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Hannover

LEBEN UND STERBEN FÜR DEN TANZ

Abschluss des Festivals Tanztheater international in Hannover



Anna Pawlowa muss mit einem Lächeln aus dem Himmelsdunst hinunter geguckt haben: Intime Choreografien beschäftigen sich mit ihrem "Sterbenden Schwan" und hinterfragen die Klischees und Berufung von Tänzerinnen und Tänzern.


  • "No Dance, No Paradise" von Pere Faura / La Diürna Foto © Bernhard Müller
  • Marco Goeckes "Äffi" bei Tanztheater international Foto © Patricio Melo
  • "The Swan and the Pimp" von Hillel Kogan Foto © Tamar Lamm

Anna Pawlowa muss mit einem Lächeln aus dem Himmelsdunst hinunter geguckt haben nach Hannover. Gleich drei der intimen Ein- bis Zweipersonenproduktionen beim jetzt zu Ende gegangenen Festival Tanztheater international befassten sich mehr oder weniger direkt mit ihrem „Sterbenden Schwan“. Dass die Auseinandersetzung mit der Ballettklassik, die auch andere Choreografien des Festivals bestimmte, noch immer so bedeutend ist für heutige Tanzschaffende muss angesichts von Klimawandel und manchen sozialen Verwerfungen in unserer Gesellschaft wie der Völkergemeinschaft schon etwas wundern. Aber natürlich lassen sich auch auf dem ästhetischen Sektor gesellschaftliche Phänomene spiegeln.

So wie es der Israeli Hillel Kogan in seinem Duo „The Swan and the Pimp“ (Schwan und Zuhälter) tut. Schwarzweiß ist die klassische Ballettwelt, emblematisch im „Schwanensee“, trennt säuberlich den ätherischen weißen vom frivolen schwarzen Schwan. Der Choreograf tanzt selbst in schwarz, während Carmen Ben Asher in weiß auftritt. Wenn er am Mikro über die Verfügbarkeit der Frauen rappt, passt er am besten zur Rolle des Zuhälters, ähnlich wie Choreografen einst ihre Ballerinen den lüsternen Blicken der Abonnenten aussetzten, die sie nachher zum Souper (und mehr) entführten.

Doch die Klischees werden bei ihm auch umgestülpt. Dann kommt er zwischen ihren Beinen zu liegen wie in Mutters Schoß, hilft sie dem älteren Partner aus dem Spagat auf, umklammert dann mit ihren Beinen seinen Leib wie ein trostsuchendes Kind. Tänzer, Tänzerin, beide haben ihre Verletzlichkeiten, beide wirken in ihren nah aneinander ausgeführten Bewegungen oft wie Körper und Schatten, Idee und Realisation. Auch die Vogelmetapher wird ausgekostet. Mal hockt Kogan wie eine Henne auf der Liegenden, der Po wird wackelnd rausgestreckt, die Hände flattern zu federndem Trippelschritt. Fuß an Fuß, Po an Schoß rüttelt sich das zurecht wie bei der Begattung.

Während sie sich bulimisch zu übergeben scheint, handelt sein Rap von den Schmerzen der Tänzer. Zuletzt kommt er nur in Babywindeln auf allen Vieren zurück, wird zum „Sterbenden Schwan“ mit flehenden Armen in Rückenansicht à la Pawlowa, einst ein Skandal. Dann Kopf in Nacken, tot. Sie war die Stärkere - oder: Die Idee überlebt.

Kogans Stück überzeugt in der filigranen Zerlegung des Ballettmaterials, das bei ihm nicht mehr wie Zitat wirkt, sondern Ausgangspunkt wird für eigene, sehr konkrete Bewegungen und überraschende Konstellationen, kontrastreich überschnitten von Rap, Techno, Tschaikowsky und Saint-Saëns.

