KRITIKEN 2018/2019



Wolfsburg

VERBEUGUNG VOR LEONARD COHEN

Les Ballets Jazz de Montréal zeigen mit „Dance me“ bei Movimentos in Wolfsburg eine Hommage an den berühmten kanadischen Folk-Sänger



Eine emotionale Reise ins Innere des Folksängers als Aneinanderreihung einzelner Episoden gestalten Andonis Foniadaki, Annabelle Lopez Ochoa und Ishan Rustem.


  • "Dance Me" von Andonis Foniadakis, Annabelle Lopez Ochoa und Ishan Rustem Foto © Thierry du Bois
  • "Dance Me" von Andonis Foniadakis, Annabelle Lopez Ochoa und Ishan Rustem Foto © Marc Montplaisir
  • "Dance Me" von Andonis Foniadakis, Annabelle Lopez Ochoa und Ishan Rustem Foto © Matthias Leitzke
  • "Dance Me" von Andonis Foniadakis, Annabelle Lopez Ochoa und Ishan Rustem Foto © Thierry du Bois
  • "Dance Me" von Andonis Foniadakis, Annabelle Lopez Ochoa und Ishan Rustem Foto © Thierry du Bois

Der Auftrag ist klar, aber schwierig. Das wechselvolle Leben und Werk des Poeten, Songwriters und Malers Leonard Cohen in eine Choreografie zu verpacken, so lautete die Idee von Louis Roubitaille. Mit Andonis Foniadakis, Annabelle Lopez Ochoa und Ishan Rustem hat der Leiter der „Les Ballets Jazz de Montréal“ drei namhafte ChoreografInnen mit ganz unterschiedlichen Handschriften dafür gewonnen. Herausgekommen ist „Dance me“, das die traditionsreiche Kompanie aus dem französischsprachigen Teil Kanadas, erstmals zu Gast beim Movimentos-Festival, nun in Wolfsburg gezeigt hat. Wer eine Art getanzter Biografie mit allen Phasen der Depression, Lebensangst und Zerrissenheit Cohens erwartet hat, wurde wohl enttäuscht. Gleichwohl ist der achtzigminütige Tanzabend eine wunderbare Hommage an den berühmten Sohn Montréals, der die Uraufführung zwar nicht mehr miterlebte, die Arbeit jedoch noch vor seinem Tod 2016 abgesegnet hat.

Der Abend beginnt beziehungsreich. Ein Mann, elegant im dunklen Anzug und mit typischem Feodora-Filzhut, geht langsam über die dunkle Bühne, akustisch begleitet nur von dem gesprochenen Auszug eines Gedichtes. Die stilisierte Cohen-Figur wird im Laufe der Vorstellung noch öfter bemüht. Immer wieder taucht sie auf, quert den Raum oder sitzt an einer Schreibmaschine und hämmert Poesie in die Tasten. Diese Anspielung ist allerdings auch das Einzige, was so überaus plakativ auf den Künstler verweist und gleichzeitig den erzählerischen Zweck im Unklaren lässt. Als die Figur entschwindet und die Scheinwerferleisten rechts und links aufleuchten, beginnt die emotionale Reise ins Innere des Folksängers als Aneinanderreihung einzelner Episoden zu einigen seiner bekanntesten und am häufigsten gecoverten Lieder.

Die Auswahl der Songs und ihre gefühlvolle tänzerische Umsetzung zielen direkt in die Seele. Das wird besonders deutlich beim traumhaft leichten „Lover, Lover, Lover“. Fünf Tänzer drehen sich wie berauscht am eigenen Körper geschmeidig und anmutig im offenen Hemd zum rauchigen Gesang bis die Szene in einer Videoprojektion von Rauch und fallendem Regen endet. „Boogie Street“ setzt noch deutlicher auf Erotik. Immer wieder wechseln die TänzerInnen ihre Konstellationen. Paare finden und verlassen sich, umklammern sich fordernd mit abgespreizten Beinen. Dann kommen kleine Gruppen zusammen und verschlingen sich zu einem Knäuel aus Körpern, stets fließend, auseinander- und wieder zusammendriftend, leicht gekleidet und offensiv sexy.

Cohen und die Frauen sind ein großes Thema, das der Abend in immer neuen Duetten aufgreift. Besonders berührend gelingt das mit „Suzanne“. Sanft und behutsam dreht der Tänzer seine Partnerin um seinen Körper, hebt sie über sich und lässt sie während des ganzen Stücks nur selten den Boden berühren. Wie ein Liebespaar wirkt dieses sanfte Umwerben, ein beständiges Schweben, unendlich langsam, zart und innig.

Doch die Stimmung wechselt. Immer wieder gibt es Brüche, ändern sich die durch Gesang und Tanz transportierten Emotionen mit der Ausleuchtung der Bühne — mal dunkel-melancholisch, mal warm und sanft, dann grell und gleißend. Vor allem „First We Take Manhattan“ aus den späten 1980er Jahren gerät wesentlich cooler, schneller, mit viel Beats und Jazz-Elementen in der Choreografie. Abwechslungsreich sind auch die immer wieder eingeblendeten Videos. Stürzende TänzerInnen, Rauchschwaden, rote Lippen wie aus einem Werbespot und gleißende Buchstaben, wie von einer Schreibmaschine ausgespuckt untermalen als Bühnenbild die jeweilige Szene.

Das Ende ist vorhersehbar und überraschend zugleich und greift zudem einen anderen wichtigen Aspekt im Leben Cohens auf — seinen Glauben. „Hallelujah“, das sicherlich meistkopierte Lied des Künstlers, setzt als live gesungenes Duett den sanften Schlusspunkt der Vorstellung. Die liefert mit ihren Einzelstationen aus dem Werdegang des großen Musikers zwar keine überraschenden Aspekte oder tief gehenden Neuinterpretationen. Aber sie ist das, was sie verspricht: eine eindrucksvolle, technisch umwerfend getanzte Verbeugung.

Veröffentlicht am 25.07.2019, von Kirsten Poetzke in Kritiken 2018/2019

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