KRITIKEN 2018/2019



Mannheim

COOL, COOLER, AM COOLSTEN

Viraler Tanz bei den Mannheimer Schillertagen: „To da Bone“ von (La)Horde



Das dreiköpfige französische Künstlerkollektiv, das sich selbst an der Schnittstelle zeitgenössischer performative Künste definiert, hat mit Jumpstyle einen viralen Tanz entdeckt und im Stück „To da Bone“ bühnentauglich gemacht.


Wie sich zu Schillers Zeiten eine Outlaw-Community zusammenfinden konnte, lässt sich heute nur noch schwer vorstellen. Wie das heute ginge, ist klar: über’s Internet. Hat sich im Vor-Youtube-Zeitalter der Begriff „viral“ noch eindeutig auf eine ansteckende Viruserkrankung bezogen, so bezeichnet er heute in erster Linie die Ausbreitung eines Phänomens über die sozialen Netzwerke. Auch für die Akzeptanz neuer, clubtauglicher Tänze haben Facebook, Youtube und Instagram längst den Tanzschulen, Bällen oder Hollywoodfilmen den Rang abgelaufen.

Das dreiköpfige französische Künstlerkollektiv (La)Horde, das sich selbst an der Schnittstelle zeitgenössischer performative Künste definiert, hat mit Jumpstyle einen viralen Tanz entdeckt und im Stück „To da Bone“ bühnentauglich gemacht. Elf international gecastete Jumpstyler – darunter gerade mal zwei Frauen – springen dabei eine Stunde lang über die Bühne, als wäre der Tanzboden ein gnädiges Trampolin und Schwerkraft einfach überbewertet. Die Grundschritte (oder eben Sprünge) dieses ursprünglich aus den Niederlanden stammenden Tanzes sind simpel, die Ausführung ist es keineswegs. Bei den passenden elektronischen Beats (140 bpm) scheint sich der Herzschlag der Tänzer zu synchronisieren – und das funktioniert anfangs auch ganz ohne Musik.

Wenn die elf ProtagonistInnen nacheinander die Bühne betreten, sich breitbeinig aufstellen und leicht zornig ins Publikum schauen („Bitte recht feindlich!“), dann wird noch ein Hauch der sozialen Rebellion spürbar, deren Energie in diesem Tanz einen Auslass gefunden hat. Denn Jumpstyle ist eigentlich ein öffentlicher Tanz – eingeübt mit Hilfe von Youtube-Videos, gezeigt auf der Straße. Die TänzerInnen von „To da Bone“ sind freilich schon bühnentauglich gezähmt – auch äußerlich, im sportlichen Look mit engen Jeans, bunten Blousons und (natürlich) farbigen Sneakern.

Der Ehrgeiz richtet sich bei diesem Tanzstil in ganz besonderem Maß auf die Leichtigkeit und Lässigkeit, mit der diese Kraftausdauer-Probe absolviert werden kann. Leicht, leichter, am leichtesten berühren die Füße den Boden; cool, cooler, am coolsten kommen die Tänzer rüber. Sie erzählen in diversen Sprachen von ihrem Werdegang, erklären stilistische Unterschiede, persönliche Moves. Für das perfekt inszenierte Life-Video wird mal eben ein weißer Vorhang über ein Rack gezogen und die Nebelmaschine angeworfen, ein bisschen Theaterwunder auf der sonst leeren Bühne.

Nicht wenigen der überwiegend jungen BesucherInnen schien es am Ende in den Beinen zu zucken – auch in der direkten Übertragung funktionierte der Tanzvirus allerbestens.

Veröffentlicht am 02.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Cool, cooler, am coolsten"



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