KRITIKEN 2019/2020



Kiel

VIEL GEWAGT, VIEL GEWONNEN

Kiels Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko wagt sich an "Eugen Onegin"



Groß sind die Fußstapfen, in die ein Choreograf tritt bei diesem Werk. Das Ballett Kiel zeigt, dass sich der Mut durchaus lohnen kann.


  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Christopher Carduck & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Ensemble Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Christopher Carduck & Ensemble Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck
  • "Eugen Onegin" von Yaroslav Ivanenko; Carolina Agüero & Amilcar Moret Gonzalez Foto © Olaf Struck

Mit einer eigenen Version von Alexander Puschkins Versroman "Eugen Onegin" hat sich Kiels Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko einiges zugetraut. Schließlich hat John Cranko – unvergessen als Chefchoreograf des "Stuttgarter Ballettwunders" in den 1960er Jahren – mit seiner Interpretation Maßstäbe gesetzt, die bis heute unerreicht sind, zumal in der grandiosen Ausstattung von Jürgen Rose. John Neumeier interpretierte das Werk mit "Tatjana" dann noch einmal ganz neu und auf seine Weise, die sehr viel näher an der Romanvorlage bleibt. Jetzt also Yaroslav Ivanenkos Fassung mit der relativ kleinen Kompanie des Ballett Kiel – am 2. November war Premiere.

Das Wagnis hat sich gelohnt – Ivanenko ist hier ein sehr durchdachter Abend gelungen, der sich sehen lassen kann. Seine Bewegungssprache bleibt angenehm schlank und doch ausdrucksstark, da ist nichts überladen oder übertrieben oder gar schwülstig – was bei dieser tragischen Liebesgeschichte ja nur allzu leicht droht. Eindrucksvoll die verschiedenen Pas de Deux und vor allem auch die Arrangements für die Ensembles, bei denen man komplett vergisst, dass die Kompanie nur aus 21 TänzerInnen besteht. Bestechend die blitzsaubere Technik, die Sprungkraft der Männer, die Präzision und Freude, mit der alle auftanzen – da merkt man die souveräne und kompetente Hand der stellvertretenden Ballettdirektorin und früheren Hamburger Primaballerina Heather Jurgensen. Sie selbst hat die Rolle von Tatjanas Mutter übernommen – und immer noch beherrscht sie mit ihrer eleganten Erscheinung die Bühne bei ihrem Auftritt, auch wenn sie gar nicht viel tanzt.

Da schaut man auch gern über einige Längen hinweg oder die sich wiederholenden Bewegungsfolgen im 1. Akt. Auch wäre manches dramaturgisch nicht unbedingt nötig gewesen – z. B. die Szene mit den drei Grazien als Tänzerinnen, die Onegin im Theater sieht und die anschließend allesamt bei ihm im Bett landen; oder der kurze Lebensabriss von Onegins Kindheit und Jugend, die Pantomimen, die ein bisschen antiquiert wirken, die kleinen Hüpfer, mit denen Olgas Auftritte meistens beginnen, und die seltsam kindisch wirken. Aber das sind Details, die das große Ganze nicht beeinträchtigen können.

Und es sind natürlich vor allem die beiden Protagonisten, die das Stück tragen und der Choreografie Glanz verleihen: Carolina Agüero als Tatjana und Amilcar Moret Gonzalez als Onegin. Es war ein kleiner Geniestreich der Ballettdirektion, dass sie die frühere Hamburger Erste Solistin gleich als Gasttänzerin engagiert hat, nachdem diese zum Ende der vergangenen Spielzeit beim Hamburg Ballett leider ihren Abschied genommen hat. Ausdrucksstark, bildschön und mit einer makellosen Technik verleiht Carolina Agüero der Tatjana die hilflose Zartheit und verträumte Tiefe des jungen Mädchens, das sich in den Gecken Onegin verliebt, aber auch die Stärke und Würde der reifen Frau, die ihn zurückweist, als er seinen Fehler erkennt. Eine Augenweide!

Amilcar Moret Gonzalez hat man selten so dynamisch und engagiert erlebt wie hier als Onegin, wo er im 2. Akt noch einmal an Intensität zulegt und vor allem in der Schlussszene brilliert, die Yaroslav Ivanenko ganz neu und bewegend gegriffen hat. Bei ihm bleibt nicht Tatjana verzweifelt auf der Bühne zurück, sondern Onegin, der vergebens die Hand ausstreckt, um die Geliebte zu erreichen – sie zieht sich zurück, sie verweigert sich, nachdem sie den Brief mit seinem Liebesgeständnis vor seinen Augen zerrissen hat, sie handelt und behält die Führung, in dem sie ins Dunkel des Bühnenhintergrundes verschwindet. Und wie sie da so ganz langsam verschwebt, wie Onegins Hand sich immer vergeblicher streckt und streckt – das ist großartig in Szene gesetzt.

Leisa Martínez Santana ist eine leichtfüßige, charmante Olga, Christopher Carduck ein jugendlich-überhitzter Lenski.

Musikalisch hat Ivanenko sehr gekonnt sinfonische Werke und Kammermusik von Peter Tschaikowsky zusammengestellt, die vom Philharmonischen Orchester Kiel unter Daniel Carlberg sauber, aber auch ein bisschen brav gespielt werden. Besonders das "Capriccio Italien" im 2. Akt (das wunderbar zu den Ensembles und zur Entwicklung des Geschehens passt) dürfte etwas fließender und spritziger daherkommen.

Angelo Alberto steckt die TänzerInnen in schlichte Kostüme aus weich fließenden Stoffen – auch da wirkt nichts überladen. Schwieriger ist das Bühnenbild von Eva Adler, deren verschiebbare graue Mauern so gar nicht passen wollen zu dem, was die Geschichte erzählt. Da hätte man sich mehr Leichtigkeit gewünscht.

Nichtsdestotrotz: Ein gelungener Abend, der vom Publikum zu Recht heftig bejubelt wurde.

Veröffentlicht am 07.11.2019, von Annette Bopp in Kritiken 2019/2020

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