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Hamburg

DER HUMOR DER MELANCHOLIE

Mit „Sitzen ist eine gute Idee“ rundet Antje Pfundtner ihre Trilogie über Albrecht Dürers Kupferstich auf höchst gelungene Weise ab



Es ist eine Frage, die uns heute besonders bewegt: „Wofür stehst Du auf?“ Antje Pfundtner beantwortet sie auf ihre Weise: amüsant, nachdenklich, tiefgründig, spöttisch – und höchst gekonnt


  • „Sitzen ist eine gute Idee“ von und mit Antje Pfundtner Foto © Simone Scardovelli
  • „Sitzen ist eine gute Idee“ von und mit Antje Pfundtner Foto © Simone Scardovelli
  • „Sitzen ist eine gute Idee“ von und mit Antje Pfundtner Foto © Simone Scardovelli

Drei Jahre hat die Hamburger Choreografin Antje Pfundtner zusammen mit ihrem Team an einer Trilogie gearbeitet, bei der Albrecht Dürers Kupferstich „Melancholie“ Pate gestanden hat, auf dem ein gefallener Engel sinnend vor sich hin schaut – ohne dass man weiß, was er eigentlich im Blick hat. Wobei Melancholie für Antje Pfundtner keineswegs nur etwas Trauriges hat, sondern eher, wie sie sagt, „ein produktives Innehalten“ darstellt (siehe hierzu auch das Interview mit ihr, tanznetz vom 26.6.2018).

Am Anfang stand 2016 „Ende“, dann kam 2018 „Alles auf Anfang“ dazu und jetzt als Abschluss „Sitzen ist eine gute Idee“ in der Hamburger Kampnagel Fabrik. Sie habe schon früh gewusst, dass dieser letzte Teil ein Solo sein würde, sagt Antje. Denn so ein Solo zeige: Wo stehe ich? Wo bin ich – auch im Bezug zu den anderen? Wie geht es weiter nach mir? Kann der einzelne nur bestehen, weil er sich aus einer Gemeinschaft herausschält? Und tatsächlich gibt „Sitzen ist eine gute Idee“ Antworten auf all diese Fragen. Denn natürlich braucht der Einzelne die Gemeinschaft, nur dann macht auch ein Solo Sinn, wenn es eingebettet ist in die Gemeinschaft.

Wie der Beginn des Abends: Wenn die Zuschauer in die K1 kommen, sitzt da bereits ein Publikum – es sind Antje Pfundtners 35 „Komplizen“, die sie gerne einsetzt und auch schon in „Alles auf Anfang“ bildgewaltig inszeniert hat. Und weil das Publikum ja gerne sitzt beim Zuschauen, traut man sich, eine der freundlich dreinblickenden Personen, die jeweils einen oder zwei Klappstühle festhalten, anzusprechen und zu fragen: „Haben Sie vielleicht einen Stuhl für mich?“ So kommt man miteinander ins Gespräch und landet über kurz oder lang bei der Frage aller Fragen: „Wofür stehen Sie/stehst Du auf?“ Was ja durchaus eine vielschichtige Frage ist. Aufstehen – das tun wir am Morgen, wenn wir (mehr oder weniger) ausgeschlafen sind. Wir tun es auch für eine gebrechliche Person in der U-Bahn oder im Bus. Weil es uns nicht mehr auf dem Sitzen hält bei einem Rock-Konzert. Wir tun es aus Höflichkeit, aus Freude, aus Wut, aus Furcht. Wir tun es auch im übertragenen Sinn – für Gerechtigkeit, gegen den Klimawandel, für die Umwelt, für Ideale. Und so entspinnt sich rasch ein fast schon philosophisch anmutender Dialog, der schon bald von einer dritten Person unterbrochen wird, und teilweise kommt noch eine vierte hinzu – und die Person, die ursprünglich das Publikum repräsentiert hat, verabschiedet sich.

Es ist dieser raffinierte Beginn, der sofort einen fast magischen Sog ausübt, über den Antje Pfundtner ihr Publikum in den Bann schlägt. Sobald ihre Komplizen nach und nach – unmerklich – Platz gemacht haben für die maximal 80 Zuschauer, beginnt sie ein Stühlerücken nach dem Vorbild der „Reise nach Jerusalem“, bis nur noch einer übrig bleibt – für sie.

