KRITIKEN 2018/2019



Hamburg

OPULENZ UND MAGIE

Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett



Eine ausgefeilte Choreographie, ein geniales Bühnenbild und prachtvolle Kostüme sind zusammen mit der Musik Mendelssohn-Bartholdys und György Ligetis das Erfolgsgeheimnis dieses Stücks.


  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Hélène Bouchet Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Edvin Revazov, Hélène Bouchet Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Madoka Sugai, Mathias Oberlin Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Charlotte Larzelere, Alessandro Frola Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Alina Cojocaru Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Aleix Martinez, Borja Bermudez, Leeroy Boone, Lizhong Wang, Mária Huguet, Marc Jubete Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Marc Jubete, Borja Bermudez Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Sasha Trusch Foto © Kiran West
  • Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett: Alina Cojocaru, Christopher Evans Foto © Kiran West

Drei Jahre nach der letzten Aufführungsserie hat das Hamburg Ballett John Neumeiers Erfolgsstück „Ein Sommernachtstraum“ nach der Komödie von William Shakespeare wiederaufgenommen. Die Uraufführung war am 10. Juli 1977 – und die diesjährige Premiere die 298. Vorstellung seither. Schon daraus wird deutlich, wie beliebt dieses Werk beim Publikum ist – und auch jetzt zeigt die nahezu ausverkaufte Oper, dass sich die HamburgerInnen immer noch nicht sattgesehen haben an diesem genial inszenierten, zeitlosen Werk.

Shakespeares Komödie ist voller Kontraste, und diese Gegensätzlichkeit macht den großen Reiz des Stückes aus: Hier die prunkvolle Welt am Hofe des Theseus in Athen, wo sich Hippolyta auf die Hochzeit mit dem Herrscher vorbereitet, dort das geheimnisvoll umnebelte Reich der Elfen im Wald. Neumeier greift das schon in der Musik auf: Die leichtfüßig-heitere Musik Felix Mendelssohn-Bartholdys, die für das höfische Leben steht, kombiniert er für die Feenwelt mit den schrägen und wilden Klängen György Ligetis. Und es ist einmal mehr die ganz große Kunst des wunderbaren Jürgen Rose, der mit seinem genialen Bühnenbild und den kongenialen Kostümen dem Ganzen den passenden Rahmen gibt: Den Olivenhain symbolisieren drei Drahtgestelle mit giftgrünen Glitzerblättern, alle Elfenwesen sind auf schillernde Ganzkörpertrikots mit silbrigen Kappen reduziert und jeden eigenen Profils beraubt – nur das majestätische Elfen-Königspaar Titania und Oberon und der Spaßmacher-Elf Puck stechen heraus.

Die Individualität der höfischen Protagonisten fällt da umso mehr ins Gewicht: Theseus und Hippolyta, das künftige Herrscherpaar, Hermia und Helena – Hippolytas Freundinnen, der Gärtner Lysander und der Offizier Demetrius.

Zwei Besetzungen sind in dieser ersten Aufführungsserie zu sehen gewesen – und stellenweise toppt die zweite die erste. Das gilt vor allem für Theseus/Oberon und Hippolyta/Titania. Edvin Revazov entwickelt hier eine sehr passende Attacke, die der Rolle die nötige Souveränität gibt. Eben dies lässt Christopher Evans in der ersten Besetzung vermissen – sein Oberon ist viel zu nett, hat keine Autorität, der Streit mit Titania wirkt eher unglaubwürdig, und auch als Theseus ist er zu wenig königlich. Hélène Bouchet aus der zweiten Besetzung dagegen dominiert sowohl als Hippolyta wie auch als Titania mit bestechender tänzerischer Präzision und Bühnenpräsenz – eine Idealbesetzung. Gerade bei den hohen Hebungen in der Feenwelt beherrscht sie mit ihrer schmalen Langgliedrigkeit und ihrer gebieterischen Eleganz die Bühne komplett. Alina Cojocaru, die diese Rolle weltweit schon vielfach getanzt hat, gestaltet diesen Part ebenso untadelig.
Interessant der Vergleich zwischen den Paarungen Helena/Demetrius und Lysander/Hermia. Leslie Heylmann tanzt die Helena mit dem nötigen Pep und Witz, worin ihr Xue Lin kaum nachsteht, es aber als sehr zarte Chinesin doch etwas schwerer hat, in dieser Rolle wirklich glaubwürdig zu erscheinen. Madoka Sugai ist eine schmelzend-feminine Hermia, während die noch sehr junge Charlotte Larzelere dieser Rolle etwas Mädchenhaftes verleiht. Felix Paquet – seit Beginn dieser Spielzeit als Solist vom National Ballet of Canada nach Hamburg gewechselt – tanzt den Demetrius noch eine Spur zu zackig, während Alexandre Riabko mit seiner großen Erfahrung genau die richtige Mischung aus Charme und Ungestüm austariert, gepaart mit perfekter Technik.

Die Entdeckung des Abends in der zweiten Besetzung jedoch ist der erst 19-jährige Alessandro Frola, gerade als Aspirant aus der Ballettschule des Hamburg Ballett in die Kompanie übernommen, in der überaus schwierigen Rolle des Lysander. Mit hoher Musikalität, eleganter Linie und für sein Alter erstaunlicher Präsenz zeichnet er diesen vielschichtigen Charakter nicht nur tänzerisch, sondern auch darstellerisch überzeugend. In der ersten Besetzung tanzt Mathias Oberlin diesen Part – nicht minder elegant und engagiert.

Marc Jubete ist ein großartiger Zettel – und führt die Bande der Handwerker souverän in jeden Schabernack. Hier besticht vor allem Borja Bermudez als Flaut und Thisbe, weil er nie übertreibt und gerade deshalb urkomisch ist. Dieses Ausbalancieren des richtigen Maßes muss der gerade vom Bundesjugendballett in die Kompanie übernommene Artem Prokopchuk in der zweiten Besetzung noch ein bisschen lernen – Vorbilder dafür gibt es in diesem Ensemble allerdings genug!

Last but not least der Puck/Philostrat von Sasha Trusch – was soll man noch für Worte finden für so viel Brillanz? Mit seiner phänomenalen Technik ist er ganz sicher die perfekte Besetzung für diesen Part, aber eben auch mit seiner Darstellkunst, die unmittelbar aus dem Herzen kommt und in die Herzen trifft.

Markus Lehtinen am Pult führte das Philharmonische Staatsorchester mit sicherer Hand durch die verschiedenen Mendelssohn-Kompositionen (die Musik von Ligeti kam vom Band). Das Premierenpublikum feierte Neumeier mit Standing Ovations, und eben diese gab es auch für die TänzerInnen der zweiten Besetzung.

Veröffentlicht am 17.09.2019, von Annette Bopp in Kritiken 2018/2019

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