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München

HINREIßENDE MORBIDITÄT

Bayerisches Staatsballett mit „Á Jour – zeitgenössische Choreographien“ im Prinzregententheater



Ein hinreißend morbider Ballettabend mit Choreografien von Yuka Oishi, Edwaard Liang und Andrey Kaydanovskiy.


  • "Der Tod und das Mädchen" von Edwaard Liang Foto © S. Gherciu
  • "Der Tod und das Mädchen" von Edwaard Liang Foto © S. Gherciu
  • "Der Tod und das Mädchen" von Edwaard Liang Foto © S. Gherciu
  • "Der Tod und das Mädchen" von Edwaard Liang Foto © S. Gherciu
  • "Cecil Hotel" von Andrey Kaydanovskiy Foto © S. Gherciu
  • "Cecil Hotel" von Andrey Kaydanovskiy Foto © S. Gherciu
  • "Cecil Hotel" von Andrey Kaydanovskiy Foto © S. Gherciu
  • "Le Sacre du Printemps" von Yuka Oishi Foto © S. Gherciu
  • "Le Sacre du Printemps" von Yuka Oishi Foto © S. Gherciu
  • "Le Sacre du Printemps" von Yuka Oishi Foto © S. Gherciu

Wo man hinsieht, regiert der Tod – beim Dreiteiler „Á Jour“ des Bayerischen Staatsballetts. Erst in neoklassisch-schöner Verkleidung, dann wird es emotional-wuchtig. Zum Schluss herrscht ein derartiges Übermaß an (Selbst)Mordlust, dass das Zusehen pures Vergnügen bereitet. Obwohl hier alle drei Frauen die Hälfte der Zeit vornehmlich als Leichen tanzen. Schwerkraftselig-brillant übrigens. Um solche Ideen schaurig-ansprechend und zugleich überaus witzig zu choreografieren, braucht es wahrlich Talent.

Insgesamt entwickelt sich nichts, wie man es erwartet. Das verleiht diesem hinreißend morbiden Ballettabend mit zwei Uraufführungen und einem 35-minütigen Solo für Münchens Spezialgast Sergei Polunin lebhafte Frische und stellt die Relevanz zeitgenössischer Kreationen aufs Beste heraus. Scharnierfunktion hat dabei Yuka Oishis inhaltlich eigenwillige Auslegung von Strawinskys „Le sacré du printemps“. Die sich zu ekstatischer Turbulenz steigernde Musik berauscht zwar nur vom Band, treibendes Element bleibt sie dennoch. Insbesondere wenn das für und mit Polunin erarbeitete Stück aus dem Opferritual eine Hommage an Vaslav Nijinsky macht. Premiere war 2018 in St. Moritz. Ein bedeutsamer Ort für Nijinsky, an dem der Jahrhunderttänzer ein letztes Mal öffentlich auftrat, bevor ihn der Wahnsinn völlig in die innere Isolation trieb.

Bei John Neumeier in Hamburg – dort war die Oishi seit 2002 im Ensemble – mag die ab 2015 freischaffende Choreografin viel über Nijinsky erfahren haben. So wird der Bühnenboden von einem großen Ring aus Herbstlaub dominiert. Schließlich zeichnete Nijinsky zuletzt nur noch Kreisstrukturen. Stellenweise gibt es jedoch erhebliche Durchhänger. Polunin versteht es aber immer wieder ausdrucksvoll neu anzusetzen. Beispielsweise wenn er kurz Nijinskys berühmten Faun zitieren darf oder mit Blick durch den Zielsucher eines imaginären Gewehrs verharren muss. Er pirouettiert und battiert – technisch sehr fein – unter changierendem Licht, kauert und kreucht geängstigt umher und versucht, dem Abdriften ins Vergessen bzw. Sich-Verlieren mit explosiven Sprungakten zu entkommen. Vergebens. Nicht einmal dicke Seile, lange verborgen unter den Blättern, geben mehr Halt. Im finalen Aufbäumen dieses „Sacré“ ist Polunin dermaßen in ihr Gewicht verstrickt, dass es ihn machtlos niederreißt. Vom Solisten her wirklich eindrucksvoll.

Ebenfalls seine ganz eigene Geschichte erzählt Edwaard Liang zum zweiten Satz aus Franz Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“. Der in Kalifornien aufgewachsene Taiwanese, Ex-Solist des New York City Ballet und Nederlands Dans Theater, speist sein Bewegungsvokabular stilistisch aus klassischen Elementen. Den modernen Touch verleihen seinem Stück Passagen, in denen sieben Jungs – optisch durch teuflisch nach hinten gegelte Frisuren und geschwärzte Arme zur Einheit verschnürt – viel Kontakt zum Untergrund halten. Meist akzentsynchron zur leicht kratzig aus den Boxen surrenden Komposition. Alles ist stimmig. Der Plot allerdings entwickelt sich nur schleichend. Geheimnisbelastet gibt sich das solistische Dreiecksgefüge aus Henry Grey und zwei Zwillingsschwestern (Kristina Lind und Prisca Zeisel). Mal führt er, dann nehmen sich die zwei Frauen den athletisch-eleganten Mann vor. Am Ende entweicht ihm sein Leben. Bildstark symbolisiert durch rote Bänder, die von den Damen und deren offensichtlich diabolischer Begleitgruppe aus der Mitte seiner Brustgurte gezogen werden. Tolle, verkehrte Welt.

Auf die Perspektive kommt es auch in Andrey Kaydanovskiys „Cecil Hotel“ an – dem choreografischen Höhepunkt nach der Pause. Nicht nur wer Originalität im Tanz und/oder Krimis schätzt, wird diesen veritablen Horrortrip durch herrlich angestaubtes Ambiente lieben. Dazu hat Dmitry Cheglakov einen Soundtrack ersonnen, für den Edgar Wallace gemordet hätte. Stimmig zum fiesen Psychothriller passen außerdem das mehrdeutige Ende sowie die genialen Interpreten. Darunter Jonah Cook und Ksenia Ryzhkova als lacklederbestiefelte Prostituierte mit unvergleichbarer Egalo-Miene. Ohne jeglichen Peinlichkeitsfaktor! Bedauerlicherweise werden beide künftig bei uns bloß mehr als Gäste aus Zürich zu sehen sein. Dorthin haben sie sich nun auf die erdenklich skurrilste Art verabschiedet. Es platscht. Man hört jemanden ertrinken. Dann fällt der Spot auf Dustin Klein. Den mit Wischmob ausgestatteten Lobby-Boy, der alles mitbekommt, was die berüchtigten Serienmörder Richard Ramírez (Jinhao Zhang) und Jack Unterweger (Jonah Cook) an mörderischen Taten in den Fluren und Zimmern des ideengebenden Hotels aus Los Angeles an Mordfantasien ausleben. Als Verweis auf den – zuletzt 2013 – ungeklärten Tod einer Studentin im versiegelten Hotelwassertank lässt Kaydanovskiy Séverine Ferrolier im nassen T-Shirt durch die Szenerie geistern. Ein Mats Ek hätte das nicht besser machen können.

Veröffentlicht am 25.07.2019, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2018/2019

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