HOMEPAGE



Essen

DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes



Gert Weigelt wurde im Rahmen einer Gala in Essen als erster Fotograf mit dem Deutschen Tanzpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Anerkennung für ihre innovative, gesellschaftskritische Arbeit verdienen sich die "Körperforscherin" Isabelle Schad und Jo Parkes, Tanzkünstlerin für partizipative Tanzprojekte.


  • Tanzpreis 2019 an Gert Weigelt Foto © Ursula Kaufmann
  • Tanzpreis 2019: Ehrung für Isabelle Schad Foto © Ursula Kaufmann
  • Tanzpreis 2019: Ehrung durch Martin Puttke für Jo Parkes Foto © Ursula Kaufmann
  • Bayerisches Junior Ballett München mit Xin Peng Wangs "Im Wald" Foto © Ursula Kaufmann
  • Martin Schläpfers Solo "Ramifications" für Marlúcia do Amaral Foto © Ursula Kaufmann
  • Das Gruppenstück "Collective Jumps" von Isabelle Schad und Laurent Goldring Foto © Ursula Kaufmann
  • Staatsballett Berlin mit George Balanchines "Rubies" . Tanz: Evelina Godunova und Daniil Simkin Foto © Ursula Kaufmann
  • Staatsballett Berlin mit "Half Life" von Sharon Eyal Foto © Ursula Kaufmann
  • Staatsballett Berlin mit "Half Life" von Sharon Eyal Foto © Ursula Kaufmann

Gert Weigelts Fotografien seien "nicht allein Dokumente des Tanzes ... Sie sind eine Feier des Tanzes" heißt es in der Begründung zur Verleihung des Deutschen Tanzpreises 2019 an den Rheinländer. Martin Puttke überreichte ihm am Samstag, den 19. Oktober im Rahmen der traditionellen Gala im Essener Aalto-Theater die Urkunde. In seiner Laudatio analysierte Thomas Thorausch, stellvertretender Leiter des Deutschen Tanzarchivs Köln, dass unser Blick auf die Fotografie von Tanz sich mit zunehmender Dauer "in ein sehnsuchtsvolles Schauen in fiktionale Weiten" verwandele, "als könne (er) ... über jegliche Flüchtigkeit der Tanzkunst und die Flüchtigkeit unserer Wahrnehmung triumphieren".

"Für herausragende künstlerische Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz" ehrte der erstmals federführende "Deutsche Dachverband Tanz" außerdem die in Berlin tätige "Körperforscherin" Isabelle Schad und die international mit ihrem Projekt "Mobile Dance" arbeitende Tanz- und Videokünstlerin Jo Parkes. Das Werk der beiden innovativen Bewegungskünstlerinnen würdigte bereits am Vortag ein Tanzabend auf PACT-Zollverein.

Videoinstallationen von Parkes auf Monitoren und per Kopfhörer in den Foyers des Aalto-Theaters verwirrten leider vor allem wegen technischer Pannen, zeigten aber deutlich genug ihr Anliegen, die Sehnsucht einfacher Menschen nach tänzerischen Posen als Freiraum vom Alltag zu verstehen. Die Auszeichnung sei insbesondere verdient, wie die Laudatorin Clare Connor vom Londoner Haus für Tanzentwicklung "The Place" betonte, für Parkes' Tanz-Workshops mit Mobile Dance, einer Berliner Initiative für Flüchtlinge in Berlin als Hilfe bei der Bewältigung ihrer Traumata.

Isabelle Schads "Collective Jumps" mit Laurent Goldring zielt in dieselbe Richtung und unterstreicht damit, wie richtig und wichtig die Gemeinschaftsbildung in Tanzproduktionen ist: der Ausschnitt aus der Choreografie fordert mit verfremdetem Folkloretanz deutlich zu Annäherung an andere auf.

Gert Weigelt - Realist und Künstler

Gert Weigelt entwickelte sich schon als Schüler zum ebenso nüchtern experimentierenden wie passionierten Kunstturner und Fotografen. An die 25 Fotoausstellungen hat er aus Abertausenden eigener Bilder thematisch sorgfältig gruppiert und als ausstellungsreife Komponenten zusammengestellt. Die Verbindung zur Bühne hielt er nach Ende seiner Tanzkarriere als Produktionsfotograf. Für seine künstlerische Sicht bat er Tänzerinnen und Tänzer in sein Studio für exklusive Detail-Aufnahmen. Natürlich fokussierte sein Blick stets auf große Talente in Choreografie und Tanz, geschult und geschärft an den eigenen Erfahrungen als Tänzer in europäischen Metropolen (ausführliches Porträt im Spielzeitheft 2018 von tanznetz.de).

Kein Wunder also, dass das Publikum der Gala beim Betreten des Zuschauerraums eine große Leinwand auf dem Vorhang begrüßte, auf der rotierend Porträtfotos von einem Dutzend prominenter ChoreografInnen und jeweils ein Produktionsfoto von Weigelt dazu gezeigt wurden. Diese Leinwand nutzte Weigelt später nach seiner Dankesrede für die Auszeichnung, um eine Kurz-Hommage an seine am meisten bewunderte Choreografin zu zeigen. "Pinatz" widmete er Ende der 1990er Jahre Pina Bausch. Darin skizziert er sie und ihre Arbeit in aller Kürze mit genial unterhaltsamem Humor und Raffinement.

Im Tanzprogramm boten sechs Tänzer vom Bayerischen Junior Ballett München Xin Peng Wangs abstrakte Studie "Im Wald". Auf Isabelle Schads Gruppenstück "Collective Jumps" folgten Martin Schläpfers Solo "Ramifications" für Marlúcia do Amaral, Hans van Manens von Igone de Jongh und Jozef Varga hinreißend getanzte "Trois Gnossiennes". Lutz Försters Gebärdensprachen-Solo "The Man I Love" aus Pina Bauschs "Nelken" tanzte der charismatische Bausch-Tänzer der ersten Stunde als persönliche Gratulation an Weigelt. Das Staatsballett Berlin beeindruckte mit zwei gegensätzlichen, hochvirtuosen Gruppen-Choreografien, George Balanchines "Rubies" aus dem Ballett "Jewels" und den enervierend sportiven Marathon "Half Life" von Sharon Eyal und Gai Behar auf die motorische Klangkulisse von Ori Lichtik, bei dem Tanzensemble und Publikum am Ende der 4-Stunden-Gala darum ringen: wer hält länger durch? Die Kenner im Parkett spendeten schließlich den Könnern auf der Bühne minutenlange, laute Ovationen.

Diese Preisverleihung versuchte den Spagat von neoklassischem Tanz im Galaformat und zeitgenössisch-experimentellen Formen der sogenannten Freien Szene mit ihren soziokulturellen und gesellschaftskritischen Ansätzen. Ohne eine erklärende und verbindende Moderation dieser beiden Pole, funktioniert die einst vorbildlich reibungslose Dramaturgie und Organisation der Gala nicht mehr. Soll die Signalwirkung des Deutschen Tanzpreises als Gala-Event erhalten bleiben, muss man über den Ort der Verleihung und das Format noch einmal gründlich nachdenken.

Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2019/2020, Leute

Dieser Artikel wurde 1373 mal angesehen.



Kommentare zu "Deutscher Tanzpreis für Gert Weigelt "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    VERLEIHUNG DES DEUTSCHEN TANZPREISES

    Große Gala im Essener Aalto Theater

    Der Deutsche Tanzpreis 2018 ging in einer festlichen und abwechslungsreichen Gala an Nele Hertling. Ehrungen erhielten auch Meg Stuart und ihre Kompanie Damaged Goods sowie das Ballett des Staatstheaters Nürnberg.

