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Leipzig

MARTENS, MORGANTI, PRELJOCAJ

Drei Tanzabende zur 29. euro-scene Leipzig



Ein Rückblick auf das Festival "europäischen zeitgenössischen Theaters und Tanzes".


  • Soirée Preljocaj: „Ghost“, „Centaures" und „Still life“ Foto © Jean Claude Carbonne
  • Soirée Preljocaj: „Ghost“, „Centaures" und „Still life“ Foto © Jean-Claude Carbonne
  • "Jessica and me" von Cristiana Morganti Foto © Il Funaro
  • "Jessica and me" von Cristiana Morganti Foto © Il Funaro
  • „lostmovements“ von und mit Jan Martens & Marc Vanrunxt Foto © Raymond Mallentjer
  • „lostmovements“ von und mit Jan Martens & Marc Vanrunxt Foto © Raymond Mallentjer

Was den Tanz angeht bot der diesjährige Durchlauf vor allem drei Inszenierungen, die zwar so oder so ähnlich auch schon in anderen Kontexten zur Aufführung kamen – die gleichwohl aber spannend genug sind, sie aus gegebenem Anlass noch einmal näher zu betrachten.

Jan Martens & Marc Vanrunxt: „lostmovements“
Zwei Aufzählungen. Zwei Mal eine lange Liste von Namen. Zum Beginn sind es Choreografinnen und Choreografen; noch lebende und schon gestorbene, Berühmte und weniger Berühmte. Zum Schluss, gut eine Stunde später, sind es homosexuelle Künstler, die der belgische Tänzer und Choreograf Jan Martens beschwörend ins Mikrofon haucht. „lostmovements“ heißt das Stück, das im Rahmen der Euro-Scene im Ballsaal der Schaubühne Lindenfels zu sehen war und das man als eine tänzerische Selbsterkundung und -verortung Martens im großen Bezugssystem beschreiben kann. Künstlerische Einflussgrößen, homosexuelle Identität – und der eigene Körper als Medium.
Ein Medium, das bald angetrieben durch Passagen aus Krzysztof Pendereckis „Polnischem Requiem“ zu „sprechen“ beginnt; erst in harmonisch fließenden, nachgerade Thai-Chi-haften Figurationen und Bewegungen, ganz so, als schwebe Martens durch die wuchtige Musik Pendereckis wie durch einen Luftstrom. Später dann wie herumgewirbelt von diesem, wie in einem einzigen endlosen Absturz oder auch einem gesuchten, gewollten Hinab-tauchen in den dunklen Mahlstrom der Vergänglichkeit.

Was Martens hier unter der Ägide des Choreografen Marc Vanrunxt zeigt, ist ein wuchtiger tänzerischer Kraftakt, dem man indes genau diesen Kraftakt, diese Wucht, nie ansieht. Es sind vielmehr eindrucksvolle Passagen einer schon schmerzhaften Leichtigkeit und Anmut. Und schmerzhaft ist das, weil eben diese sich gerade unter der Totenmessen-Musik Pendereckis zu behaupten wissen. Oder zu behaupten versuchen. Nur wechselt die Musik irgendwann; switcht die Tonspur von Penderecki hin zu einem doch nur allzu obligatorischen elektronisch-esoterischen Gewaber, zu dem Martens dann prompt wie ein Hohepriester des gedankenschweren Kunsthandwerks gekleidet, hohepriesterliche Gesten vollführt. Um final dann aber noch immerhin zum großartigen „Asleep“ von The Smiths über die Bühne zu kriechen. Wohl in Richtung großer Schlaf.
Es ist erstaunlich, aber man kann das fast als Handschrift, oder auch Vorliebe Martens ausmachen: Dass ein starker Anfang irgendwann zielsicher in diese ganz spezielle, raunende Form des konventionell Kapriziösen ab- oder hinübergleitet. Durfte man auch schon bei der Euro-Scene erleben, bei der der Tänzer und Choreograf 2015 und 2016 zu Gast war.

Christiana Morganti; „Jessica and Me“
Wiederum das erste Mal stand bei diesem Festival Christiana Morganti auf einer Bühne. Der des Schauspiels Leipzig, wo die Tänzerin und Choreografin auf das Wunderbarste zeigte, wie gewitzt, klug, leicht und selbstverständlich sich die Kunstform Tanz doch gelegentlich selbst reflektieren kann. Vorausgesetzt natürlich, derlei übernimmt jemand, der gewitzt und klug genug dafür ist. Aber auch das scheint dann manchmal leicht und selbstverständlich. Dabei gibt es doch so viele Probleme, Hindernisse, Hürden. Immer, überall! Geht ja schon bei einem guten Anfang los: „Gott, wie ich Anfänge hasse!“ mault da herrlich unverhohlen Morganti. Worauf wenig später, der Anfang ist gerade gemeistert, ein: „Madonna, mein BH klemmt!“ folgt. Was freilich noch gar nichts ist gegen das weiße weite Kleid, das final in Flammen aufgeht.

