HOMEPAGE



Kiel

VIEL GEWAGT, VIEL GEWONNEN

Kiels Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko wagt sich an "Eugen Onegin"



Groß sind die Fußstapfen, in die ein Choreograf tritt bei diesem Werk. Das Ballett Kiel zeigt, dass sich der Mut durchaus lohnen kann.


  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Christopher Carduck & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Ensemble Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Christopher Carduck & Ensemble Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck

Mit einer eigenen Version von Alexander Puschkins Versroman "Eugen Onegin" hat sich Kiels Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko einiges zugetraut. Schließlich hat John Cranko – unvergessen als Chefchoreograf des "Stuttgarter Ballettwunders" in den 1960er Jahren – mit seiner Interpretation Maßstäbe gesetzt, die bis heute unerreicht sind, zumal in der grandiosen Ausstattung von Jürgen Rose. John Neumeier interpretierte das Werk mit "Tatjana" dann noch einmal ganz neu und auf seine Weise, die sehr viel näher an der Romanvorlage bleibt. Jetzt also Yaroslav Ivanenkos Fassung mit der relativ kleinen Kompanie des Ballett Kiel – am 2. November war Premiere.

Das Wagnis hat sich gelohnt – Ivanenko ist hier ein sehr durchdachter Abend gelungen, der sich sehen lassen kann. Seine Bewegungssprache bleibt angenehm schlank und doch ausdrucksstark, da ist nichts überladen oder übertrieben oder gar schwülstig – was bei dieser tragischen Liebesgeschichte ja nur allzu leicht droht. Eindrucksvoll die verschiedenen Pas de Deux und vor allem auch die Arrangements für die Ensembles, bei denen man komplett vergisst, dass die Kompanie nur aus 21 TänzerInnen besteht. Bestechend die blitzsaubere Technik, die Sprungkraft der Männer, die Präzision und Freude, mit der alle auftanzen – da merkt man die souveräne und kompetente Hand der stellvertretenden Ballettdirektorin und früheren Hamburger Primaballerina Heather Jurgensen. Sie selbst hat die Rolle von Tatjanas Mutter übernommen – und immer noch beherrscht sie mit ihrer eleganten Erscheinung die Bühne bei ihrem Auftritt, auch wenn sie gar nicht viel tanzt.

Da schaut man auch gern über einige Längen hinweg oder die sich wiederholenden Bewegungsfolgen im 1. Akt. Auch wäre manches dramaturgisch nicht unbedingt nötig gewesen – z. B. die Szene mit den drei Grazien als Tänzerinnen, die Onegin im Theater sieht und die anschließend allesamt bei ihm im Bett landen; oder der kurze Lebensabriss von Onegins Kindheit und Jugend, die Pantomimen, die ein bisschen antiquiert wirken, die kleinen Hüpfer, mit denen Olgas Auftritte meistens beginnen, und die seltsam kindisch wirken. Aber das sind Details, die das große Ganze nicht beeinträchtigen können.

Und es sind natürlich vor allem die beiden Protagonisten, die das Stück tragen und der Choreografie Glanz verleihen: Carolina Agüero als Tatjana und Amilcar Moret Gonzalez als Onegin. Es war ein kleiner Geniestreich der Ballettdirektion, dass sie die frühere Hamburger Erste Solistin gleich als Gasttänzerin engagiert hat, nachdem diese zum Ende der vergangenen Spielzeit beim Hamburg Ballett leider ihren Abschied genommen hat. Ausdrucksstark, bildschön und mit einer makellosen Technik verleiht Carolina Agüero der Tatjana die hilflose Zartheit und verträumte Tiefe des jungen Mädchens, das sich in den Gecken Onegin verliebt, aber auch die Stärke und Würde der reifen Frau, die ihn zurückweist, als er seinen Fehler erkennt. Eine Augenweide!

