KRITIKEN 2018/2019



Pforzheim

SPRUNGBRETT

Junge Choreografen des Ballett am Theater Pforzheim



Die meisten der sieben Ensemblemitglieder des Balletts wagen sich zum ersten Mal auf neues Parkett, wechseln die Sicht vom Tanzenden zur Vogelperspektive eines Choreografierenden.


  • "Junge Choreografen" am Theater Pforzheim: Isaac di Natale Foto © Sabine Haymann
  • "Junge Choreografen" am Theater Pforzheim: Isaac di Natale und Selene Martello Foto © Sabine Haymann
  • "Junge Choreografen" am Theater Pforzheim: Selene Martello Foto © Sabine Haymann
  • "Junge Choreografen" am Theater Pforzheim: Isaac di Natale Foto © Sabine Haymann
  • "Junge Choreografen" am Theater Pforzheim: Abraham Rodriguez Iglesias und Elias Bäckebjörk Foto © Sabine Haymann
  • "Junge Choreografen" am Theater Pforzheim: Abraham Rodriguez Iglesias und Elias Bäckebjörk Foto © Sabine Haymann

Von Susanne Roth

Tanz kann vor allem eines: im Betrachter selbst Muskeln aktivieren. Bereits das bloße Zuschauen macht im Geist beweglich. Dass Tanz aber viel mehr bedeuten kann, als den Körper zu Höchstleistungen anzuspornen und sich denkbar möglich zu spannen, das machen „Junge Choreografen“ am Stadttheater Pforzheim deutlich.

Der Abend ist eine Mischung aus Theater, Ballett, zeitgenössischen Tanzformen und eine wohl dosierte Vermischung mit dem gesprochenen Wort, Musik und Bühnenbild, verstärkt durch Lichtkegel und Schatten bildender Beleuchtung. Die meisten der sieben Ensemblemitglieder des Balletts wagen sich zum ersten Mal auf neues Parkett, wechseln die Sicht vom Tanzenden zur Vogelperspektive eines Choreografierenden – und nehmen meist in ihrem eigenen kurzen Stück wieder die tanzende Rolle ein. Ein sich gegenseitig befruchtender Prozess, wie spätestens nach diesem mit Herzblut präsentierten Abend klar wird.

Dario Wilmington etwa, der zum ersten Mal in dieser Form bei der Premiere am 12. Juli in Erscheinung tritt und sich noch wenige Stunden davor über seine „Fehler“ beim Proben ärgert. Überflüssig, aber nachvollziehbar sei doch, so erzählt er im anschließenden „Meet and Great“ dem Publikum, in „I want your space“ auch viel improvisiert gewesen. Wie bitte? Da muss man schon staunen, wie fein justiert er mit Partnerin Evi van Wieren einen Lichtkegel synchron mit fließenden und teils abrupt abgewinkelten Gliedmaßen betanzt, während sich in einem weiteren, immer wieder von der Beleuchtung „angeschalteten“ Kreis ein Bündel an Haaren dem wilden Techno hinzugeben scheint. Vor allem das Duo muss sich abstimmen, miteinander klar kommen auf dem begrenzten Raum, während nebenan die Parallelwelt aufscheint. Überbevölkerung hat Dario Wilmington zum Thema gemacht.

In den Abend eingeführt hat eine Szene, die eher ans Reich des Theaters erinnert, an die Welt der 1920er-Jahre. Der große Gatsby lässt grüßen. So ähnlich führt sich der Protagonist auf, der eine junge Frau zum Casting vor sein Biedermeiersofa treten lässt. Die aus Italien stammende Choreografin Eleonora Pennacchini liebt offenbar das Drama. In immer neuen und auch mal sekundenlang eingefrorenen Posen führt sie in wenigen Minuten zu einem bitteren und für die junge Frau tödlichen Ende. An der Frau ist eindeutig eine Regisseurin verloren gegangen.

