HOMEPAGE



Bremen

TURBULENT WIE DAS LEBEN

steptext dance project präsentiert neues Tanzstück in der Bremer Schwankhalle



In Helge Letonjas "Turbulence" steigert sich der Tanz im hämmernden Rhythmus der Musik: wie eine Turbine, die sich immer schneller dreht, bis sie genauso allmählich zur Ruhe kommt wie sie sich anfangs in Bewegung gesetzt hat.


  • "Turbulence" von Helge Letonja Foto © Marianne Menke
  • "Turbulence" von Helge Letonja Foto © Marianne Menke
  • "Turbulence" von Helge Letonja Foto © Marianne Menke
  • "Turbulence" von Helge Letonja Foto © Marianne Menke

Ein Lichtstrahl, montiert an einer Metallkonstruktion, durchschneidet den Bühnenraum diagonal vom Boden Richtung Decke. Beinahe lautlos entwickelt sich zunächst dahinter der Tanz eines komplett schwarz gekleideten Tänzers - eine Kostümierung, bei der auch das Gesicht verdeckt ist. Eine ebenso gesichtslose weiße Figur kommt dazu und im Wechsel aus suchendem Schweben, Stopps und fließenden Drehbewegungen entspinnt sich ein Tanz. In der Physik gelten Turbulenzen als ein Phänomen der Verwirbelung; im gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen Kontext stehen sie für Aufruhr. Helge Letonja hat sich in seiner neuen Choreografie von beiden Sichtweisen inspirieren lassen.

Nach und nach erscheint das restliche Ensemble tanzend dazu. Wie auf kleinen Inseln vollziehen alle ihre eigenen, oft fluid kreisenden Bewegungen, bevor sie – wie magnetisch voneinander angezogen – zu einer Gruppenchoreografie zusammenfinden und sich wieder abstoßen. Dieses Spiel aus Anziehung und Abstoßung, was sich synchron und asynchron vollzieht, erinnert an Brettspiele oder die Darstellung der unterschiedlichen Kräfte zwischenmolekularer Bindungen.

Viele Bewegungen erscheinen dabei wie ferngesteuert, wozu sicherlich auch die Kostüme von Rike Schimitschek beitragen. Denn mit der Gesichtslosigkeit bekommen die TänzerInnen etwas von Puppen und das schafft Distanz zum Geschehen. Daneben reduziert sich der Blick auf die TänzerInnen so ganz pur auf ihre Bewegungen und unterschiedlichen Körperlinien.

Auf immer neue und interessante Weise spielt die Choreografie mit Kostümierung und Maskierung und lenkt damit die Aufmerksamkeit des Publikums auf besondere Weise. So macht es etwas mit unserem Blick, wenn beispielsweise in eine Gruppe von vier TänzerInnen in schwarzen Ganzkörperkostümen eine Figur in Weiß hinein tanzt oder wenn eine Gruppe Maskierter auf eine Gruppe Unmaskierter stößt. Viele Variationen folgen. Dabei kann die Maskierung bedrohlich wirken, wenn einer ausgestoßen wird. Sie kann traurig wirken, wenn sich jemand in seine Maske zurückzieht. Tragisch wird es, wenn jemand maskenlos an einem Maskierten hängt; abgleitet. Und Stärke wird symbolisiert, wenn eine Gruppe Maskierter – wie gleichgeschaltet - dieselben Bewegungen vollzieht und dabei an wilden Aufruhr, Krieg oder Tumult erinnert. Dann aber wird es wieder geradezu zärtlich, wenn ein Unmaskierter einem Maskierten vorsichtig die Maske abnimmt.

Die Musik von Simon Goff trägt stark zur Abstrahierung bei, lenkt aber auch Rhythmus und Tempo des Geschehens sowie die inhaltliche Ausrichtung. Mit Streicher- und Orgelklängen, Maschinengeräuschen, Uhrenticken und mehr gibt sie viel Raum für weitere Assoziationen und bestimmte Raumvorstellungen. So wirkt anfangs alles geradezu sphärisch, wie aus einem Science Fiction. Ganz allmählich wird die Musik lebendiger und schneller, wie eine Turbine, die zum Drehen gebracht wird, bis sie in rasend-ratternder Geschwindigkeit alles zu dominieren scheint. Dann hasten alle nur noch hinterher - wie man es von Menschen in Großstädten kennt.

Diesem anstrengenden Sog kann man sich am Ende der 65-minütigen Choreografie nur schwer entziehen. In all ihren Verfremdungen zeigt „Turbulence“ gleichzeitig klar und assoziativ alle möglichen Höhen und Tiefen unseres Lebens – all die überraschenden Turbulenzen, die plötzlichen und wiederkehrenden Unruhen aus Liebe, Einsamkeit, Ausgrenzung, Angst, Scham, Fremdheit, Krieg, Verlust oder Nähe. Dabei überzeugt das siebenköpfige Ensemble (Kossi Sebastien Aholou-Wokawui, Leila Bakhtali, Oh Chang Ik, Mariko Koh, Vincenzo Rosario Minervini, Sophie Flannery Prune Vergères, Sergey Zhukov) mit einer homogenen tänzerischen Leistung, wobei alle ihre individuelle Tanzsprache behalten und in Solos oder Duos besonders zum Ausdruck bringen können.

Veröffentlicht am 01.07.2019, von Martina Burandt in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 447 mal angesehen.



Kommentare zu "Turbulent wie das Leben"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    KÜSSE UND BISSE

    Fotoblog von Ursula Kaufmann
    Veröffentlicht am 22.07.2019, von Gastbeitrag


    EINGEHEIZT IN NEUER MOVIMENTOS-SPIELSTÄTTE

    São Paulo Dance Company eröffnet das 17. Tanzfestival in Wolfsburg
    Veröffentlicht am 21.07.2019, von Kirsten Poetzke


    ABSCHIED AM STAATSTHEATER KARLSRUHE

    Verleihung der Großen Staufermedaille in Gold an Birgit Keil
    Veröffentlicht am 21.07.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SASHA WALTZ & GUESTS: »DIDO & AENEAS«

    Ab August 2019 mit neuem Sänger*innen-Cast wieder an der Staatsoper Unter den Linden Berlin

    Sasha Waltz‘ erste choreographische Oper »Dido & Aeneas« von Henry Purcell kehrt im Sommer 2019 wieder an die Staatsoper Unter den Linden Berlin zurück. Dort feiert am 18. August 2019 unter dem Dirigat von Christopher Moulds die neue Solisten-Besetzung ihre Berlin-Premiere

    Veröffentlicht am 13.07.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EINS MIT SICH

    Solos von Urs Dietrich und Susanne Linke in der Heidelberger Hebelhalle

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    OPULENZ UND EMOTIONALE ABSCHIEDE

    Die 45. Nijinsky-Gala beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Annette Bopp


    KOPFNOTE: TADELLOS

    Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden zeigt ihre jährliche Leistungsschau

    Veröffentlicht am 04.07.2019, von Rico Stehfest


    DANKE REGINE!

    Renate Killmann erinnert an Regine Popp

    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Gastbeitrag


    PROF. BIRGIT KEIL MIT DEM GOLDENEN EHRENFÄCHER AUSGEZEICHNET

    Doppelte Ehrung für das Staatstheater Karlsruhe

    Veröffentlicht am 04.07.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP