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Leipzig

AUF SAND GETANZT

Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT



In ihrer neuen Produktion „Touch“ umkreist die Sebastian Weber Dance Company die Schönheit, Schwierigkeit und Wirkkraft dessen, was Berührung ist.


  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs

Von Steffen Georgi

Berührt werden: „Touch“ heißt das neue Stück der Sebastian Weber Dance Company. Ein kurzes Stück, von knapp 40 Minuten. Und eins, das auch sonst aufs Wesentliche reduziert ist: Eine Frau (die Tänzerin Helen Duffy), ein Mann (der Tänzer Nikolay Kemeny) – und eine Inszenierung (Choreografie: Sebastian Weber) die zeigt, was das ist, wie das funktioniert – oder auch nicht: Berühren und berührt werden. Die Premiere gab es im Lofft auf der Leipziger Baumwollspinnerei.

Es ist natürlich alles andere als einfach, als selbstverständlich. Gerade heute, gerade im Theater, gerade im Tanz. Da können auf der Bühne die Körper sich noch so sehr über- und aufeinander werfen, sich aneinanderpressen und umschlingen – die eigentliche Berührung, also jene, um die es in der Kunst immer geht, jene unsichtbare, die ins Hirn und vor allem Herz des Betrachters greift, garantiert das mitnichten.
„Touch“ beginnt am Boden. In einem sandigen Bühnenrund, in dem Duffy und Kemeny wie verwachsen, wie in einem Urzustand des Eins-Seins liegen. Zwei Körper als ein Körperklumpen, der sich freilich bald belebt und bewegt. Ein in latenter Berührung verbundener Organismus, der sich konturiert und auseinander dividiert, ohne dabei (vorerst) einander loszulassen.

Weil man es nicht will? Nicht kann? Dieser Beginn ist hypnotisch. Und er ist es, weil Weber hier mit Duffy/Kemeny eine Abfolge von Figurationen geschaffen hat, die in ihrer still fließenden Anmutung ganz selbstverständlich - wenn man so will: ganz organisch - auseinander hervor- und ineinander übergehen. Und in denen zugleich die Konzentration, die Arbeit an und der Wille zu diesem Berührt-bleiben-Zustand als Spannungselement wirkt.

Dabei ist es nicht ganz nebensächlich, dass in „Touch“ mit Duffy/Kemeny ja zwei versierte Steptänzer etwas tun, was eigentlich gegen ihre Natur ist. Sprich: Gegen die „Natur“ des Steptanzes, dessen Darbietungen traditionell Körperkontakt ausschließen. Vom Agieren im Liegen, das das Metier ja geradezu ad absurdum führt, nicht zu reden.

Zugleich aber fällt das wiederum aus einem simplen Grund kaum ins Gewicht: weil Duffy und Kemeny sich schlicht und einfach so bewegen, wie sie sich bewegen. Das heißt präsent in der Erscheinung, dabei sehr individuell im Ausdruck, immer mit perfekt dosierter Kraft, lässig aufeinander eingespielt. Und nebenher: sympathisch einnehmend außerdem.

Bemerkenswerter Weise wirken Beide somit dann selbst in jenen Parts beeindruckend autonom, wo die Choreografie das nicht mehr ist; wo sie trotz ihrer dezidierten Suche nach dem eigenen Bewegungsvokabular wieder bei diesem und jenem konventionell Gebräuchlichen landet. Was genau ab dem Moment geschieht, wenn die beiden Körper sich irgendwann separieren und – als hätte zumindest der Choreograf irgendwie darauf gewartet – im Solistischen agierend dem Steptanz frönen.

Der nun aber wird, wie „Touch“ ja insgesamt, barfüßig und zudem auf mit Sand bestreutem Boden absolviert. Und allein der Sound für den das sorgt, hat was für sich. Erklingt Step so doch eben nicht klassisch im nervös tackenden Stakkato, sondern wie das relaxte Wischen und Tänzeln eines Jazzbesens über die Snare-Drum. Erklingt nicht als expressiver Monolog, sondern wie ein kontemplatives Zwiegespräch, das hier noch von einer klug sparsam eingespielten Jazztrio-Musik perfekt untermalt wird.

Was sich, ist man nur aufmerksam genug, dabei offenbart, ist ein recht eigenes, wenn nicht neues, ein so noch nicht gehörtes tänzerisches Klangidiom. Die Momente jedoch, in denen „Touch“ dann wiederum im oben erwähnten Sinne auch über die Bühne hinaus berührt, liegen anderswo. Es sind jene Momente, in denen Duffy und Kemeny im stillen Raum und einander eng umfangend, in ihren Bewegungen plötzlich innehalten. Wie in einem „Verweile doch, du bist so schön“- Sehnsuchtsaugenblick, der seine Erfüllung findet in diesem Sekunden-Stillstand, in dem auch die Zeit selbst kurz stillzustehen scheint. Ein starkes Bild für die Wirkkraft dessen, was Berührung vermag.

Veröffentlicht am 06.10.2019, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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