Gelacht werden darf angesichts eines Paares – Selene Martello und Isaac di'Natale – das sich herzhaft über einem großen Puzzle streitet. Da fliegen auch ohne Worte die Fetzen und die Puzzleteile sowieso. Wie im echten Leben hat mal der eine, mal der andere die Oberhand. Und da wiederum sieht man die großartige tänzerische Leistung, wenn Isaac di'Natales Körper exakt an der Stelle und millimetergenau ausweicht, an der ihn der bohrende Zeigefinger von Selene Martello treffen soll. Fein beobachtet von Evi van Wieren, mit großer Freiheit meisterhaft vom tanzenden Duo in „Unpuzzle“ umgesetzt beziehungsweise interpretiert.

Sich dem Tanz hingeben, das kann der nach Australien zurückkehrende Isaac di'Natale vielleicht noch etwas besser als zu choreografieren. Er hat sich aber auch die schwerste Aufgabe aufgehalst, indem er sein eigenes Solo „After Dinner Spezcial“ – eine Art Abschiedswinken mit einem mit Helium gefüllten „Happy-Birthday-Ballon“ – choreografiert hat. Etwas fader wirkend als die sehr aufwändig, aber auch mit mehreren Ensemblemitgliedern gestalteten anderen Kurz-Choreografien des Abends.

Entzückend, witzig und mit großartig überzeichneten Bewegungen komödiantisch unterlegt ist die „The Bench“-Szene und damit das zweite Stück von Eleonora Pennacchini, die ganz offensichtlich nicht nur das dramatische Fach, sondern auch das lustige in Gestalt einer Tanzszene mit einem sich tölpelhaft und verklemmt annähernden Paares auf der Parkbank beherrscht.

Ganz offensichtlich haben sich die „Jungen Choreografen“ auch mit Grenzen sprengenden Projekten beschäftigt. Alexandra Karabelas-Haacke, Referentin der Ballettdirektion, spricht es im Anschluss an die Darbietungen an: Konzepttanz. Offenbar heiß diskutiert, wie Tanzwissenschaftlerin Yvonne Hardt in ihrem ABC des modernen Tanzes im Internet darstellt. Gemeint ist offenbar eine Reflexion über Tanz und die Art, wie er produziert wird. Das kann auch „Stillstand“ im wahrsten Sinn des Wortes bedeuten. Wie es beim Stück „23,25,27...“ von Stella Covi auch der Fall ist, in dem sich Elias Bäckebjörk und Abraham Rodriguez Iglesias die Hemden aneinander knöpfen, auseinander knöpfen und mit wenigen Fingerbewegungen Stichworte wie „see“ einander zugewandt interpretieren. Das ist sicherlich etwas, woran sich konservativ eingestellte BesucherInnen von Ballett oder Tanz erst gewöhnen müssen: Dass sich auch mal nichts bewegt, und das in einer (musikalischen) Stille.

Vollends den ungewohnten Bogen überspannt Johannes Blattner mit „Cooking, Cleaning, Vaginas“. Verstörend, krass, ziemlich anstrengend, aber – wenn auch mit dem Dampfhammer eingebläut – nachdenkenswert – sein braves Mädchen tickt nämlich angesichts von „Be a good Girl“ oder „selbst schuld, wenn du dich so anziehst“ komplett aus. Von 100 Männern seien 90 Penner. Aber was ist das? Auf die Bäuche dreier aufgereihter Tänzer wird ein Video projiziert, in dem sich eine Frau offensichtlich einen starken Mann wünscht, der sie prügeln darf – „schließlich bin ich auch manchmal ganz schön frech“. Das gequälte Mädchen ist indessen in Paketklebeband gewickelt und strampelt sich brüllend los. Eine Papierschlacht mit heruntergerissenen sexistischen Sprüchen ist das Ende dieser aufwühlenden Szene.

Zu verdanken ist diese Form der Nachwuchsförderung, bei der die Choreografen auch in Pforzheim über sich selbst hinauswachsen, dem Stuttgarter Fritz Höver, der 1958 auf originäre Weise begann, junge Choreografen zu fördern, was sich alsbald als Sprungbrett für Talente erweisen sollte. Würde einen nicht wundern, wenn das auch in Pforzheim der Fall wäre.

Veröffentlicht am 14.07.2019, von Gastbeitrag in Kritiken 2018/2019

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