HOMEPAGE



Hamburg

VIEL SCHÖNES

Kevin Haigen zum 65. Geburtstag



Günter Pick erinnert sich an Begegnungen mit dem Startänzer Kevin Haigen, der erst kürzlich für seine Arbeit als Pädagoge und Choreograf den Theaterpreis Hamburg - Rolf Mares erhielt.


  • Kevin Haigen mit dem BJB; Öffentliche Probe im Lichthof Theater 2019 Foto © Silvano Ballone

Als ich las, dass Kevin Haigen den Theaterpreis Rolf Mares (siehe hier) in Hamburg erhält, dachte ich, er hätte längst einen Preis verdient. Heute wird er 65, und ich wünsche ihm alles Gute nicht nur für diesen Tag. Er war als Newcomer Tänzer in Stuttgart, zur Zeit des Übergangs von John Cranko zu Glen Tetley, und ich lernte ihn kennen, als er mit Bernd Schindowski, Jungchoreograf am Ulmer Theater, ein Stück erarbeite. Er kam zu mir, um zu erzählen, dass er mit dem Choreografen nicht recht auskam. Wie die Geschichte endete, habe ich vergessen.

Nach dieser Begegnung fuhr ich nach Wien, wo der Ballettdirektor Gerhard Brunner John Neumeier beauftragt hatte, die "Josephslegende" nach Musik von Richard Strauss für die Staatsoper zu choreografieren; in einem Bühnenbild von Ernst Fuchs mit Kevin in der Hauptrolle und Judith Jamison als Potiphars Weib. Dieser Abend war ein Riesenerfolg und für Kevin der Durchbruch zum Startänzer. John hat die Choreografie auch in Hamburg mit einem schlichteren Bühnenbild gezeigt, was ihr ohne gedrehte Barocksäulen gut tat, und diese Inszenierung hielt sich jahrelang in den verschiedensten Staatsopern.

Natürlich habe ich Kevin des Öfteren in Hauptrollen gesehen und er konnte wie Egon Madsen komisch sein, die ZuschauerInnen aber auch in der letzten Reihe zu Tränen rühren. Z.B. war seine Interpretation der "Matthäus Passion", zunächst in der Kirche dann im Opernhaus, im schwarzen Aushang vielleicht noch eindrucksvoller als der Puck im „Sommernachtstraum“.

Nach ein paar Jahren hörte ich, dass Kevin gewechselt hatte: zum NDT zu Jirí Kylián, und ich glaube, es war sein erster Auftritt dort, als Jirí die Oper "L´enfant et les Sortileges" vertanzte, was eine sehr gute Idee war, denn tanzende Sessel sind schon besonders unterhaltend. Leider fiel ihm für Kevin nichts als Asche im Kamin ein, im grauen Ganztrikot vom Scheitel bis zur Fußsohle. Sehr lange hat dieses Engagement nicht gedauert, und er hatte wohl auch etwas Heimweh zur American Ballet School, wo man ihn technisch bestens gerüstet hatte, aber Ballet Theatre war wohl nicht richtig gewesen.

Inzwischen war ich in München beim Staatstheater am Gärtnerplatz damit beschäftigt "Peer Gynt" mit einer Komposition von Walter Haupt vorzubereiten und fragte Kevin, ob das nicht die Rolle für ihn sein würde. Wir wurden uns leicht einig! Allerdings kam ein Angebot aus Monte Carlo dazwischen, wo er als Ballettmeister und Tänzer fest engagiert werden konnte. Natürlich konnte ich ihm das nicht verderben, aber ich musste spät eine andere Lösung finden, was gelang, denn wir konnten das Stück bis zu meinem Abgang im Repertoire halten.

Kevin war noch bei Béjart in Lausanne und in London beim National Ballet, bis er 1991 zum Hamburg Ballett zurück kam und sich zu Neumeiers rechter Hand hocharbeitete, Ballettlehrer an der Schule wurde und schließlich mit viel Erfolg das Bundesjugendballett mitbegründete und nun auch choreografieren konnte, eine Begabung, die wohl immer in ihm geschlummert hatte.

Ein großer Künstler wird heute, am 6. November, 65 Jahre alt, und ich glaube, er wird uns noch viel Schönes anbieten. Das Publikum und Kevin haben es verdient!

Veröffentlicht am 06.11.2019, von Günter Pick in Homepage, Leute

Dieser Artikel wurde 1172 mal angesehen.



Kommentare zu "Viel Schönes"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GEEHRT

    Kevin Haigen erhält Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares 2019

    In der Kategorie herausragende Inszenierung überzeugte sein Tanztheater "Bundesjugendballett trifft Shakespeare".

    Veröffentlicht am 22.10.2019, von Pressetext


    DIE GEWONNENE KOMPETENZ

    Das Bundesjugendballett mit „The Loss of Innocence“ auf Kampnagel

    Der Name war hier eher nicht Programm, denn seine Unschuld verloren hat das Bundesjugendballett nicht erst mit diesem fulminanten Abend. Wohl aber hat es gezeigt, was es in den drei Jahren seiner Existenz und was die jetzigen acht Tänzerinnen und Tänzer seit einem Jahr gewonnen haben.

    Veröffentlicht am 17.06.2014, von Annette Bopp


    EIN GELUNGENER AUFTAKT

    Debut der neuen Generation des Bundesjugendballetts in Hamburg

    Bereits zum fünften Mal hat Kevin Haigen, Künstlerischer und Pädagogischer Leiter des BJB, gemeinsam mit seinem Stellvertreter Yohan Stegli nun ein Programm für die „Aufschwung“-Serie zusammengestellt, wie immer eine Mischung zwischen Klassisch und Modern.

    Veröffentlicht am 20.11.2013, von Annette Bopp


    ERSTE SCHRITTE – FEIN GESETZT

    Die Ballettschule des Hamburg Ballett zeigt ihr Können

    Veröffentlicht am 18.05.2012, von Annette Bopp


    ENDLICH HAT JOHN NEUMEIER EINE JUNIORCOMPAGNIE

    Bundesjugendballett – Brückenbauer zwischen Ausbildung und Beruf

    Veröffentlicht am 18.01.2012, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    UNGEWOLLTE ENDZEITSTIMMUNG

    "Viel leicht" von Jai Gonzales in der Heidelberger Hebelhalle
    Veröffentlicht am 21.03.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel


    THEMATISCHER ÜBERBAU VOR KÜNSTLERISCHER FORM

    Ein Rückblick auf die Tanzplattform 2020
    Veröffentlicht am 09.03.2020, von Peter Sampel


    IM FARBEN- UND BEWEGUNGSRAUSCH

    Olaf Schmidts tänzerische Hommage an Caravaggio
    Veröffentlicht am 09.03.2020, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA-KRISE IN DER TANZPÄDGOGIK

    Tanzpädagog*innen massiv in ihrer Existenz bedroht

    Veröffentlicht am 29.03.2020, von Pressetext


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN

    Eine Stellungnahme von Volkmar Draeger zur Diskussion über Ballettausbildung an der Schule

    Veröffentlicht am 30.03.2020, von Volkmar Draeger


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise

    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    WAGNER MOREIRA ÜBERNIMMT LEITUNG

    Neuer Leiter der Tanzcompagnie der Landesbühnen Sachsen in Radebeul

    Veröffentlicht am 27.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP