KRITIKEN 2019/2020



Leipzig

AUF SAND GETANZT

Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT



In ihrer neuen Produktion „Touch“ umkreist die Sebastian Weber Dance Company die Schönheit, Schwierigkeit und Wirkkraft dessen, was Berührung ist.


  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs
  • Sebastian Weber Dance Company im Leipziger LOFFT Foto © Tom Dachs

Von Steffen Georgi

Berührt werden: „Touch“ heißt das neue Stück der Sebastian Weber Dance Company. Ein kurzes Stück, von knapp 40 Minuten. Und eins, das auch sonst aufs Wesentliche reduziert ist: Eine Frau (die Tänzerin Helen Duffy), ein Mann (der Tänzer Nikolay Kemeny) – und eine Inszenierung (Choreografie: Sebastian Weber) die zeigt, was das ist, wie das funktioniert – oder auch nicht: Berühren und berührt werden. Die Premiere gab es im Lofft auf der Leipziger Baumwollspinnerei.

Es ist natürlich alles andere als einfach, als selbstverständlich. Gerade heute, gerade im Theater, gerade im Tanz. Da können auf der Bühne die Körper sich noch so sehr über- und aufeinander werfen, sich aneinanderpressen und umschlingen – die eigentliche Berührung, also jene, um die es in der Kunst immer geht, jene unsichtbare, die ins Hirn und vor allem Herz des Betrachters greift, garantiert das mitnichten.
„Touch“ beginnt am Boden. In einem sandigen Bühnenrund, in dem Duffy und Kemeny wie verwachsen, wie in einem Urzustand des Eins-Seins liegen. Zwei Körper als ein Körperklumpen, der sich freilich bald belebt und bewegt. Ein in latenter Berührung verbundener Organismus, der sich konturiert und auseinander dividiert, ohne dabei (vorerst) einander loszulassen.

Weil man es nicht will? Nicht kann? Dieser Beginn ist hypnotisch. Und er ist es, weil Weber hier mit Duffy/Kemeny eine Abfolge von Figurationen geschaffen hat, die in ihrer still fließenden Anmutung ganz selbstverständlich - wenn man so will: ganz organisch - auseinander hervor- und ineinander übergehen. Und in denen zugleich die Konzentration, die Arbeit an und der Wille zu diesem Berührt-bleiben-Zustand als Spannungselement wirkt.

Dabei ist es nicht ganz nebensächlich, dass in „Touch“ mit Duffy/Kemeny ja zwei versierte Steptänzer etwas tun, was eigentlich gegen ihre Natur ist. Sprich: Gegen die „Natur“ des Steptanzes, dessen Darbietungen traditionell Körperkontakt ausschließen. Vom Agieren im Liegen, das das Metier ja geradezu ad absurdum führt, nicht zu reden.

Zugleich aber fällt das wiederum aus einem simplen Grund kaum ins Gewicht: weil Duffy und Kemeny sich schlicht und einfach so bewegen, wie sie sich bewegen. Das heißt präsent in der Erscheinung, dabei sehr individuell im Ausdruck, immer mit perfekt dosierter Kraft, lässig aufeinander eingespielt. Und nebenher: sympathisch einnehmend außerdem.

Bemerkenswerter Weise wirken Beide somit dann selbst in jenen Parts beeindruckend autonom, wo die Choreografie das nicht mehr ist; wo sie trotz ihrer dezidierten Suche nach dem eigenen Bewegungsvokabular wieder bei diesem und jenem konventionell Gebräuchlichen landet. Was genau ab dem Moment geschieht, wenn die beiden Körper sich irgendwann separieren und – als hätte zumindest der Choreograf irgendwie darauf gewartet – im Solistischen agierend dem Steptanz frönen.

Der nun aber wird, wie „Touch“ ja insgesamt, barfüßig und zudem auf mit Sand bestreutem Boden absolviert. Und allein der Sound für den das sorgt, hat was für sich. Erklingt Step so doch eben nicht klassisch im nervös tackenden Stakkato, sondern wie das relaxte Wischen und Tänzeln eines Jazzbesens über die Snare-Drum. Erklingt nicht als expressiver Monolog, sondern wie ein kontemplatives Zwiegespräch, das hier noch von einer klug sparsam eingespielten Jazztrio-Musik perfekt untermalt wird.

Was sich, ist man nur aufmerksam genug, dabei offenbart, ist ein recht eigenes, wenn nicht neues, ein so noch nicht gehörtes tänzerisches Klangidiom. Die Momente jedoch, in denen „Touch“ dann wiederum im oben erwähnten Sinne auch über die Bühne hinaus berührt, liegen anderswo. Es sind jene Momente, in denen Duffy und Kemeny im stillen Raum und einander eng umfangend, in ihren Bewegungen plötzlich innehalten. Wie in einem „Verweile doch, du bist so schön“- Sehnsuchtsaugenblick, der seine Erfüllung findet in diesem Sekunden-Stillstand, in dem auch die Zeit selbst kurz stillzustehen scheint. Ein starkes Bild für die Wirkkraft dessen, was Berührung vermag.

Veröffentlicht am 06.10.2019, von Gastbeitrag in Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 2401 mal angesehen.



Kommentare zu "Auf Sand getanzt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DIE TANZEN JA EINFACH

    Sebastian Webers „Folk Fiction“ erzählt, ohne zu dozieren

    Die Performance der Leipziger Sebastian Weber Dance Company widmet sich kollektiven Identitäten und entstand bereits vor Corona. Ohne Verkopftheit gelingt den sieben Tänzer*innen eine entspannte Arbeit zwischen Individuum und Gruppe.

    Veröffentlicht am 17.10.2020, von Rico Stehfest


    WESTERNHELDEN UND STEPP-ROMANTIK

    "Cowboys" mit der Sebastian Weber Dance Company am LOFFT in Leipzig

    Wie die Cowgirls und die Cowboys aufdrehen, überdrehen und am Ende steppend einsam abdrehen.

    Veröffentlicht am 17.10.2018, von Boris Michael Gruhl


    DA STEPPT DER WEBER UND DER CHRISTL SINGT

    Die lange „Legende von Syd O’Noo“ am Leipziger LOFFT

    In einer Koproduktion des Leipziger LOFFT mit dem Kölner Festival tanz.tausch geht man der so gut wie vergessenen Kunst des Stepptanzes nach. Ein Grund für den Tanzfonds Erbe diese fiktive Recherche zu fördern.

    Veröffentlicht am 21.11.2015, von Boris Michael Gruhl


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden
    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


    DIE ENTHÜLLUNG DES SELBST

    „Personne“ von Isabelle Schad und Laurent Goldring in der Tanzhalle Wiesenburg
    Veröffentlicht am 19.09.2021, von Gastbeitrag


    WOHNZIMMERDISKO

    „All in One“ lässt im Societaetstheater Dresden die Wände wackeln
    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Rico Stehfest



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ECTOPIA

    Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor

    Seit 2015 bringt das Tanztheater neben Stücken aus dem Repertoire von Pina Bausch auch Kreationen verschiedener Gastchoreograph*innen auf die Bühne.

    Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    ALFONSO PALENCIA WIRD BALLETTDIREKTOR IN BREMERHAVEN

    Ab der Spielzeit 2022/2023 tritt der Spanier Alfonso Palencia die Nachfolge von Sergei Vanaev an.

    Veröffentlicht am 14.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    VORWÜRFE GEGEN TANZDIREKTORIN

    Eine Compliance-Kommission prüft Vorwürfe von Tänzer*innen gegen Mei Hong Lin am Landestheater Linz.

    Veröffentlicht am 17.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

    Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden

    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP