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Leipzig

TANZ, COWBOYS, LEBEN UND TOD

Die Verleihung des Sächsischen Tanzpreises im LOFFT Leipzig



Der dritte Sächsische Tanzpreis geht in beiden Kategorien an Produktionen der freien Szene in Leipzig und Dresden.


  • "I Play d(e)ad" von Wagner Moreira Foto © Uwe E. Nimmrichter
  • "I Play d(e)ad" von Wagner Moreira Foto © Uwe E. Nimmrichter
  • Verleihung des Sächsischen Tanzpreises Foto © Tom Dachs
  • Verleihung des Sächsischen Tanzpreises Foto © Tom Dachs
  • Verleihung des Sächsischen Tanzpreises Foto © Tom Dachs

Am Montag wurde im neu eröffneten Leipziger LOFFT in der Baumwollspinnerei im Rahmen einer festlichen Gala der dritte Sächsische Tanzpreis verliehen. Unter der Schirmherrschaft des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst zeichnet dieser auch vom Kunstministerium initiierte und geförderte Preis jeweils zwei Produktionen aus. Der mit 5000 Euro dotierte Sächsische Tanzpreis gehe an eine Arbeit, „die sich durch Innovation, hohe künstlerische Qualität und besondere Ästhetik auszeichnet“, so in der Ankündigung durch das Leipziger LOFFT, dem mit der Organisation und Ausrichtung betrauten Theater.

Zudem wird ebenso alle zwei Jahre der mit 5000 Euro dotierte Ursula-Cain-Förderpreis an eine freie Produktion vergeben, womit die besondere Vielfalt, Energie und Qualität der sächsischen freien Szene hervorgehoben werden sollen. Weil Sachsen ein Tanzland mit langer Tradition und vielversprechender Zukunft sei, betont in diesem Zusammenhang die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange, sei die Förderung des professionellen Tanzes auch ein besonderes Anliegen des Ministeriums: „Der Sächsische Tanzpreis ist ein gutes Instrument, das die Bedürfnisse der Tanzszene berücksichtigt und die aktuellen Strömungen aufgreift. Einen vergleichbaren Tanzpreis findet man in keinem anderen Bundesland.“

„Tanzland Sachsen“, das bedeutet konkret, dass es bei insgesamt 63 Ballett- und Tanzkompanien in Deutschland hier mit den Balletten in Dresden, Leipzig, Chemnitz, an den Theatern Plauen-Zwickau, sowie den Tanzkompanien in Görlitz und an den Landesbühnen Sachsen schon mal fünf davon gebe. Dazu kommt die Dresden Frankfurt Dance Company mit ihren Residenzen in Hellerau. Sowie, auch einmalig in Deutschland, Theater wie die Staatsoperette Dresden und die Musikalische Komödie in Leipzig mit eigenen Ballettkompanien, nicht zu vergessen, ebenfalls eine Besonderheit, das Ballett des Sorbischen Nationalensembles in Bautzen. Die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden ist die einzige deutsche Ausbildungsstätte eines solchen Formates mit Hochschulstatus. Hinzu kommen mit dem Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau, projekttheater, Societaetstheater, Zentralwerk oder demnächst mit der Villa Wigman in Dresden, dem Theater LOFFT, der Schaubühne Lindenfels und dem Westflügel in Leipzig, weithin überregional wahrgenommene Orte des freien Tanzes. Als Produktionshäuser, für Koproduktionen, Gastspiele, Aufführungen und eigens konzipierte Festivalformate des freien Tanzes finden hier derzeit gut 15 aktive Kompanien bei wechselnden Besetzungen und mannigfachen Verbindungen mit anderen Genres der freien Künste ihre Partnerinstitutionen.

Sowohl bei den Balletten und Tanzkompanien der Opernhäuser und Theater, als auch bei denen der freien Szene gibt es bei den künstlerischen Ausrichtungen so gut wie keine nennenswerten Überschneidungen, was zum einen bedeutet, das Tanzland Sachsen ist wahrhaft reich an Facetten dieser Kunst, zum anderen, dass es aber nicht so leicht fallen dürfte sich für die Preisträger des Sächsischen Tanzpreises und des Förderpreises zu entscheiden.

