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München

MARSCH INS LEERE

„Legacy“ im Rahmen von Spielart 2019 in München



Die ivorische Tänzerin Nadia Beugré macht politische Proteste ihres Heimatlandes aus dem Jahr 1949 zum Ausgangs- und Mittelpunkt ihrer Arbeit „Legacy“, die leider in einer schwachen Dramaturgie verpufft.


  • Spielart_Legacy Foto © Dylan Piaser
  • Spielart_Legacy_3 Foto © Dylan Piaser

Die Elfenbeinküste, 1949: Ausgehend vom Kampf gegen das neue Selbstbewusstsein der EinwohnerInnen des Landes beginnt der Gouverneur Pechoux – unterstützt durch die französischen Siedler – eine Unterdrückungsherrschaft, die in 52 Toten und hunderten Verletzten gipfelt. Im Dezember desselben Jahres protestiert eine Gruppe von Frauen in Grand Bassam – gut 40 Kilometer von der ivorischen Hauptstadt Abidjan entfernt – gegen die Kolonialherrschaft und die damit verbundene Inhaftierung ihrer männlichen Familienmitglieder. Die Proteste sind friedlich und die Anzahl der Teilnehmerinnen, die über eine kilometerlange Strecke marschieren, wächst stetig.

Die ivorische Tänzerin Nadia Beugré macht diese Protestwelle zum Ausgangs- und Mittelpunkt ihres Stückes „Legacy“. Der zugrundeliegende Stoff ist einer, der sehr politisch und immer noch aktuell ist und kraftvoll und emotional hätte werden können. Leider gelingt die Übersetzung des geschichtlichen Ereignisses in einen künstlerischen Kontext in dieser Performance jedoch weder handwerklich noch dramaturgisch.

Zu Beginn, das heißt schon während der Einlassphase, kreiert Beugré noch ein sehr eindrucksvolles Bild. Die 16 Performerinnen (Nadia Beugré und ihre Kollegin Hanna Hedman mit einigen freiwilligen Münchner Darstellerinnen) befinden sich im Pulk in der Mitte der Bühne, während die ZuschauerInnen um sie herum auf Tribünen und auf dem Boden Platz nehmen. In einer Ecke der Bühne liegt ein großer Haufen BHs, in der anderen sitzt die Musikerin Manou Gallo erhöht auf einem Podest. Die Gruppe der Frauen läuft auf der Stelle, in einer Einheit, bedrohlich, mit entschlossenem Blick nach vorne.

Dieses Bild wird nun im ersten Teil der Performance bis in unerträgliche Länge gezogen und verliert dadurch irgendwann an Wirkungskraft. Es dauert fast eine halbe Stunde, in denen einzelne Performerinnen zu rhythmischen Trommelklängen nur ab und zu hochspringen, Kampfschreie ausstoßen, sich gegenseitig ermutigen weiterzulaufen und allmählich ihren Oberkörper vollständig entblößen, bis sich etwas in den Aktionen ändert.

In dieser Phase ist stets offensichtlich, dass mit der durativen Szene die unglaubliche räumliche Distanz der Protestmärsche von 1949 aufgezeigt werden soll und dass die Entblößung der Brüste eine Form der weiblichen Emanzipation und Willensstärke skizziert. Da der Marsch der Performerinnen aber nicht langsam gesteigert wird und sich ihnen z.B. nicht nach und nach weitere Frauen anschließen, sondern stattdessen der Höhepunkt zu Beginn eigentlich schon erreicht ist und sich nur im Erschöpfungsgrad der Darstellenden, aber nichts in der Erzählweise ändert, stagniert der Abend nach nur wenigen Minuten.

Während am Anfang von „Legacy“ noch eindeutig ein Konzept zu erkennen ist, verliert das Stück im weiteren Verlauf vollkommen an Klarheit. Man hat das Gefühl, es möchte so vieles gleichzeitig sein, ohne dass er es dabei schafft, irgendetwas davon zu werden.

Mal robben Beugré und Hedmann in Stoßbewegungen über die Bühne, mal wälzen sie sich vor dem Publikum. Dann beginnt Hedman einen ziel- und aussagelosen Monolog mit unvollständigen Sätzen, infolge dessen sie einen Zuschauer auf die Bühne holt und mit seiner Hilfe gewisse Posen und Bewegungsabläufe vormacht. Was das mit den Protesten von 1949 zu tun hat oder ob es einfach nur das Publikum belustigen soll, bleibt unklar. Auch das Zusammenspiel von Aktion der Performerinnen und Interaktion mit dem Publikum scheint arbiträr und bestenfalls ein Mittel der Abwechselung, nicht aber ein dramaturgisches Erzählprinzip zu sein.

Insgesamt wirkt das ganze Stück trotz der brisanten und spannenden Thematik daher eher willkürlich und uninspiriert. Die Münchner Performerinnen, deren Einsatz während der Marschsequenz noch wirkungsvoll war, werden im Folgenden fast ausschließlich am Bühnenrand stehen gelassen und nicht weiter einbezogen. Auch die Übergänge sind holprig, dass kein schöner Fluss entstehen kann, geschweige denn, dass eine klare Dramaturgie erkennbar würde. Der Abend führt nirgendwo hin und ebbt am Ende klanglos ab.

Ein schönes Bild, das gegen Ende noch generiert wird, ist, als die Performerinnen mit Hilfe des Publikums eine riesige Decke zusammengenähter BHs (die zuvor als Haufen auf der Bühne lagen) an die Decke der Muffathalle hissen und dadurch ein schützendes Dach, einer Hütte der Weiblichkeit entstehen lassen.

Der Abend endet damit, dass die Performerinnen das Publikum einladen, sich in Kleingruppen persönliche Geschichten erzählen zu lassen. Der Abschluss bleibt damit unmarkiert und überlässt das Publikum mit der Freiheit, das Ende selbst zu bestimmen. Dies hat zur Folge, dass sich ein großer Teil davon nicht die Zeit nimmt, sich die Erzählungen der Performerinnen anzuhören. Genau dieses Mittel hätte vielleicht den Abend zu einem früheren Zeitpunkt interessant werden lassen können: indem ausgehend von einem historischen, politischen und gesellschaftlichen Ereignis ein Diskurs über persönliche Erfahrungen von Frauen damals und heute eröffnet würde.

Veröffentlicht am 06.11.2019, von Peter Sampel in Homepage, Kritiken 2019/2020

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Kommentare zu "Marsch ins Leere"



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