Amilcar Moret Gonzalez hat man selten so dynamisch und engagiert erlebt wie hier als Onegin, wo er im 2. Akt noch einmal an Intensität zulegt und vor allem in der Schlussszene brilliert, die Yaroslav Ivanenko ganz neu und bewegend gegriffen hat. Bei ihm bleibt nicht Tatjana verzweifelt auf der Bühne zurück, sondern Onegin, der vergebens die Hand ausstreckt, um die Geliebte zu erreichen – sie zieht sich zurück, sie verweigert sich, nachdem sie den Brief mit seinem Liebesgeständnis vor seinen Augen zerrissen hat, sie handelt und behält die Führung, in dem sie ins Dunkel des Bühnenhintergrundes verschwindet. Und wie sie da so ganz langsam verschwebt, wie Onegins Hand sich immer vergeblicher streckt und streckt – das ist großartig in Szene gesetzt.

Leisa Martínez Santana ist eine leichtfüßige, charmante Olga, Christopher Carduck ein jugendlich-überhitzter Lenski.

Musikalisch hat Ivanenko sehr gekonnt sinfonische Werke und Kammermusik von Peter Tschaikowsky zusammengestellt, die vom Philharmonischen Orchester Kiel unter Daniel Carlberg sauber, aber auch ein bisschen brav gespielt werden. Besonders das "Capriccio Italien" im 2. Akt (das wunderbar zu den Ensembles und zur Entwicklung des Geschehens passt) dürfte etwas fließender und spritziger daherkommen.

Angelo Alberto steckt die TänzerInnen in schlichte Kostüme aus weich fließenden Stoffen – auch da wirkt nichts überladen. Schwieriger ist das Bühnenbild von Eva Adler, deren verschiebbare graue Mauern so gar nicht passen wollen zu dem, was die Geschichte erzählt. Da hätte man sich mehr Leichtigkeit gewünscht.

Nichtsdestotrotz: Ein gelungener Abend, der vom Publikum zu Recht heftig bejubelt wurde.

Veröffentlicht am 07.11.2019, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 1682 mal angesehen.



Kommentare zu "Viel gewagt, viel gewonnen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    VIELFALT DES TANZES

    Fotoblog von Ursula Kaufmann
    Veröffentlicht am 22.10.2020, von Gastbeitrag


    EIN BEBENDER KÖRPER RINGT UM FASSUNG

    Musik-Tanz-Video-Projekt in der Herz-Jesu-Kirche Regensburg
    Veröffentlicht am 22.10.2020, von Michael Scheiner


    BALLETTWELT IM UMBRUCH

    Ein pädagogisches Konzept für die Münchner Ballett-Akademie
    Veröffentlicht am 20.10.2020, von Anna Beke



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STEPHAN HERWIG :: IN FELDERN

    Das neue Tanzstück von Stephan Herwig feiert am Donnerstag, 29. Oktober 2020, in München Premiere.

    Das differenzierte Zusammenspiel von Tanz, Raum und Licht prägt Stephan Herwigs Choreografien - für seine neue Arbeit ergänzt und bereichert durch ein Objekt mitten im Bühnenraum.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS 2020 FÜR RAIMUND HOGHE

    Preisverleihung mit internationalen Gästen und erstmals als Livestream

    Veröffentlicht am 18.10.2020, von Anna Beke


    BALLETTWELT IM UMBRUCH

    Ein pädagogisches Konzept für die Münchner Ballett-Akademie

    Veröffentlicht am 20.10.2020, von Anna Beke


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    TANZ DIE EINSAMKEIT!

    Der erste Ballettabend des neuen Direktors Demis Volpi mit zwei Uraufführungen

    Veröffentlicht am 16.10.2020, von Gastbeitrag


    DIE TANZEN JA EINFACH

    Sebastian Webers „Folk Fiction“ erzählt, ohne zu dozieren

    Veröffentlicht am 17.10.2020, von Rico Stehfest



    BEI UNS IM SHOP