Gefolgt von einem Bekenntnis, wofür Antje selbst aufsteht: „für Euch, für meine Kinder, für ein gutes Gespräch, schönes Wetter, für Kommunikation...“ und vieles andere mehr. Und so reiht sich Szene an Szene – pfiffig komponiert und arrangiert. Von urkomischer Ernsthaftigkeit, wenn Antje eine schwarze rautenförmige Trennwand durch das lose gemischte Stuhlarrangement schiebt und dabei Geräusche wie eine nervig herumsurrende Fliege von sich gibt. Überraschend, wenn sie zu Regengeräuschen über den Boden robbt und gleitet, um schließlich eine Wasserflasche auszukippen und das Nass vom Boden zu schlürfen. Nostalgisch, wenn sie zu „It’s now or never“ von Elvis Presley eine ferngesteuerte Styroporkugel durch die Reihen verfolgt. Kurios, wenn sie sich eine riesige weiße Puschelperücke über den Kopf stülpt und durch die Reihen tänzelt oder eine Eloge auf der Wort „Quatsch“ zelebriert. Makaber, wenn sie sich zuerst königinnenhaft auf einen roten Klappstuhl platziert, bis das majestätische Lächeln immer mehr zur Fratze wird und sie wie ein wildgewordener Derwisch mit dem Stuhl durch den Raum fegt, während sie die ersten Zeilen von Sinatras „New York, New York“ rezitiert: „Start spreading the news“ und dann – leicht abgeändert vom Original – fortzufahren mit „I’m leaving the chair ...“. Bis sie sich auf offener Bühne umzieht, raus aus dem roten Ganzkörpertrikot und hinein in bequeme Hosen und Oberteil, um erstmal auszuruhen. Zu sitzen. In Stille. Nur die großen Scheinwerfer an der Decke knacken unregelmäßig vor sich hin, und die Lüftung wummert leise dazu.

Kurz darauf setzt sie sich ans Klavier und klimpert eine Komposition über den Duft von Küchenkräutern wie Liebstöckl, versprüht wenig später aromatisiertes Wasser über den Köpfen und fordert das Publikum auf, kollektiv zu weinen: „Mein linker, linker Platz ist frei, ich wünsche mir den ... herbei“, die Namen Verstorbener rufend und schließlich herausschreiend, um immer verzweifelter und wütender auf diesen linken Stuhl einzuhämmern, bis die Musik den Rhythmus aufnimmt und in stampfende Maschinengeräusche übergeht.

Es sind Brüche wie dieser, die diesen Abend immer wieder auszeichnen, wenn aus einem aggressiven Aufbegehren plötzlich eine Poesie aufblüht, wenn Bühnennebel zu „Wolken wie wir“ wird. Bis Antje dann mit den Worten „Niemand weiß, wann ich mich wieder hinsetze“ in ein rotes Gebilde kriecht, aus dessen Öffnung wieder aufzutaucht, mit schwarzem Federschmuck auf den Schultern und fortan hin- und herzuschaukelt in diesem „Stehaufmännchen“. Hin und her. Freundlich lächelnd. Bis das Publikum versteht: Es wird endlos so weitergehen, wenn wir uns nicht erheben. Als die ersten den Saal verlassen, brandet zaghaft Beifall auf, aber es gibt kein wirkliches Ende, niemand verbeugt sich – Antje schaukelt und schaukelt...

Es ist ein geniales Schlussbild, das ihr hier gelungen ist, denn es war der rote Faden in dieser Trilogie, dass es eben kein Ende und keinen Anfang gibt und dass für immer fraglich bleiben wird, worauf der gefallene Engel bei Dürer schaut: Ist es ein Anfang? Ein Ende? Die Unendlichkeit?

Wie auch immer – Antje Pfundtner und ihrer „Gesellschaft“ ist hier ein kleines Kunstwerk gelungen, bei dem sich Tanz und Sprache zu einem stimmigen Ganzen fügen. Weshalb bei dieser Gelegenheit auch mal diejenigen erwähnt seien, die mehr im Hintergrund wirken, aber doch am Gelingen eines solchen Stücks bzw. der gesamten Trilogie maßgeblichen Anteil haben: Anne Kersting für die Dramaturgie, Nikolaus Woernle für die Musik, Irene Pätzug für die Bühne und die performativen Objekte, Juliana Oliveira für die künstlerische Assistenz, Yvonne Marcour für die Kostüme, Michael Lentner für das Licht, Jana Lüthje für die Distribution, Hannah Melder für Produktion und PR.

Bleibt zu wünschen, dass diese Trilogie auch mal „en suite“ gezeigt wird, an mehreren Abenden aufeinander folgend, denn gerade in der Kombination aller drei Werke, die so verschieden sind und doch eine gemeinsame Basis haben, wird deutlich, wie ungemein komplex, durchdacht und durchgearbeitet sie sind. Viel zu schade, um einzeln nur wenige Male gezeigt zu werden und dann in der Versenkung zu verschwinden.

Veröffentlicht am 02.11.2019, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2019/2020

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