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Dresden

SLAY THE RUNWAY!

„Rated X Ball“: Sachsens erster Voguing-Contest im Deutschen Hygienemuseum



Dresden ist ein Dorf. Es ist piefig und hat nichts zu bieten außer Pegida und sandsteinernen Barock. Und alle wählen AfD. Wie kommt es dann, dass fast 400 Besucher beim ersten Voguing-Ball Sachsens völlig aus dem Häuschen geraten sind?


  • „Rated X Ball“: Sachsens ersten Voguing-Contest im Deutschen Hygienemuseum Foto © Koonè / Denis Kuhnert
  • „Rated X Ball“: Sachsens ersten Voguing-Contest im Deutschen Hygienemuseum Foto © Koonè / Denis Kuhnert
  • „Rated X Ball“: Sachsens ersten Voguing-Contest im Deutschen Hygienemuseum Foto © Koonè / Denis Kuhnert

Voguing ist nicht nur ein Tanzstil. Voguing ist ein Statement. Zelebriert wird es zwar nach wie vor als augenscheinlicher Wettbewerb, aber wie das eben so ist, mit den subkulturellen Einflüssen: Sie öffnen Türen, wachsen und erreichen immer mehr Menschen. Von Subkultur kann im Zusammenhang mit Voguing schon lange nicht mehr gesprochen werden. Diese Form des Selbstausdrucks, der exaltierten Lebensbejahung, hat sich in den letzten Jahren zu „dem heißen Scheiß“ schlechthin gemausert.

Natürlich kommt auch dieser Trend, wie so viele, aus den USA, konkret aus der schwulen Ballroom-Szene New Yorks. Wann dieser Stil entstanden ist, ist fraglich. Die dazu wichtigste Dokumentation („Paris is Burning“) ist aus dem Jahr 1990; manche sagen, Voguing hätte seine Anfänge in den 80ern, andere sehen sie bereits in den 70ern.

Warum Voguing gerade wieder en vogue ist, hat weniger mit dem Tanzstil an sich als vielmehr mit seiner Aussage dahinter zu tun. Der von einem unbedingt grölenden Publikum begleitete „Wettbewerb“, der auf einem Runway ausgetragen wird, bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Kategorien, wie „Fetish“ oder „Butch Queen“, aber auch „Super Hero“ und ist nichts anderes als ein Zelebrieren von Freiheit, der Freiheit des Geschlechts, der Freiheit der Vielfalt und der Befreiung von Rollenzuschreibungen. Das bedeutet in jedem Fall 'gender bending' bis hin zum 'gender fucking'. Dementsprechend waren die Toiletten des Hygienemuseums in Dresden für diese Veranstaltung nicht nach Geschlechtern getrennt.

Es kommt auch nicht von ungefähr, dass das House of Saint Laurent (Berlin) seinen Weg ausgerechnet ins Hygienemuseum gefunden hat. Die Einrichtung steht für den Menschen im weitesten und besten Sinn und will einen Ort für die Vielfalt der Gesellschaft bieten. Überhaupt nach Dresden gekommen ist das Event auch dank guter Verbindungen der TENZA Schmiede Dresden, einem Zentrum für Tanz und Bewegung, und deren Leiterin Susan Schubert, die selbst auch schon Workshops in Voguing angeboten hat. Wirft man einen weiteren Blick auf die involvierten AkteurInnen, wird das Konzept schnell sichtbar: Mit im Boot war der Tolerave e.V., dessen Name wohl selbsterklärend ist. Dazu kommen die Aidshilfe Dresden und die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz aus Berlin. Letztere ist eine weltweit vertretene Gruppe queerer AktivistInnen, die in ironisch gebrochenem Nonnenhabit als gemeinnützige Organisation sexuelle Aufklärungsarbeit leistet und Spenden für unterschiedliche Projekte im LGBT-Bereich sammelt. Diese Komponente ist nicht in jedem Fall Teil eines Voguing-Balls, passt aber natürlich perfekt in den soziokulturellen Rahmen. Da heißt es „Tens across the Board!“.

Wie in jeder Ausprägung von Subkultur gibt es auch im Voguing Codes, die man kennen sollte. Ein Death Drop, eine Geste, in der sich eine Tänzerin oder ein Tänzer so zu Boden fallen lässt, dass es wirkt, als wäre ein Bein hoffnungslos verrenkt, ist nur einer dieser vielfältigen Punkte. Hier vermischt sich Voguing mit der Drag-Kultur, der, vereinfacht gesagt, Welt der männlichen Comedians in Frauenkleidern. Wobei diese Reduktion auch Drag schon lange nicht mehr definiert.

Susan Schubert war zu Beginn des Abend noch relativ unentspannt, zu unsicher war die Zuversicht, dass der Abend überhaupt Zuspruch erfahren und sich ausreichend Interessierte am Rand des Runways einfinden würden. Aber sehr schnell wurde deutlich, dass auch in Dresden ein Interesse an aktuellen Entwicklungen in Richtung body positivity, queerness und ungezügeltem Ausdruck des individuellen Ichs besteht. Das Publikum war auch hinsichtlich des Alters recht gemischt. Dass sich darunter ein sehr hoher Anteil an Lesben und Schwulen befunden hat, liegt auf der Hand.

Am Ende der schweißtreibenden Veranstaltung war das Publikum das, was man neudeutsch „geflasht“ nennt. Deshalb war es kaum möglich, ein paar Worte mit der MC des Abends, Georgina „Mother“ Leo Melody, Gründerin des House of Saint Laurent, zu wechseln. Immer wieder platzten Besucher ins Gespräch: „Thank you for bringing this event to Dresden!“ Und beim Verlassen des Hygienemuseums glitzerte der ganze Vorplatz.

Veröffentlicht am 29.09.2019, von Rico Stehfest in Homepage, Kritiken 2019/2020

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