Die einst skandalöse Rückenansicht des sterbenden Pawlowa-Schwans nimmt auch Marco Goecke, Hannovers neuer Ballettdirektor, in seinem bekannten Solo „Äffi“ von 2005 auf, das in Hannover als Gruß freundlicher Verbundenheit mit dem Festival im Doppel mit Kogan zu sehen war. Der fabelhafte Maurus Gauthier tanzt mit freiem Oberkörper, so dass die Bewegung jedes einzelnen Muskels zu sehen ist. Er tanzt in rasantem Tempo eine gleichfalls an einen sterbenden Schwan erinnernde Choreografie. Die Hände flattern wie unter Strom, die Schulterblätter vibrieren wie unter Stroboskoplicht, dazwischen Drehsprünge, Schreie, wackelnder Po, dieser Vogel ringt mit dem Tod und ist doch noch voller Leben.

Er pfeift Brahms’ Wiegenlied, doch dieser Körper kommt nicht zur Ruhe. Er hebt von neuem an, ist die Bewegung selbst, als durchbebte er eine ganze Choreografie, ein (Tänzer-)Leben im Schnelldurchlauf. So kurz wie grandios.

Der Blick auf die Klassik holt, parallel zum Breakdance, dem anderen großen Steinbruch des gegenwärtigen Tanztheaters, auch die Virtuosität zurück auf die Bühne. Der katalanische Choreograf und Tänzer Pere Faura erweist sich in seinem Solo „No Dance, no Paradise“ als versierter Künstler in vielen Stilen. Er tanzt wie Fred Astaire zu „Singing in the Rain“, wie John Travolta, wie eine Rosas-Tänzerin bei De Keersmaeker und, ja, auch er, Pawlowas „Sterbenden Schwan“. Das Tolle ist, wie er diese verschiedenen Schichten seiner eigenen Tanzbiografie erst nacheinander vorstellt, dann übereinanderstülpt und zuletzt als großartige Collage quasi gleichzeitig ausführt.

Der Beginn scheint lustig, wenn er zur „Singing in the Rain“-Musik erst nur die Tanzschritte der berühmtesten Filmszene beschreibt, sie dann tanzt und erläutert und sich dabei darüber wundert, warum einer alles doppelt, was im Lied gesungen wird: Ein Mann, der im Regen singt und tanzt, dass er im Regen singt und tanzt. Tja, Hollywood ist einfältig und trotzdem irgendwie „meta“, wenn man’s so vorführt wie Faura.

Und schon sehen wir den ausgestreckten Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger von John Travolta, die eingeknickte Hüfte, tanzen zwei Lichtdoubles mit ihm, dreht sich die Diskokugel. Und dann das kleine Schwarze zu De Keersmaekers Choreografie von Steve Reichs „Fase“. Und das Röckchen für die wichtigsten Momente aus dem „Sterbenden Schwan“, erst nur mit den Scheinwerfern auf die leere Bühne gezeichnet, so wie es nach Pawlowas kurzfristigem Tod in Brüssel zelebriert wurde, wie Faura erzählt.

Nachher zieht er alle Kostüme übereinander: Ballettröckchen, kleines Schwarzes, Travoltas am Unterschenkel weite Diskohose und Astaires Jacke. Und legt sie rückwärts Szene für Szene wieder ab: Jetzt steppt er nur zum gesprochenen Text, hinterlässt Farbschemen bei Travolta, folgt zwei Schatten bei Reich, trippelt zuletzt auf nackten Zehenspitzen als Schwan, fein die Arme hinterm Rücken wedelnd, dann den Kopf auf den Boden schmiegend, während Saint-Saëns’ Musik zur singenden Säge verzerrt ist.

Zu Leonard Cohens „Dance me to the End of Love“ legt sich eine Traurigkeit über die Diskobewegungen, die mit erhöhter Energik wechselt: nicht leicht, immer der Powertyp zu sein. Und so steht Faura denn erschöpft still, als auch für ihn nur noch Pawlowas Scheinwerfer zum „Sterbenden Schwan“ tanzen. Ein wunderbarer Moment des Memento mori in all der aufgedrehten Tanzwut. Ein Moment, den er mit einer furiosen Choreografie aus allen vorher angetippten Tanzstilen beantwortet: No Dance, no Paradise – jetzt ist das Leben, auch wenn er immer wieder fällt. Das ist so hinreißend wie berührend.

Das Festival endete mit 3000 Zuschauern und gut 90 Prozent Platzausnutzung. Die 35. Ausgabe gibt es vom 3. bis 12. September 2020.

Veröffentlicht am 09.09.2019, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2018/2019

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