    Veröffentlicht am 23.09.2018, von Anja K. Arend


    NEUE PERSPEKTIVEN FÜR DEN DEUTSCHEN TANZPREIS

    Die Stadt Essen und der Dachverband Tanz Deutschland haben vereinbart, den Deutschen Tanzpreis gemeinsam auf eine zukunftsfähige Basis stellen.

    Internationalität und Vielfalt des gegenwärtigen Tanzschaffens stehen zukünftig im Fokus.

    Veröffentlicht am 14.12.2016, von Pressetext


    EINE RICHTIG FRÖHLICHE GALA

    Deutscher Tanzpreis an Peter Breuer, Elisa Badenes und Ricardo Fernando

    Vergeben wurden die drei Deutschen Tanzpreise diesmal an Peter Breuer für sein Lebenswerk als Tänzer und Choreograf, an Stuttgarts 1. Solistin Elisa Badenes für ihre in der Tat phänomenale Technik, Ausstrahlung und Vielseitigkeit und für Hagens Ballettchef Ricardo Fernando als nimmermüden Streiter für den Erhalt der Sparte Tanz auch an kleineren Theatern.

    Veröffentlicht am 30.03.2015, von Marieluise Jeitschko


    DEUTSCHER TANZPREIS 2015

    Peter Breuer wird mit dem Hauptpreis gewürdigt

    Im März 2015 wird wiederum der Deutsche Tanzpreis durch den Förderverein Tanzkunst Deutschland e.V. vergeben. Seit 1983 findet diese Auszeichnung an herausragende Künstler jährlich statt.

    Veröffentlicht am 06.11.2014, von Pressetext


    DER DEUTSCHE TANZPREIS 2014 GEHT AN BERTRAM MÜLLER

    Den Tanzpreis "Zukunft" erhält Demis Volpi, den "Anerkennungspreis" bekommt Nina Hümpel

    Der Deutsche Tanzpreis 2014 geht an den Intendanten des Tanzhaus NRW Düsseldorf, Bertram Müller. Der undotierte Preis, der am 08. März 2014 im Aalto-Theater Essen feierlich verliehen wird, würdigt Müllers Lebenswerk, das Tanzhaus NRW.

    Veröffentlicht am 11.12.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DEUTSCHER TANZPREIS 2013

    Die Preisträger stehen fest!

    Veröffentlicht am 20.11.2012, von Pressetext


    DEUTSCHER TANZPREIS AN EGON MADSEN

    Tanzpreis Zukunft an Eric Gauthier und Daniel Camargo

    Veröffentlicht am 24.11.2010, von Pressetext


    GEORGETTE TSINGUIRIDES ERHÄLT DEN DEUTSCHEN TANZPREIS

    Weitere Preise an Iana Salenko, Christine Eckerle und Susanne Menck

    Veröffentlicht am 28.02.2010, von Angela Reinhardt


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    ZUHÖREN #4 - CLIMATE CHANGE & DEMOCRACY

    From complexity to action - Sasha Waltz & Guests
    Veröffentlicht am 19.11.2019, von Pressetext


    DER EINDRINGLING – EINE AUTOPSIE

    Gastspiel von Helena Waldmann in der Tafelhalle
    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext


    RED.FOREST

    Premiere des Ensembles PLAN MEE in Nürnberg
    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DER EINDRINGLING – EINE AUTOPSIE

    Gastspiel von Helena Waldmann in der Tafelhalle

    Die Berliner Tanzregisseurin Helena Waldmann hat sich international mit ihren politischen Arbeiten einen Namen gemacht. Nun kommt sie mit ihrem neuen Stück „Der Eindringling – eine Autopsie“ in die Tafelhalle.

    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DIE SCHERE DER WAHRNEHMUNG

    Die Dresdner go plastic company lädt zu einer kuriosen Performance auf eine Kegelbahn

    Veröffentlicht am 25.10.2019, von Rico Stehfest



    BEI UNS IM SHOP