Am Ende hatte die dreiköpfige Jury die Auswahl zu treffen bei acht Nominierungen in der künstlerischen Spannweite, beispielsweise zwischen einer Choreografie des Dresdner Semperoper Balletts und dem Solo eines Tänzers der freien Szene. Die Jury entschied sich jeweils einstimmig. So wurde zunächst der Sächsische Tanzpreis an die Sebastian Weber Dance Company für ihre Produktion „Cowboys“ vergeben, die noch in der alten Spielstätte des LOFFT, am Lindenauer Markt, „als krachende Symbiose aus brillantem Stepptanz und einer kruden, ausgelassenen, wütend inspirierten Körperlichkeit der Tanzbilder“, im Oktober letzten Jahres zur Uraufführung kam. Was mit dem Titel nach einem Western klingt, so Jurymitglied Claudia Feest aus Berlin vom Dachverband Tanz in der Laudatio, sehe zunächst auch ganz danach aus, beinhalte dann aber nahezu alles, „was der Tanz zu bieten hat: Dynamik, intensive Körperlichkeit, hochenergetisch expressive Energie, hochentwickelte Tanztechnik, Assoziationsräume für die Zuschauenden.“ Entscheidend für die Auswahl, so die Laudatorin, sei eben auch dieser hochvirtuose Stepptanz, „in allen nur erdenklich inszenierten Formationen und Variationen mit wunderbar humorvollen theatralischen Einlagen, überaus gekonnt, ja grandios dramaturgisch gebaut und präsentiert.“ Besonders hervorgehoben wurde zudem die gelungene Verbindung von Musik und Tanz. Man sehe und spüre, dass die Tänzerinnen und Tänzer jeden Moment auf die Musiker und deren Spiel hörten, was sich auf die Zuschauenden übertrage und diese ebenfalls zum bewegten Lauschen animiere. „Tolle Tänzerinnen, tolle Tänzer, tolle Musiker und eine mehr als gelungene und zudem unterhaltsam animierende Choreografie, die diesen Preis mehr als verdient hat,“ so das Fazit der Laudatorin Claudia Feest.

Im September 2017 kam das Tanzsolo „I play d(e)ad“ des Dresdner Tänzers Wagner Moreira im projekttheater Dresden zur Uraufführung. Thomas Schütt gibt dem mehrdeutigen Titel über das Spiel Wagner Moreiras aus Anlass seines 40. Geburtstages mit dem eigenen Tod und dem des Vaters, der freiwillig aus dem Leben schied, einen Sinn, der darin bestehe, im Tanzen das Sterben zu lernen, „aber nicht ohne das Leben zu feiern.“ Schütt fährt fort: „Im emotionalen Spagat zwischen dem Tod des Vaters und dem eigenen Sterbenlernenwollen eröffnet Wagner Moreira in seinem Solo ein poetisches Szenarium über Pietät und Demut, Mut, Entschlossenheit und Lebensfreude und streift en passant die großen philosophischen Fragen unseres Lebens. Dabei beweist er angesichts der allgegenwärtigen Rätsel die überwältigende Kraft der Kunst.“ Einstimmig vergab die Jury den Ursula-Cain-Förderpreis an den Dresdner Tänzer Wagner Moreira für sein Solo „I play d(e)ad“. In ihrer Laudatio begründete die Leipziger Choreografin und Regisseurin Irina Pauls als Mitglied der Jury diese Entscheidung mit dem Hinweis auf die existenzielle Kraft dieser Arbeit. Wagner Moreira werfe uns in ein Wechselbad der Gefühle, so Irina Pauls und sie fährt fort: „Wir sind konfrontiert mit der endgültigen Frage: Wie bereiten wir uns am besten auf den Moment des Strebens vor? Eine unglaubliche emotionale Wucht entfaltet sich, wenn im Tanzstück der Versuch durchdekliniert wird, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen.“ Die Laudatorin begründete die Entscheidung der Jury auch damit, dass es sich bei diesem Solo um „Tanztheater im besten Sinne“ handele, in dem eine äußerst gelungene Montage verschiedener Bruchstücke einer biografischen Reise sich tänzerisch zu einem Gesamtkunstwerk fügten, und betont abschließend, dass mit diesem, „hoch spannenden, tiefgreifenden und mutigen Solo-Kunstwerk“, Wagner Moreira einen Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens erreicht habe.

Vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst begrüßte Staatssekretär Uwe Gaul in Vertretung der Ministerin die Gäste der bestens besuchten Gala und überreichte die Preise. Helge-Björn Meyer führte durch das Programm der Tanzpreisgala mit Beiträgen des Leipziger Balletts, des Balletts der Theater Plauen Zwickau und der Dresdner JuWiDance-Company. Bleibt die Hoffnung, dass es einen vierten Sächsischen Tanzpreis geben wird, an neuen Anwärtern dürfte es nicht fehlen.

Veröffentlicht am 22.10.2019, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2019/2020

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