Zwanzig Jahre gehörte die 1967 in Rom geborene Christiana Morganti dem Wuppertaler Tanztheater an. Weshalb wohl jeder, der Arbeiten Pina Bauschs kennt, dieses und jenes Déjà-vu gehabt haben dürfte, als Morganti ihr Solo „Jessica and Me“ zeigte. Ein Selbstportrait in Selbstironie, ein sehr persönlicher Erinnerungsreigen in Tanz. Hinreißende Seitenhiebe auf das ja gern mal blasierte Selbstverständnis dieser Kunstform inklusive.
Eine Kunstform, die Morganti immer noch beherrscht. Nein, natürlich nicht mehr wie in jungen Jahren, also so scheinbar problemlos den Körper beherrschend. Und somit in dieser technischen Perfektion, die ja nicht zuletzt auch einem Ideal folgt, ob dem die notwendige Körperoptimierung schnell mal zu Dimensionen grotesker Überzüchtung mutiert. Von den oft damit einhergehenden Nivellierungsversuchen des Individuellen nicht zu sprechen. Da sind die Haare zu lockig, Brüste zu groß, das Becken zu breit. Und die Konkurrenz unter jungen Ballett-Elevinnen bekommt Züge pathologischer Selbstkasteiung. Morganti spricht von all dem als eine, die all das verdammt genau kennt – und dem entkommen ist, ohne dem Tanz den Rücken kehren zu müssen. Zum Glück! Gerade auch für das Publikum.

Und so steht sie dann auf der Bühne, diese Frau mit diesem „Bodyindex“, der so herrlich das Ballerina-Klischee torpediert. Und wie pure Programmatik (und ein wenig Stinkefingerzeigen ebenfalls), kracht Iggy Pops „Lust for Live“ aus den Boxen, während Morganti irrwitzig auf der Stelle rennt. „Jessica and me“ erzählt von den Tänzerinnen-Träumen der Jugend, von der Arbeit mit Pina Bausch, von Altern und Verschleiß. Morganti hält Zwiesprache mit einem klapprigen Kassettenrekorder, auf dem sie Fragen aufnahm, die sie sich selbst stellte. Zeigt die Kunst des Lächelns und des Rauchens - und natürlich die des Tanzes. Und ist in all dem von einer Leichte und Selbstverständlichkeit, dank der (und ja gut: dank einer Videoprojektion ebenfalls) am Ende Morganti im schönen weißen Kleid schön brennen kann, ohne zu Asche zu werden.

Angelin Preljocaj: „Soirée Preljocaj“
Geschmackvoll. Es ist das Attribut, das einem vor allem einfällt ob der „Soirée Preljocaj“, die ebenfalls auf der großen Bühne des Schauspiels die diesjährige Euro-Scene beendete. Mit drei Kurzstücken des aus Albanien stammenden französischen Choreografen Angelin Preljocaj. Fraglos einer der großen Zeitgenossen seines Metiers, ist auch der nicht zum ersten Mal zu Gast in Leipzig. Was sich - um das an dieser Stelle doch mal wieder in Erinnerung zu rufen - allein diesem Festival verdankt. Dessen diesjährige Ausgabe sich dann auch mit „Ghost“, „Centaures“ und „Still life“ einen durchaus würdigen Schlusspunkt gönnte. Oder genauer: Drei Schlusspünktchen, drei Stück-Miniaturen, in denen sich komprimiert Preljocajs choreografisches Formbewusstsein, sein Gespür für Bewegungsfluss, Melodik und mal kapriziöse, mal nüchtern bestechende Bildfindungen aufzeigen. Das gilt für die sanft ironisierende Hommage an einen der Großpaten des klassischen Balletts, Marius Petipa (1818-1910), der in „Ghost“ gleichsam als der titelgebende Geist die Tänzerinnen bis hin zum trippelnden Spitzentanz beflügelt - ein Novum im Werk Preljocajs.

Das gilt für das Duett „Centaures“, das zwei mythologische Wesen (Zentauren eben) in einen archaisierenden Tanz-Ringkampf aufeinander treffen lässt. Und das gilt für das mit 45 Minuten längste Stück des Abends, für „Still life“, einen mit Attributen der Barockmalerei spielendem Vanitas-Reigen, der nicht nur vom eitlen Schein der Schönheit spricht, mit dem die menschliche Existenz ihre Nichtigkeit zu übertünchen sucht, sondern auch von dem Anteil, den die Kunst, den der Tanz, zu diesem Schein beiträgt.

Inwiefern darin ein kritische Selbstbefragung Preljocajs mitschwingt, ist müßig zu spekulieren. Aber wenn, frei nach Rilke, das Schöne nichts ist, als nur des Schrecklichen Anfang, verkapselt sich gerade auch „Still life“, gleich den beiden anderen Stücken dieses Abends, in einem ewig schönen Anfang. Es ist wie ein Tanz mit dem Rücken zum Abgrund – und selbst, wenn es wie in „Still life“ gerade auch um diesen Abgrund geht: Den Blick hinein darf man nicht wagen, das könnte schließlich hässlich werden. Was dann ja wiederum nicht sonderlich geschmackvoll ist. Also nicht von dieser behaglich stimmenden, tröstlich ästhetischen Erlesenheit bei tänzerischer Könnerschaft, mit der man so schön seinen Frieden mit sich, der Welt und der Kunst sowieso machen kann. Wie dann auch mit diesem Festivaldurchlauf, der mit angemessen begeistertem Applaus endete.

Veröffentlicht am 13.11.2019, von steffen georgi in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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Kommentare zu "Martens, Morganti, Preljocaj"



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