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München

NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen



„Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ als Auseinandersetzung mit dem Phänomen Ballett – so bezeichnet die Choreografin Florentina Holzinger ihre Anfang Oktober im Wiener Tanzquartier uraufgeführte Performance.


  • Florentina Holzingers Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen Foto © Eva Wurdinger
  • Florentina Holzingers Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen Foto © Eva Wurdinger
  • Florentina Holzingers Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen Foto © Eva Wurdinger

„Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ als Auseinandersetzung mit dem Phänomen Ballett – so bezeichnet Florentina Holzinger ihre Anfang Oktober im Wiener Tanzquartier uraufgeführte Performance. Wirkungsvolle Objekte des Sets: zwei zu Beginn noch hinter weißen Laken verborgene, in der Luft schwebende Motorräder. In der Mitte des weißen, an den Ecken mit schwarzen Ornamentkringeln versehenen Bühnenquadrats meditieren Frauen im Kreis.

Der Start zu einem irren, pornografisch-gewaltsam aufgeheizten Hexensabbat, bei dem Klamotten am Leib nur vom – sich ständig in schweißtreibender Disziplin übenden – Körper als bloßes Werkzeug des Spektakels ablenken würden. So viel – zumindest – ist am Ende klar. Viel mehr Hintergründiges zum Mit-nach-Hause-Nehmen bietet die zweieinviertelstündige, pausenlose Show letztlich aber leider nicht. Außer wenn man Teile daraus zum drastischen Epilog auf die szenisch schlanke, gestochen präzise getanzte und völlig unblutrünstige, ästhetisch freilich weitgehend als Leichtgewicht daherkommende „Coppélia“-Produktion des Bayerischen Staatsballetts auf der gegenüberliegenden Seite der Maximilianstraße umfunktionieren würde.

Kurz nach der Wiener Premiere konnte man Holzingers „Tanz“ – so der einsilbig-schlichte Titel der kruden, etwas zu simplen „Abrechnung“ mit einer Hochleistungskunstform in ihrer klassisch-romantischen Ausprägung – nun in der Kammer 2 erleben. Die Ästhetik des akademischen Balletts ins zirzensisch-sensationell bzw. sexuell Lüsterne, Brutale und Derbe zu verkehren, scheint die Wiener Modern-Dance-Tänzerin und in Amsterdam ausgebildete Performance-Choreografin Florentina Holzinger fast schon traumatisch umzutreiben. Zuletzt war sie mit ihrer Balanchine-Autopsie „Apollon“ in den Münchner Kammerspielen zu Gast. Damals das Mittelstück einer jetzt mit „Tanz“ abgeschlossenen Trilogie.

Das Publikum reagierte auf den zunehmend in pure Gewaltfantasien und Blutrausch abgleitenden Eventhammer überaus gefasst. Manche ließen sich sogar in einer eher missglückten, wohl als interaktive Erholungspause dienenden Ansprache der mitspielenden Choreografin – vorgeblich leihweise – zu Geldgaben für die Pflanzung eines Walds für die Ballett-Sylphiden überreden. Andere verließen den Saal vorzeitig. Letztere verpassten dadurch allerdings das schier unfassbare Fakir-Highlight des Abends: Eine der elf nackten Interpretinnen wurde an zwei live durch ihre Schultermuskulatur getriebenen Fleischerhaken für ein Solo in die Luft gezogen.

Zuvor war die laufende Kamera noch ganz nah am Akt des überdimensionalen Piercings dran. Johann Kresnik ließ grüßen. Dass auf diese Weise in einigen Metern Bühnenhöhe ein geisterwildes Willis-Tänzchen vollführt wurde, muss als bahnbrechend verstörend hervorgehoben werden. Dagegen schmierten einschlägige Trash-Passagen mit lebensecht wirkenden Arm- und Bein-Amputaten als leicht durchschaubarer Fake regelrecht ab.

Bei aller Bildintensität fehlt Holzingers Stück eine gesamtdramaturgisch plausible oder/und ironische Brechung. Zwar bildet eine vermeintlich normal ablaufende Ballettklasse den Rahmen. Den Unterricht, wie man lernt, den eigenen Leib zu regieren, erteilt hüllenlos die bald 80-jährige Beatrice Cordua. Jene Ex-Ballerina, die erstmals in John Neumeiers „Le Sacre du Printemps“ nackt auftrat. Jetzt gebiert sie im Kreis ihrer Elevinnen erst einen Haufen Würste, später mit Hilfe einer Hebamme im Wolfspelz unter viel Kunstblut eine Ratte. Beim Training an der Stange, das den Abend und damit die folgende Walpurgisnacht-Orgie ganz seriös eröffnet, überträgt sie ihre Motivation überaus professionell-einfühlsam per Mikroport.

Der erste Besen – geräuschvoll in der Fantasie zum Moped aufgeblasen – ließ nicht lange auf sich warten. Krach-Bum – schon hat die popmusikvernarrte Zuspätkommerin Unfallblut am Schädel. Die Szenerie kippt in eine erotisch-schrille Hysterie. In deren besten Momenten kann man immerhin die in die Hardcore-Aktualität verlegte Gruseligkeit und den Wahn romantischer Geisterbräute oder verzauberter Mädchen erahnen, wie man sie gemeinhin aus Ballettklassikern wie „La Sylphide“, „Giselle“ oder „Schwanensee“ in märchenhaft-hübscher Verklärung graziler, schwereloser Tänzerinnen kennt. Akrobatik, etwas Magie und Unmengen Horror – der Mix ist eigentlich gut. In Wien soll er eingeschlagen haben. Hier aber – bei aller Darstellungsbravour – war Holzingers „Tanz“ eindeutig nicht umwerfend genug.

Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2019/2020

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