haus mehrere Jahre als Probebühne und kleine Spielstätte genutzt hatte, schließlich 2014 daraus zurückzog, sollte das bautechnisch stark vernachlässigte Gebäude vom Freistaat veräußert werden. Das ließ eine kleine Gruppe enthusiastischer Kreativer aus dem Tanz- und Performancebereich der freien Dresdner Szene, die schon seit einigen Jahren Pläne schmiedeten, aufhorchen. Schnell wurde klar, dass hier unschätzbares Potenzial lag, Tanztradition und -geschichte fortzuschreiben.

So dauerte es nicht lange, bis die ersten Bemühungen um den Erhalt des Hauses in Gang kamen, Vereinsgründung inklusive. Und der jahrelange, mühsame Kampf hat sich gelohnt. Die Stadt hat das Haus erworben und, um eine lange Geschichte abzukürzen: Der Verein erhielt Mitte August dieses Jahres die Schlüssel. Da dauerte es nicht lange, bis die Büros besetzt waren. Trotz der unumgänglichen Sanierungsarbeiten, bei denen die Vereinsmitglieder selbst so weit wie möglich mit Hand anlegen, strahlt der Ort immer noch seine Geschichte aus. So schwärmte beispielsweise anlässlich des Tages der Offenen Tür Nora Otte, freie Regisseurin, über die Atmosphäre des Hauses und die täglichen Begegnungen der Kreativen miteinander im Haus.

Der Zuspruch durch das Publikum war zum Tag der Offenen Tür wie zu erwarten hoch. Es war nicht die erste Veranstaltung dieser Art, die der Verein durchführen konnte. Neben einer Führung durch Holm Pinkert, Architekt und Mitglied des Vereins, der die Details des Hauses wie kaum ein anderer kennt, zeigten mehrere kurze performative Interventionen, was zukünftig wieder möglich sein wird. Vor allem den älteren BesucherInnen ist das Haus aus der Vergangenheit auch als Veranstaltungsort des jährlichen Tanzherbstes in Erinnerung. Der ist zwar längst Geschichte, aber nach einem abgeschlossenen Kapitel beginnt bekanntlich immer neues. Und das wird kein kurzes werden. Wie im Rahmen eines Podiumsgespräches Michael Freundt, Geschäftsführer des Dachverbandes TANZ Deutschland bemerkte: „Die gesamte Tanzszene Deutschlands schaut auf diesen Ort.“ Damit ist der überregional wahrgenommene Beispielcharakter dieses Projekts deutlich gemacht.

Carena Schlewitt, Intendantin von Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste, die fast schon programmatisch eng mit der freien Szene verbunden ist, betonte, wie bereichernd es sei, dass mit diesem Haus eine weitere, interdisziplinäre Produktionsstätte für Dresden entsteht. Genau das ist der Kern des Vorhabens: Es geht nicht darum, eine weitere Bühne als Veranstaltungsort zu etablieren. Vielmehr sollen KünstlerInnen und Kreative zusammenkommen und an diesem Ort arbeiten, proben und Projekte entwickeln. Künstlerwohnungen für Residenzen sind ebenso geplant. Dabei ist das Haus offen für alle, Anmietungen der Säle sind für jeden möglich. Schlewitt begrüßt das besonders deshalb, weil sie die zeitgenössischen Künste in Dresden noch ein wenig „mit angezogener Handbremse“ agieren sieht, wie sie sagte. Um das zu befördern, will der Verein dazu ermutigen, Prozesse sichtbar zu machen, auch und vor allem der Öffentlichkeit zu zeigen, wie kreatives Arbeiten verläuft und das in unterschiedlichen Veranstaltungsformen und Formaten immer wieder dem Publikum vermitteln, ganz im Sinn direkter Teilhabe.

Wann das so weit sein wird, konnte auch Katja Erfurth, Tänzerin und Choreografin sowie Vorstandsvorsitzende des Vereins, noch nicht zeitlich einordnen. Zu viel muss noch am Gebäude saniert werden. Brandschutzbestimmungen sind dabei nur einige der entscheidenden Auflagen. Die Vereinsmitglieder üben sich aber bis dahin in Bescheidenheit und freuen sich über eine funktionierende Heizung, fließendes Wasser und Strom.

Wenn dann eines Tages eine Tür in die äußere Wand des Gelben Saales eingebaut worden ist und damit in der direkten Flucht vom Eingang an der Bautzner Straße durch das Gebäude hindurch bis in den Garten dahinter eine Sichtachse entsteht, wird sich zeigen, wie genau die so zuversichtlich beschworene lebendige Tradition gestaltet werden kann.

Veröffentlicht am 14.11.2019, von Rico Stehfest in Kritiken 2019/2020

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