HOMEPAGE



Chemnitz

EINE EISKALTE WINTERREISE FEIERN

Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus



Er habe sie flüchtig gekannt, die „Winterreise“ von Franz Schubert. Und er müsse erst einmal nachdenken, ob er zum romantischen Liederzyklus einen interessanten Zugang finden könne. Den hat Choreograf Robert Bondara gefunden.


  • Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus in einer Choreografie von Robert Bondara Foto © Nasser Hashemi
  • Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus in einer Choreografie von Robert Bondara Foto © Nasser Hashemi
  • Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus in einer Choreografie von Robert Bondara Foto © Nasser Hashemi
  • Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus in einer Choreografie von Robert Bondara Foto © Nasser Hashemi
  • Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus in einer Choreografie von Robert Bondara Foto © Nasser Hashemi

Von Peggy Fritzsche

Er habe sie flüchtig gekannt, die „Winterreise“ von Franz Schubert. Und er müsse erst einmal nachdenken, ob er zum romantischen Liederzyklus einen interessanten Zugang finden könne. Das sagte Robert Bondara, als er gefragt wurde, ob er auf Klassikerbasis eine Choreografie inszenieren wolle. Am 6. September hob sich im Chemnitzer Opernhaus nun der Vorhang zur Uraufführung von Bondaras „Winterreise“.

Die Bühne kahl, links und rechts ein Loch im Boden: in dem einen ein Klavier, im anderen nur Schwarz. Eine Frau schreitet über das Parkett, setzt sich ans Klavier. Und nun? Wird es eisig. Da schieben sich Frostschollen in den Blick. Knarzig und schneidend und eiskalt klirren sie ineinander. Irgendwie fahl, irgendwie garstig. Grau in Grau tappt ein Mann ins düstere Bild. Ein Wanderer. Er zieht durch die Landschaft. Draußen ist es schwarz-weiß und in seinem Inneren düster. Er wolle eine symbolische Reise durch den Verstand des Wanderers und den Kampf mit der inneren Dunkelheit widerspiegeln, so Bondara. Er wolle Winter- zu Gedankenlandschaften werden lassen und seelische Zustände und Emotionen wie Naturerscheinungen zeigen. Einsamkeit, Verlassenheit, Entfremdung. Den Wanderer macht er zum lyrischen Ich. Die Tänzer sind Multiplikatoren.

Wer heutzutage in eine „Winterreise“-Choreografie gehe und fracktragende Sänger mit Notenblättern vor sich erwarte, sei nicht ganz auf dem Laufenden! So hatte ein Kritiker nach der Aufführung gemeint. Befürchten darf man eine solche Inszenierung immer. Entwarnung in Chemnitz. Ballettdirektorin Sabrina Sadowska hatte wieder ihr Glückshändchen ausgestreckt und Bondara verpflichtet, der im diesjährigen Jahrbuch „tanz 2019“ als ein „Hoffnungsträger“ gelistet wird. Er gehöre zu den Tanzakteuren mit den besten Aussichten, steht da geschrieben. Den Bariton lässt er in Chemnitz nun nicht stocksteif am Flügel stehen. Er lässt ihn tanzen. Und singen, klar: mal liegend, mal kauernd, mal fallend, mal kullernd. Sieben Tänzer bittet Bondara in des Sängers Gesellschaft zur eisigen Winterreise. 24 Lieder lang tragen sie strotzende Kraft, sanfte Geschmeidigkeit, elektrisierende Dynamik, hingebungsvolle Körperbeherrschung ins Publikum. Er setzt mit den Damen Frauenbilder in den Zyklus, die Perfektion und Unerreichbarkeit vorgaukeln, und dann wieder Wärme und Glück versprechen. Die sechs Kompanie-Frauen sind Kontrapunkte. Sie sind stark, groß, überlegen weich und vor allem: warm. Sie erleuchten die trübe Winterreise, „die länger anhält, als der Anschlag der letzten Note nachschwingt.“ So hatte es sich Robert Bondara im Vorfeld ausgemalt. Und so kam es beim Premierenpublikum an. Applaus für das eiskalte Bühnenbild mit Video- und Lichtextra, Schmelzeffekt inklusive. Bravo für die Ensemble-Sensation. Und stehende Ovationen für den jungen Choreografen.

Veröffentlicht am 09.09.2019, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 401 mal angesehen.



Kommentare zu "Eine eiskalte Winterreise feiern"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    MAL KLASSISCH UND MAL WIEDER NICHT

    Der Krieg am "Schwanensee" als Neudeutung des Klassikers erschöpft sich schnell

    Es soll wohl klassischer werden beim Ballett in Chemnitz - und zugleich auch wieder nicht. So wirkt Sabrina Sadowskas und Eno Pecis Interpretation des "Schwanensee" in ihrer Collage-artigen Mischform der Stile eher wie eine programmatische Ansage.

    Veröffentlicht am 01.04.2019, von Boris Michael Gruhl


    PERSÖNLICH. PERSÖNLICHKEIT

    Peter Svenzons "Persona" am Theater Chemnitz

    "Showcase" heißt eine Reihe des Chemnitzer Balletts - mit Auftritt im Probensaal: Das Publikum hockt direkt am Schwingbodenrand. Wer zuguckt, bebt mit, bekommt Schweiß ab und muss die Beine anziehen, damit die Tänzer nicht drüber stolpern.

    Veröffentlicht am 21.01.2019, von Gastbeitrag


    JEDER TANZT FÜR SICH ALLEIN

    Ballett nach Motiven von Edward Hopper am Theater Chemnitz

    Der zweiteilige Abend „Gesichter der Großstadt“ von Rainer Feistel und Yiming Xu ergründet die Tiefen menschlicher Einsamkeit mit Choreografien voller Zuneigung und einer breiten musikalischen Palette.

    Veröffentlicht am 31.10.2016, von Boris Michael Gruhl


    TÖDLICHES MOBBING ZU ROMANTISCHER MUSIK

    Erfolg für Rainer Feistel mit dem Ballett „Giselle“ in Chemnitz

    Sein Ballett heißt ganz bewusst „Giselle“, denn das junge Mädchen steht im Mittelpunkt. Giselle lebt schüchtern und zurückgezogen, ist aber von einer großen, unbestimmten Sehnsucht befallen.

    Veröffentlicht am 27.04.2015, von Boris Michael Gruhl


    SANFTE MUSIK UND SCHÖNE MENSCHEN

    Reiner Feistel zelebriert „König Artus“ als Ballett in Chemnitz

    Das Mittelalter lebt in Comics, Blogbustern im Mainstream à la Hollywood, Computerspielen und immer wieder auf den Theaterbühnen. Für seine erste Uraufführung als Chef des Chemnitzer Balletts wählte Feistel Motive der Artus-Geschichte, deren Ursprünge nach Britannien in das fünfte Jahrhundert führen.

    Veröffentlicht am 30.03.2014, von Boris Michael Gruhl


    EROS UND JAHWE, „SERENADE“ UND „KADDISH“, LIEBE UND GEBET

    Das Ballett Chemnitz eröffnet mit einem fulminantem Bernstein-Tanzabend die Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz

    Veröffentlicht am 22.02.2010, von Boris Michael Gruhl


     

    AKTUELLE NEWS


    CHRISTIAN WATTY ÜBERNIMMT DIE EURO-SCENE LEIPZIG

    Ab 2021 wird der Düsseldorfer Festivaldirektor und künstlerischer Leiter des europäischen Theater- und Tanzfestivals
    Veröffentlicht am 12.09.2019, von Pressetext


    SCHWEIZER TANZPREIS 2019

    La Ribot erhält den Schweizer Grand Prix Tanz 2019
    Veröffentlicht am 12.09.2019, von Pressetext


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    GEOMETRISCHES BALLETT

    Hommage á Oskar Schlemmer von Ursula Sax (DE)

    Das Dresdner Ensemble bringt am 6./7.September 2019 in der Choreografie von Katja Erfurth das „Geometrische Ballett“ der Bildhauerin Ursula Sax als szenische Wiederaneignung mit Live-Musik im radialsystem Berlin zur Uraufführung.

    Veröffentlicht am 05.08.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    SCHWERGEWICHTE

    Das Spielzeitheft Nr. 6 ist online

    Veröffentlicht am 02.09.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „ONE FLAT THING, REPRODUCED“

    „Frankfurt Diaries“ vom Gärtnerplatz-Ballett in der Reithalle in München

    Veröffentlicht am 24.11.2015, von Malve Gradinger


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München

    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar



    BEI UNS IM SHOP